Nr. 53 vom 3. Juli 18191)

Sp. 1043-1046

 

Magnetismus

 

Erklärung und Nachricht, die Nonne zu Dülmen betreffend

von Theodor Lutterbeck  

 


 

Nr. 61 vom 31. Juli 1819

Sp. 1198

 

Berichtigung

 

Die in Numero 53 eingerückte Nachricht die Nonne zu Dülmen betreffend

von Theodor Lutterbeck 

 


 

Beilage zu Nr. 72 vom 8. September 1819

Sp. 1413-1420

 

Tagesgegenstände

 

Die Nonne zu Dülmen

An den Herausgeber des Rhein[isch] westf[älischen] Anzeigers

von C.W. Schilgen

 


 

Beilage zu Nr. 72 vom 8. September 1819

Sp. 1420

 

[Nachschrift]

von C.W. Schilgen

 


 

Nr. 77 vom 25. September 1819

Sp. 1503-1508

 

Tagesgegenstände

 

Die Nonne in Dülmen

Aus einem Schreiben des H[er]rn Doktors Joh[ann] Baptist Boner an den H[er]rn R.R. in Göttingen

 

Es gibt eine Menge Erscheinungen in der Körperwelt, welche die Vernunft als unbegreiflich existirend anerkennen muß und es ist nicht zu leugnen, daß der Schöpfer uns unsere Kräfte sehr 


[S. 1504] kärglich zugewogen, daß er uns unsere Schranken sehr enge gemessen hat. 

 

Der Mensch hat aber auch einen solchen Hang zum Wunderbaren, daß er gleich zum Uebersinnlichen hinaus will, sobald er nur eine nicht tagtägliche und deshalb ihm auffallende Erscheinung gewahr wird, und in diesem Hange zum Wunderbaren ist nach meiner Meinung der Grund zu finden, daß die Krankheits Erscheinungen und namentlich die Wundmaale, welche man bei der Chorjungfrau Emmerich wahrgenommen hat, durch eine Reihe von Jahren so viel Aufhebens im In- und Außlande machen konnten.

 

Verfolgen wir die Krankengeschichte dieser Person, so geht hieraus hervor, daß sie schon als Kind bei einer auffallenden Sensibilität sehr schwach organisirt war, und daß vorzugsweise bei ihr die Organe litten, welche zur Ernährung und Assimilation dienen. Als das Mädchen in den Jahren der Pubertät (Geschlechtsreife) war, da fehlte die nöthige Aufregung der Geschlechtssphäre, die Natur fand nicht das, was sie bedurfte, um die Geschlechtssphäre gehörig bearbeiten zu können, und so wurde sie nur sehr sparsam menstruirt. Demnach erfolgte ein periodisches Blutspeien, und die Blutausleerung durch die gewöhnlichen Wege der Menstruation erfolgte nicht; bald darauf litt sie an einem periodischen Blutbrechen, und zuletzt sah man vor ihrer Stirn ein periodisches Blutschwitzen. Alle diese Erscheinungen sind zwar nicht alltäglich, jedoch auch nicht übersinnlich. Der Arzt weiß es, daß die Natur, wenn sie beim weiblichen Menschen das Menstrualblut nicht ausleeren kann, auch oft die der Geschlechtssphäre entferntesten Wege in erhöheter Thätigkeit setzt, um sich hierdurch ihrer Bürde zu entledigen; und der erfahrene Arzt überzeugt sich von solch einem Vikariate der Menstruation gerade dann um so mehr, wenn die Blutausleerung nicht den Typus der Menstruation hält, wenn sie bald häufiger, bald seltener und mitunter zu ganz un-


[Sp. 1505] bestimmter Zeiten erfolgt, so wie ein Gleiches bei der Emmerich sehr oft beobachtet wurde.

 

Eine ärztliche Kommission hat zufolge eines obrigkeitlichen Befehls um die Mitte des Augustmonats a[nno] c[urrente] die Chorjungfrau durch eine Zeit von drei Wochen in ununterbrochener Untersuchung genommen. Diese Kranke, welche schon seit vielen Jahren von verdünntem Gerstenschleime lebt, weil sie jedes andere Nahrungsmittel sofort wieder erbrechen muß, gleicht einem mit Haut überzogenen Gerippe, doch ist sie von blühender Gesichtsfarbe, und das Gesicht ist hiebei etwas aufgedunsen. Das Alles ist jedoch nichts Wunderbares; denn eben so verhält es sich, (um nur ein einziges Beispiel anzuführen,) mit der Jungfer Gertrud Forstmann, einer vormalig Eigenhörigen des Freih[errn] v[on] Höflinger in der Gemeinde Alverskirchen 2 1/2 St[unden] von Münster. Dieses Mädchen lebt, was man sagen kann, seit mehreren Jahren von Wasser, welches sie so profus trinkt, und eben so profus ausschwitzt, daß der Schweiß durch das Bettstroh tröpfelt, und ihr deshalb täglich und mehreremale im Tage die Bettücher und übrige Wäsche müssen erfrischt werden. Sie hatte im Jahre 1811 die Periode im Flusse supprimirt, als sie an einem kalten Herbsttage beim Aufladen des Düngers den ganzen Tag hindurch ihre Füße der Erkältung aussetzte; sie hat demnach mehrere Jahre hindurch zu Quacksalbern ihre Zuflucht genommen, und auch nun und dann meine Hülfe nachgesucht. Der Schweiß, der bei der Forstmann zu ganz unbestimmten Zeiten auffallend ausbricht, giebt bei ihr das Vikariat der Menstruation ab.

 

Die Herren der Commission haben bei ihrer Anwesenheit in Dülmen einen blutigen Schweiß vor der Stirn der Emmerich gesehen; es war der merkwürdige Schweiß, der von diesen Jahren vor dem ersten Ausbruche der Wundmaale sich zeigte. Auch ist zu verschiedenen Malen ein Blutbrechen erfolgt: die Kranke, welche noch


[Sp. 1506]  nicht in den Jahren der Decrepidität ist, hat hiebei erklärt: daß, da das Blutbrechen eingetreten seye, ihrer Beobachtung gemäß die Wundmaale durch eine geraume Zeit nicht bluten würden. Meiner Beurtheilung nach hat hier die Kranke selbst den Standpunkt angegeben, von welchem aus man die Erscheinungen ihrer Krankheit zu beurtheilen habe; denn, wie früherhin dem Hauptorgan, so war nun wiederum den Verdauungsorganen eine überwiegende Thätigkeit gegen den Uterus geworden, das Menstrualblut hatte seine Richtung vom Hauptorgan ab nach den Verdauungsorganen genommen, und war durch den Speisekanal ausgeleert worden; es fehlte also den Wundmaalen der Haut das Blut, wodurch sie früherhin geblutet hatten. Dem Arzte, der Gelegenheit gehabt hat, dies Spiele der Natur bei fehlender Menstruation auf dem gewöhnlichen Wege zu beobachten, dürfte so auch diese Erscheinung, so wie das Blutschwitzen, keine ausserordentliche unerklärbare Naturerscheinung seyn.

 

Was aber das erste Entstehen der Wundmaale betrifft, hiebei wird doch wohl unsere Vernunft ihren Platz dem Glauben an ein Wunder cediren müssen? Ich darf hierauf antworten: es giebt einen Fanatismus, es giebt auch einen religiösen Fanatismus, und diesen beobachtet man häufiger in Klöstern als im weltlichen Leben, so wie er auch häufiger auf dem Lande als in Städten beobachtet wird. Daß der Nichtarzt im blutigen Schweiße der Kranken, der sich so wie das Blutspeien und Blutbrechen als ein Vikariat der Menstruation zeigte, ein Wunder vorfand, das war wohl nichts Unbegreifliches; und das man dann im frommen Sinn sich berufen fühlte, dem Wunder durch Zugpflaster oder durch spitzige und scharfe Instrumente nachzuhelfen, um so dem göttlichen Heilande ähnlicher zu werden, das war auch wohl etwas, und wenigstens nichts schlechtes Menschliches; daß ferner ein fester unbiegsamer Wille in der Kranken erwachsen konnte, das Geheimniß mit sich zu Grabe zu tragen, bei der Ueberzeugung, eine Handlung begangen zu haben, die Gott um so gefälliger seyn, und die auf die Glaubengenossen um so sicherer wohlthätig wirken müsse, wenn die Handlung durchaus vor dem Menschen ver-


[Sp. 1507] borgen gehalten würde. – Auch diese sind verkehrte Ideen, die im gewöhnlichen Leben nicht selten vorkommen. Erwäge ich hiebei das, was die Erfahrung anerkannter Aerzte, und ich darf es behaupten, was meine eigene Erfahrung mir zum Theil erprobt hat, daß nach erfolgter unterdrückter Menstruation auf dem gewöhnlichen Wege das Menstrualblut auch aus Geschwüren und Fontanellen, aus Hautwunden und Narben ausfließet; wie täuschend konnte dann nicht die Kunst die Blutung der Wundmaale machen, die die Natur selbst im Verlaufe der Zeit um so leichter unterhielt, als sie den Weg zum Hautorgan bereits sich gebahnt hatte.

 

So und nicht anders habe ich mir die Wundergeschichte, als sie mir mitgetheilt worden war, zu erklären gesucht, und ich fürchte um so weniger, daß man mich hiebei einer Unwahrheit strafen werde, da alle die Wunder, die ich erlebt habe, wenngleich sie auch von den klügsten und rechtlichsten Männern anerkannt wurden, dann doch nicht Wunder geblieben sind. Ich halte die Emmerich für eine fromme Person, so lange bis die Thatsachen mich überführen, daß sie eine boshafte Betrügerin ist; und dann würde es mir als Katholik wehe thun, wenn durch den Glauben an dergleichen vermeintliche Wunder dem absichtlichen Betruge ein weites Feld könnte geöffnet werden.

 


 

Nr. 79 vom 2. Oktober 1819

Sp. 1540-1546

 

Tagesgegenstände

 

Fragen eines Wißbegierigen, den Zustand der Anna Katharina Emmerich zu Dülmen betreffend*)

 

Die, wegen ihrer ominösen, periodisch blutenden Maale  an Händen und Füßen, auf der Brust, in der rechten Seite**) und um den Kopf,

 

*) Aus dem Schreiben des Verf[assers] theilen wir noch folgendes mit: "Der beigeschlossene Aufsatz wird dazu beitragen, manche irrige Meinungen und Aeußerungen zu vernichten, welche in mehrern münsterländischen u[nd] holländischen Gesellschaften ventilirt werden. – Ich glaube, daß es manche irrige Meinungen und Sagen gibt, die es ihrer Natur nach erheischen, selbige ohne Gnade und Warmherzigkeit der Geißel der Satyre preiszugeben. – Uebrigens können Sie sich darauf verlassen, daß das im beiliegenden Aufsatze Gesagte in Hinsicht seiner wesentlichen und Hauptumstände auf reiner faktischer Wahrheit beruht."

Soviel zur Entschuldigung für diejenigen Leser, die vielleicht in der Art der Darstellung an einzelnen Stellen Anstoß nehmen sollten.

Uebrigens brauchen wir wohl nicht von neuem Versicherungen unserer Unpartheilichkeit in diesem Streit zu geben, und daß eben so, wie wir in N[ume]ro 53 u[nd] f[ol]g[ende] die Aufsätze für die Erscheinungen an der Nonne zu Dülmen aufgenommen haben, wir auch die gegen dieselben gerichteten aufnehmen.

Anm[erkung] d[es] Herausg[ebers]

 

**) Durch die Wunde in der rechten Seite scheint die verwundete Jungfrau sich für diejenige theologische Partei erklären zu wollen, welche lehrt, daß die Wunde, welche dem sterbenden Heilande am Kreuze von einem soldaten mit einer Lanze beigebracht ist, sich in der rechten Seite befunden habe. Bekanntlich lassen die Worte des Evangelisten Johannes im 19ten Kap[itel] 33. V[ers] "Et unus militum latus ejus aperuit, et continuo exivit aqua et sanguis" – diese Sache unentschieden, wodurch sich unter den Gottesgelehrten ein hitziger Streit entzündet hat, der, wenn ich nicht irre, bis auf diesen Tag noch nicht ganz beigelegt ist. ...

Anm[erkung] d[es] Verf[assers]


[Sp. 1541] in Westfalen und besonders in Holland so vielfach besprochene und beschriebene Anna Catharina Emmerich, Chorschwester des aufgehobenen Augustinerinnen-Klosters Agnetenberg zu Dülmen, hat dem plötzlichen, aber räthselhaften Verschwinden dieser Maale und der von einer hohen Obrigkeit dieserhalb angeordneten Untersuchung die Ehre zu verdanken, neuerdings der Gegenstand eines allgemeinen Gesprächs geworden zu seyn. Auf einer Geschäftsreise durch Westfalen, welche mich nach Dülmen führte, hörte ich hier von unpartheiischen und sachkundigen Männern, daß die besagten Wundmaale, nachdem die Jungfer Emmerich glücklicherweise von der ihr bevorstehenden Untersuchung frühzeitig genug Wind bekommen habe, auf einmal und zwar an einem, mit bedeutungsvoller Bezeichnung ausgewählten Tage (Unschuldiger Kindertag 1818) verschwunden seyen und weiter nichts als narbenartige Stellen an Händen und Füßen, auf der Brust und in der Seite; dahingegen um den Kopf keine Spuren ihres Daseyns zuurückgelassen haben. Von den abgefallenen Wunden, wurde ferner erzählt, wären drei Sttück von der Dulderin des Morgens im Bette wieder aufgefunden; von einem, ihr zur Gesellschaft und Tröstung dienenden Fremdlinge aber weggenommen worden, welches man um so mehr bedauern müsse, als nun den Apothekern die Mittel entzogen seyen, über die chemischen Bestandteile dieser problematischen Wunden mittlst Behandlung auf der Kapelle Aufschluß zu erhalten. Der Zustand dieser Emmerich wäre verschiedentlich benannt worden. Der eine heiße ihn Mirakel – der andere Kunstwerk –der dritte ascetische Krankheit. Der letzte ausdruck wäre besonders in den jüngsten Zeiten aufgekommen, und würde vornehmlich von den Dienern der Emmerich gebraucht, die sich dadurch, wie die Glieder geheimer Orden durch die verabredeten Zeichen, unter einander zu erkennen gäben. Wenn gleich die


[Sp. 1542] Wundmaale auf Unschuldigenkindertag im Jahre 1818 unsichtbar geworden wären, so sey dieses doch kein definitives Verschwinden gewesen. Sie seyen vielmehr nun und denn, nach Zeit und Umständen, wieder zum Vorscheine gekommen, und haben es verstanden, sich zur rechten Zeit aus dem Staube zu machen, woran aber eben jeder Mensch mit zwei gesunden Augen das Wundervolle dieser Erscheinungen erkennen müsse. So sey im Anzeiger selbst von einem Arzte angekündigt worden: die Wunden bluten wieder – und als bald darauf sich verbreitet, habe der der nämliche ankündigende Arzt über Hals und Kopf geeilt, dem Publiko bekannt zu machen: die Wunden bluten nicht mehr – und was dergleichen erhebliche und wunderbare Umstände mehr sind. – Von den obrigkeitlich angeordneten Untersuchungen habe die erste im Winter dieses Jahres stattgefunden, und eine genaue Darstellung des damaligen Zustandes zum Gegenstande gehabt. Die jetzt noch obschwebende beschäftigte sich mit der Erforschung des ursachlichen Verhältnisses der Maale und aller dabei eingetretenen Umstände. Sie wollen den in Rede stehenden Erscheinungen den rechten Platz in den Krankheitssystemen der Aerzte anweisen. Ein anwesender gründlicher Gelehrter äußerte sich bei dieser Gelegenheit, daß schon ein alter Arzt am Ende des sechzehnten Jahrhunderts dergleichen Krankheiten zuerst in ein eigenes System gebracht, auch die Art angegeben habe, wie man diejenigen ertappen könne, die dergleichen vorspiegeln sollten*). In einigen Ländern, wo das Licht der Vernunft längst aufgegangen, sey nachher viel darüber geschrieben, und dies möchte die Ursache seyn, daß dergleichen überhaupt, und besonders das in

 

*) I.B. Sylvatici Tractatus de iis, qui morbum simulant deprehendendis, Mediolani 1595.


[Sp. 1543] Rede stehende erbauliche*) Leiden daselbst gar nicht mehr vorkomme, sondern gleich dem Aussatze und der orientalischen Pest als gänzlich ausgerottet zu betrachten stehe.

 

Zur Berichtigung der allgemeinen Meinung sieht man überall einer öffentlichen Verehrung entgegen.

 

Während meines Aufenthalts in Dülmen und bei noch fortwährender Untersuchung kommen von dieser Jungfer Emmerich, ihren Wunden und Umgebungen allerhand Geschichten in Umlauf, die über die Sache selbst bald mehr, bald weniger Licht zu verbreiten scheinen. Von einer dieser Anekdoten, die ich in Betreff ihrer Quelle für unverdächtig halten muß, habe ich für den Hausgebrauch Fragen abgezogen, die ich als Laie in der medizinischen Kunst dem ärztlichen Theile der Leser des Anzeigers vorzulegen mir die Freiheit nehme, mit der hinzugesetzten Bitte um öffentliche Belehrung. Auf mein Ersuchen hat ein holländischer Arzt bereits die Gewogenheit gehabt, diese Fragen zu beantworten. Da aber die Ansichten der Menschen sogar verschieden und die Herren Aerzte insbesondere in ihren Meinungen, selbst am Krankenbette, welches für uns arme Laien allerdings nicht sehr erfreulich ist, nicht selten ganz uneinig sind, so mag es seinen Nutzen haben, die Gedanken mehrerer Sachverständigen zu hören, zu sammeln und mit einander zu vergleichen, um wenigstens zu einem per plurima entschidenen Resultate zu gelangen. Das Publikum erhält zu gleicher Zeit die antworten meines Holländers, um davon Veranlassung zu nehmen, den Werth der aufgestellten Gesichtspunkte mit der Fackel der moralischen, psychologischen und medizinischen Kritik zu beleuchten und jede Einzelheit in diesen Antworten vor Augen zu stellen.

 

*) So überträgt Heinsius das Wort "ascetisch" – Volksthümliches Wörterbuch der deutschen Sprache, 1. B[an]d, Hannover 1816, S. 186.


[Sp. 1544]

Erste Frage: Wie heißt in der ärztlichen Kunstsprache diejenige Frauenzimmerkrankheit, welche, wenn nicht plötzlich Freund Hein mit seiner Sichel zum Vorscheine kommen und die brünstig geliebte erbauliche Kranke in sein Reich mitnehmen soll, erheischt, daß ein Arzt die weibliche Kranke einmal und nach Bedürfnissen zweimal aus dem Bette hebt, diese mit dem untersten Theile des Rumpfs in seinen Schoos zwischen den ausgespreizten Beinen, welche er auf den Sprossen zweier im magischen Dreiecke und weit aus einander vor sich hingesetzten Stühlen ruhen läßt, auf die Innenseiten seines Oberschenkels dergestalt hinlegt, daß der Kopf der Kranken an dem Busen des Arztes schmachtend gelehnt, der rechte Arm des Arztes um die Schultern der Erstern in sanften Bewegungen geschränkt, der linke hingegen zwischen den ärztlichen Schenkeln und dem untersten Theile des Torso der weiblichen Figur durchgeführt ist, indem eben diese Linke, mit Rum, Franzbranntewein oder einem andern, nicht wie Fusel riechenden Liqueur parfümirt, sich in sanften Streichelungen um den entblößten Boden des erwähnten Torso bewegt – und warum dann in Abwesenheit des Arztes kein Frauenzimmer, sondern nur allein eine Mannsperson, welche überdem und aus begreiflichen Ursachen nicht korpulent seyn darf, diese wohlthuende Leibesstellung und Streichelungen zuwegebringen?

Antwort: Maladie cataleptique, die, vom weiblichen Südpole ausgehend in stürmischen Bewegungen nach dem männlichen Nordpole strebt, um sich damit zu identifiziren.

Zweite Frage: Wie heißt in der Landessprache jene Stellung und Streichelung?

Antwort: Rückenlüftung.

Dritte Frage: Wie wirkt die Rückenlüftung?


[Sp. 1545]

Antwort: Magnetisch (psychisch-religiös)*).

Vierte Frage: Auf welche Weise?

Antwort: Wenn die magnetische Sphäre des Mannes in den magnetischen Wirkungskreis des Weibes tritt, so werden nach dem ewigen Gesetze der Natur die Centripedal- und Centrifugalkräfte rege, thätig und lebendig. Das Erzeugniß heißt Anziehung.

Fünfte Frage: Was heißt die Folge dieser Anziehung?

Antwort: Annäherung der feindlichen Pole – und Erschütterung des wundervollen Microcosmos – – –

 

Der Leser sieht, daß mein holländischer Arzt aus der Schule der Naturphilosophie kommt, und aus der Lehre des thierischen Magnetismus die herrliche Kunst geschöpft hat, seine wissenschaftlichen Ansichten mit empirischen Thatsachen in Rapport zu setzen. sollte er einst das Glück haben, in den Dunstkreis der Jungfrau in Dülmen zu treten, so möge es ihm auch bescheert werden, aus der Verwundeten eine Hellseherin zu machen, die zum wenigsten eben so viel verspricht, als Maria Rübel in Langenberg.

 

Zur Danksagung für ertheilten Unterricht habe ich meinen niederländischen Adepten ein Exemplar von Bakons Organon, worin die Bemer-

 

*) Dieser höhere psychisch-religiöse Magnetismus, welcher von dem physischen, worüber Kluge, Stieglitz und Pfaff geschrieben haben, wohl zu unterscheiden, ist ein Zustand nur erreichbar gottseligen Seelen, die körperliche Hülle sinkt bei ihm allmählich dahin, nur die Gerechten sind desselben fähig, der physische (gewöhnliche) Magnetismus gehört bloß für die Sünder !!! (S[iehe] Der animalische Magnetismus von Bährens, Elberfeld und Leipzig 1812, S. 17, 137 und f[olgende].)


[Sp. 1546] kungen des großen Kanzlers über die Götzen der menschlichen Vernunft mit Cursivschrift gedruckt waren, geschenkt. Welche Großmuth der Leser des Anzeigers ihm erweisen wolle, muß demselben überlassen bleiben. Ich verabschiede mich von beiden; indem ich bitte, bei Muße und Gelegenheit das Leben der Jungfrau zu Dülmen mit den verwandelten Meneiden zu vergleichen, von denen der spaßhafte Ovidius sagt:

Contaeque loqui, minimam pro corpore vocem

Emittunt, peraguntque levi stridore quaereas

Tectaque non sylvas celebrant: lucemque perosae

Nocte volant, seroque renent a vespere nomen.

 

Geschrieben auf der Gränze des Königreichs der Niederlande am Tage des heiligen Augustinus im 19ten Jahre des ersten Viertels des aufgeklärten neunzehnten Jahrhunderts von einem

reisenden Juwelier.1)

 

1) Nach Meinung von Hümpfner (Akten der kirchlichen Untersuchung, S. 361, 422) soll es sich bei dem Verfasser um Dr. Rave handeln.

 


 

Nr. 83 vom 16. Oktober 1819

Sp. 1617-1619

 

Entgegnung

 

Abgezwungene Rüge und Berichtigung in Beziehung auf N[ume]ro 79, S. 1540 des Rh[einisch] Westf[älischen] Anz[eigers] 

 

Das Publikum, Gott sey Dank, hat die Bemerkungen des verkappten reisenden Juweliers nur mit Unwillen und Verachtung aufgenommen. Wähnend das Zeitalter sey so tief gesunken, um an solchen ausgemalten Szenen Geschmack zu finden und die Terminologie des Magnetismus persiflirend, hat er eine geringe, aus freundschaftlicher Liebe begangene, möglichst die Kleinen ärgernde, Unschicklichkeit auf eine eben so unanständige als unwürdige Art entstellt. Hier die geschichtliche Thatsache, die der ganzen so schnöde ausgemalten Verläumdung zum Grunde liegt. 

 

Der im obigen Blatte genug bezeichnete reine Freund trägt seit 7 Jahren täglich zur Umbettung der leidenden Dulderin bei, (deren Anblick selbst dem rohesten Barbar Mitleid einflößen muß) und zwar läßt er während dem ihren von Schwäche zusammenfallenden, wahrlich nicht fleischvollen, die Sinnlichkeit des unverdorbenen Mannes durchaus nicht ansprechenden, zarten Körper auf den Knien ruhen, um ihren durch 24stündiges Liegen erhitzten Rücken einigermaaßen abzukühlen, und zur Verhütung des Aufliegens mit Spiritus zu waschen. Denselben Liebesdienst übte auch jener Arzt am 7ten Aug[ust] l[aufenden] J[ahres] auf dem Mersmannschen Zimmer, das jetzt gleich ihr Zwinger werden sollte, zum letzten Abschiede aus.

 

Es lohnt jetzt kaum der Mühe, die übrigen Unwahrheiten des verkappten Juweliers zu rügen. Nur in Hinsicht auf liberale Leser hatte


[Sp. 1618] ich mich verpflichtet und berufen, eine durch mich veranlaßte, in jenem Aufsatze vorkommende Unwahrheit und Verdrehung zu berichtigen.

 

Seite 1540, Z[eile] 10 heißt es: "So sey im Anzeiger selbst von einem Arzte angekündigt worden: die Wunden bluten wieder, und als bald darauf das Gerücht einer wiederholten Untersuchung sich verbreitet, habe der nämliche ankündigende Arzt über Hals und Kopf geeilet, dem Publikum bekannt zu machen: die Wunden bluten nicht mehr."

 

Der wahre Verlauf der Sache ist folgender: Wie nach Ostern die Mitnonne Clara Söntgen von Münster einen Besuch zu Dülmen abstattete, sagte die Jungfrau Emmerich zu ihrer innigsten Freundin: "So wie das Blut jetzt hervorkommt (sie selbst meinte das auf ihrer Stirn), wische sie es gleich mit einem Tuche ab." Da entgegnete die Söntgen (die wegen des ihr bewußten Vorgange am letzten Charfreitage das Wegwischen des Blutes auf die zur Schau liegenden Hand- und Fußmaale in ihren Gedanken ausdehnte) folgende Worte: "Das Verbergen ist vergebens; man weiß in Münster doch wohl, daß du blutest!" Auf die Art entstand der Irrthum der Cl[ara] S[öntgen], daß die E[mmerich] seit Charfreitag wieder an allen Maalen, auch an denen in den Händen und Füßen blutete, was die Leidende inzwischen aus Furcht vor den Quaalen einer neuen bloß weltlichen Untersuchung zu verbergen suchte. Diesen so auch mir mitgetheilten Irrthum hatte ich in meinem Aufsatze, der am 3ten Juli im Rh[einisch] Westf[älischen] Anz[eiger] erschien, einfließen lassen, den ich aber sobald der eben in obigem Blatte so garstig angegriffene redliche Mann mich eines andern belehrte, sofort in dem Anzeiger zu berichtigen eilte, ohne damals von der Organisirung einer neuen Untersuchung (das betheure ich auf mein Wort) auch die entfernteste Ahnung gehabt zu haben. Ich halte es nämlich für Christenpflicht, eben sowohl den anerkannten Irrthum offen und sofort


[Sp. 1619] einzugestehen, als auch der gekränkten Unschuld möglichst beizuspringen.

 

Haben die Gegner ihre Sache zu vertheidigen, keine gründlichere Waffen als mit Gassenkoth zu werfen und Geifer zu speien: so dürfte jeder Leser leicht sehen, auf wessen Seite die Schaale der Wahrheit, siegend, sinke.

 

Averbeck

Theodor Lutterbeck

 


 

Nr. 88 vom 3. November 1819

Sp. 1701-1703

 

Tagesgegenstände

 

Resultate der Untersuchung über die Nonne zu Dülmen 

 

Der H[er]r Kreiskommissair v[on] Bönninghausen, der die auf höhern Befehl angeordnete Untersuchung über die Nonne zu Dülmen geleitet, hat uns die Erzählung des Verlaufs und der Resultate derselben für den Rh[einisch] Westf[älischen] Anz[eiger] mitgetheilt. Da aber dieselbe den Raum, der uns für unsere Zeitschrift vergönnt ist, allzusehr überschreitet, so wird solche in einer kleinen, in diesen Tagen erscheinenden, Flugschrift dem Publikum mitgetheilt werden und wir begnügen und, hier den über das Ganze Licht verbreitenden Schluß derselben vorzusetzen, dem mehrere Auszüge nachfolgen sollen.

 

"Wir sind wirklich – von mir wenigstens kann ich es sicher behaupten", sagt H[er]r von Bönninghausen, indem er beschreibt, wie er nach beendigter Untersuchung die Nonne heimgetragen und freundlichen Abschied von ihr genommen habe, – "ohne Haß und Feindschaft von einander geschieden. Die Wahrheit zu geben, wie sie ist, ohne Blume und ohne Mantel, habe ich stets und hier besonders für strenge Pflicht ge-


[Sp. 1702] achtet. Daß sie eine Betrügerin ist, sagt die vollste Ueberzeugung, auf unzweideutige Thatsachen begründet, und die ganze Kommission, mit Ausnahme eines Einzigen, dessen Namen ich aus Schonung hier nicht kund geben mag, hat diese Meinung ausgesprochen. Aber wer wollte dann deshalb lieblos genug sein, und der Unglücklichen alles Mitleid versagen? – Sie weiß es und ich will es hier offen bekennen, daß ich Theil an ihrem Jammer nehme, und daß ich gern alles beitragen werde, sie aus den Schlingen zu retten, womit sie vielleicht nur Fanatismus, vielleicht aber auch höllische Bosheit umstrickt hat. Einige Spuren sind schon entdeckt, aber Manches liegt noch in tiefem Dunkel begraben; noch ist Hoffnung da, daß das ganze Gewebe enthüllt und der Welt zur Warnung offen gelegt werden kann, wenn auch schon Einer oder Anderer der Mitwisser in der Nacht des Grabes ruht. Indessen halte ich mich nicht für befugt, bloßen, wenn auch gegründeten Verdacht öffentlich mitzutheilen. So viel ist gewiß, daß die Jungf[er] Emmerich wenigstens nicht ohne Mithelfer gewesen, und daß man diese unter den Personen zu suchen hat, welche vor und gleich nach dem Erscheinen der Blutungen genauen Umgang mit 


[Sp. 1703] ihr gehabt haben. Ich füge noch hinzu, daß keine unserer braven deutschen Geistlichen sich unter dieser Zahl befindet."

 


 

Nr. 90 vom 10. November 1819

Sp. 1758-1762

 

Tagesfehden

 

Erklärung und fernere Frage des reisenden Juweliers 

 

Man vergleichen N[ume]ro 79, S. 1540 und N[ume]ro 83, S. 1617 u[nd] f[olgende] des Rh[einisch] Westf[älischen] Anz[eigers] 

 

Ich wohne in einem Staate, der seit geraumen Jahren den wohl begründeten Ruhm sich erworben hat, mit sinniger Ueberlegung Wissenschaften und Künste zu pflegen, und der Lüge und dem Betruge, diesen ärgsten Feinden des Menschengeschlechts, die vornehmlich die Armen am Geiste und die Kranken am Gemüthe zu beschleichen suchen, durch weise Einrichtungen den Eingang zu versperren, und das Gedeihen zu verwahren. – Mich kennt die ganze Nachbarschaft, und mancher Fremde findet mich, den die Juwelierkunst zu mir geführt hat. Ein abgesagter Feind aller Mummerei habe ich noch keiner Verkleidung Zutrauen abgewinnen können, sey sie auch noch so künstlich erdacht. Nimmer habe ich eine Kappe getragen. Die gön-


[Sp. 1759] ne ich jedem, der Lust und Liebe dazu hat, mit soviel Schellen daran, als ihm gefällig ist. Ich handele mit einer edlen und kostbaren Waare, und bin mancher Herren Länder durchgereist, um die Kunst zu erlerne: wie der Mensch ächtes Juweel von falschem Gesteine, das durch trügerischen Glanz die Blödsichtigen bethört, unterscheiden soll. Die Erfahrungen, welche ich eingesammelt, haben die Festigkeit meines Willens ausgebildet, daß ich überall ächtes Juweel nur ächt heißen, und lügenden Quark mit seinem Namen belegen will. Kraft dieser Eigenthümlichkeit meines Charakters bezeige ich dem H[er]rn Dr. Theodor Lutterbeck zu Averbeck bei Münster offen und unbefangen meine Theilnahme an seinen Freudenruf – "Gott sey Dank" – darüber, daß die Fragen eines Wißbegierigen von dem Publikum seiner Phantasie keiner so freundlichen Bewirthung gewürdigt sind, als diese kleinen Meteore, ihrer Natur nach, doch wohl verdient haben möchten – und erkläre weiter meine Zufriedenheit, daß eben diese Meteore bei dem Lutterbeckschen Publikum der Himmelsblume jenes Verhängniß nicht zubereitet haben, womit einst zu der Römer Zeiten Candida und Sagana zu kämpfen hatten, deren eben nicht beneidenswerthes Loos der Menschenkenner Horaz uns erzählt:

"O hättet ihrs gesehen, wie sie erschrocken

Der Stadt zurannten! Wie Candida

Die Zähne, wie die falschen Locken

Und Kraut und Zauberbinden Sagana

Im Laufen fallen ließ, ihr hätte euch die Nacht

Bei dem Spektakel krank gelacht".

Uebrigens da H[er]r Lutterbeck den Thatbestand, welcher meinen Fragen zum Grunde liegt, als richtig anerkannt und festgesetzt hat, diesen Thatbestand aus eigenem Antriebe und innerm Gefühle mit der Benennung einer – "aus Liebe begangenen Unschicklichkeit, woran die Kleinen (Wir? Ihr?) möglichst


[S. 1760] (soll wohl heißen: möglicher Weise) sich ärgern könnten", beehrt, und oben drein "eine von ihm veranlaßte Unwahrheit und Verdrehung" (S. 1618 Z[eile] 1-3) zum feilen Kauf gegeben hat: so wäre es nunmehr doch wohl an ihm gewesen, meine Fragen zu beantworten, oder die Unmöglichkeit einer Beantwortung überhaupt darzuthun, in so fern er den Beruf haben will, sich in diese Sache zu mischen, und die Antworten meines Holländers mit seinem Geschmack oder Wahrheitsgefühle nicht übereinstimmen. Anstatt diese Obliegenheit zu erfüllen, zeiht er sich stillschweigend vom Kampfplatze zurück, nachdem er viel Rumor und Schimpfwörtern gemacht, und sogar in seiner Broschüre: Die jüngste Untersuchung etc[etera] Dorsten 1819, Varianten, die er den Dames de la Halle abgeborgt, dazu geliefert hat. Mit seinem Vorgehen: mein holländischer Arzt habe durch seine Antworten die geistvollen Lehren des thierischen Magnetismus hohnnecken wollen, ist der Stein noch lange nicht abgewälzt. Herr L[utterbeck] zeige dagegen, wenn er anders vermag, wo unser Holländer sarkastische Reden geführt, und wo er im buchstäblichen Sinne gesprochen hat! Im Irrthum befindet sich Herr L[utterbeck] gewiß, wenn er dem reinen Holländer Zoten vorrückt, da dieser gelehrte Mann die geistigen magnetischen Lehren in der ihnen eigenthümlichen Terminologie vorgebracht hat*). Zu wünschen wäre es allerdings auch gewesen, daß H[er]r L[utterbeck] über die gar große Menge seiner lieblichen Schimpfwörter, die freilich das Schibolet einer gewissen Wohlgezogenheit sind, den kleinen Nebenumstand nicht vergessen hätte, 

 

*) Dieses haben viele Leser übersehen, und daum etwas Unanständiges darin gefunden, nicht bedenkend, daß die Antworten des Holländers ganz im Geiste und in der Kunstsprache unserer magnetisch naturphilosophischen Schulen gegeben und nach diesen erhabenen Mustern ganz getreu kopirt sind. A[nmerkung] d[es] V[erfassers]


[Sp. 1761] daß, wie es urkundlich soll dargethan werden können, bloß eine Mannsperson die Rückenlüftung verrichten kann. Es ist diese Schwäche des Gedächtnisses um so mehr zu bedauern, als eben dieser Fehler dem H[er]rn Lutterbeck in seinem oben angezogenen Schriftchen in der Art begegnet ist, daß er, statt jenes Schriftchen mit Unwahrheiten, Erdichtungen, Verdrehungen und anzüglichen, zur Sache nicht gehörenden, Anspielungen bis zum Ueberlaufen anzufüllen, darüber vergißt dem Breie jenes wesentliche, zur Entscheidung mitbeitragende, wahre Faktum, worauf die nachfolgende Frage gebaut ist, beizumischen – und was mir unter den Gedächtnißfehlern in der That doch sehr aufgefallen ist, daß in dem mehr belobten Schriftchen nirgends des H[er]rn Doktors Zumbrink zu Münster erwähnt ist, ob ich gleich aus unverdächtigen Quellen weiß, daß dieser ein nicht unthätiges Mitglied der Kommission mitgewesen ist. Doch jedes Ding in der Welt soll seinen hinreichenden Grund haben, und so wird dann dieses hier auch wohl der Fall seyn.

 

Bevor der fruchtbaren Feder des H[er]rn L[utterbe]cks die oben in Anregung gebrachten Fragen entfließen, gebe ich eine neue Frage zum Besten, und fordere ihn auf, darüber mit mir gleichfals eine Lanze zu brechen. – Die Sache selbst ist übrigens pünktlich wahr, wie die vorige.

 

Wie heißt diejenige Krankheit, wo eine Dulderin nach Belieben und Gutfinden, nach Zeitumständen, Verhältnissen und Personen bald leicht wie Gesunde, bald schwer wie Kranke, Luft schöpft, nun eine starke, weit und breit klingende Stimme; dann wieder ein leises Geflister, wie das klagende Geschrei der verwandelten Meneiden (levi stridore quaerelas) nach Willen und Wohlgefallen von sich gibt, und in welchem Verhältnisse steht diese Kunst mit einem heiligen Lebenswandel?

 

Damit der Leser zum Schlusse, auch eine an-


[Sp. 1762] schauliche Vorstellung von des H[er]rn L[utterbeck] blumichter Sprache erhalten möge, stelle ich einige seiner Lieblingssprüch zur Vergleichung nebeneinander:

 

S. 24 sein[er] Schrift: "Nönnchen A.C. Emmerich, dieses heroische, hochbegnadigte himmlische Mädchen –  lebt, wie die Alpenblume – von reiner Luft, Himmelsthau und den Strahlen der Gottes-Sonne. – Bald vielleicht, bald wird ihr Geliebter – sie verpflanzen in sein Paradies als Himmelsblume. – – –

 

S. 41: "Tiefste Versunkenheit – ve[r]worfenste – verschrobener Kopf – verächtlicher Charakter – Kernsprüche eines Luzianischen Bootsmanns – verbrämte Zoten – Schandbild – angegriffene Säfte – verdorbenes Gemüth –"

 

Fast hätte ich Lust, diese beiden Stellen zuammen zu setzen – was dann herauskommen würde? – Doch – H[er]r L[utterbeck] schlage reumüthig an seine Brust, und – verziehen sey ihm seine Poesie. – Nur eins sey mir noch erlaubt, zu bemerken: Styl und Anordnung sind in der Lutterbeckschen Entgegnung und in seinem Opuskulum so verschiedenartig*), daß ich wohl nicht mit Unrecht einen allgemeinen Meister ahne. Darum vereinige ich mein Flehen mit Freund Horaz:

"Gelehrter Catius, bei unseer Freundschaft, bei 

Den Göttern bitt ich dich, o sey

So gut und führe mich zu deinem großen Lehrer,

War dein Gedächtniß dir auch noch so treu, 

Bei so etwas ist man lieber Hörer

Des Meisters selbst: bedenke des Lehrers Angesicht,

Geberden, Minen, was die nicht 

Allein zur Sache thun! Du, der dies Glück genoß,

Scheinst es zwar freilich nicht sehr groß,

Zu achten, aber mir ist viel daran gelegen:

Ich ruhe nicht, ich finde dann,

 

*) Die Entgegnung der [!] H[er]rn Dr. Lutterbeck in N[ume]ro 83 ist von uns an mehrern Stellen aus Gründen, die in dem Charakter unserer Zeitschr[ift] liegen, sehr bedeutend umgeändert.

Anm[erkung] d[er] Herausg[eber]


[Sp. 1763] 

Und wär es auf den schwersten Wegen,

Den ersten Quell, aus welchem man

Die Lebensweisheit ächt und lauter schöpfen kann."

 

Im Uebrigen, verehrungswürdiges Publikum, weiß ich auch, obgleich ich nur ein schlichte[r] Juwelier bin, der weder Naturphilosophie noch Magie studirt hat, daß es eine, tief in der Erfahrung aller Zeiten und aller Völker begründete Wahrheit ist, die der unsterbliche Verfasser der Schweizergeschichte (in seiner Rezension von A. Lessings Berengarius Turonensis, Sämmtl[iche] Werke, 10 Theile) in folgende Worte eing[e]kleidet hat: "Anschwärzen kann man den Forscher der Wahrheit, ihn in den Ketzerkatalogus setzen und bei des Weltlaufs unkundigen Leuten seinen Ruhm zerstören; aber ganz kann man seine Sache nie unterdrücken. Zuletzt wird alles offenbar." Und damit es dieses werde, will ich redlich beitragen, und bald mit neuen Fragen, mitunter auch Antworten erscheinen, und – so werde dann das Offenbarwerden mehr und mehr befördert. Amen. 

Vivat Galilaei! –

Der reisende Juwelier.

 


 

Nr. 91 vom 13. November 1819

Sp. 1776-1779

 

Tagesgegenstände

 

Vorläufige Resultate der Untersuchung über die A.C. Emmerich zu Dülmen 

 

(Auszug aus der Schrift des H[er]rn v[on] Bönninghausen)

 

Wir werden unserm Versprechen gemäß auß dieser kleinen merkwürdigen Schrift unsern Lesern Auszüge geben, wobei wir uns selbst aber aller weiteren Bemerkungen, außer solchen, die dem mit dem Gegenstande unbekannten mit demselben bekannter machen, enthalten werden.

 

Die Erscheinungen an der ehemaligen Nonne zu Dülmen A.C. Emmerich, welche der Gegenstand einer im August d[es] J[ahres] stattgefundenen Untersuchung waren, bestanden in (vorgeblich


[Sp. 1777] den Wundmalen Christi nachgebildeten) Wundmalen an Händen, Füßen und in der rechten Seite – in einem Kreuze auf der Brust und einen Streifen (als Dornenkrone) um den Kopf  – in einer periodischen Blutung dieser Wunden (vorgeblich an allen Freitagen) – in einer angeblich nach und nach eingetretenen, mehrere Jahre hindurch von aller Speise und Trank, außer einer geringen Menge Wassers*). Diese Erscheinungen sollen ohne alle menschliche Hülfe entstanden seyn und einen Zeitraum von sieben Jahren ununterbrochen angehalten haben. Das Aufsehen, was dieselben erregten, war außerordentlich, nicht bloß in Westfalen und einem Theil der Rheinlande, sondern vorzüglich in Holland. Die A.C. Emmerich selbst und ihre Umgebung gaben diese Erscheinungen als etwas unerklärbares, als ein Wunder und zwar als ein Wunder religiöser Art aus, wenigstens thaten sie keinen Schritt, um diesen Glauben zu widersprechen, sondern gaben vielmehr der Sache einen pretiösen Werth und beförderten die Publizität derselben durch eine Menge Abdrücke des Kreuzes, welche unter den frommen Gläubigen vertheilt wurden, so daß sich die geistliche Behörde endlich ins Mittel legen mußte. Bald begann auch über Aechtheit und Unächtheit, insbesondere da man den Magnetismus mit jenen Erscheinungen in Verbindung brachte, ein lebhafter literarischer Streit, der sich nach und in mehrere Zeitschriften, und auch im Rh[einisch] Westf[älischen] Anzeiger verbreitete und wovon unsere Leser noch in den letzten Blättern Proben erhalten haben.

 

"Die Aufsätze", sagt hierüber H[er]r v[on] Bönninghausen, "über die Jungf[er] A.C. Emmerich zu Dül-

 

*) Hierauf bezieht sich die in dem Aufsatz des reisenden Juweliers im vorigen Blatte S. 1762 enthaltenen Aeußerungen aus der neusten Schrift des H[er]rn Dr. Lutterbeck, welche von mehrern Lesern nicht verstanden worden.


[Sp. 1778] men, welche seit Kurzem im Rh[einisch] Westf[älischen] Anz[eiger] erschienen, sind keineswegs von der Art gewesen, daß sie den Leser über das Wesen der Sache selbst unterrichten konnten. Der auf Verlangen des Verf[assers] aufgenommene Aufsatz des H[er]rn Schilgen, würde einer Widerlegung und Rüge bedürfen, wenn er nicht allgemein als ein fades Gewäsche ohne allen Gehalt anerkannt, und mithin sehr bald in Vergessenheit gerathen wäre. Die Mittheilung des H[er]rn Boner gibt uns nichts, als eine zwar vernünftige, aber nirgends hinreichend begründete Ansicht, dergleichen schon mehrere im Umlauf sind. Der reisende Juwelier endlich, den ich aus manchen Lieblingsausdrücken recht wohl zu kennen glaube, und der übrigens von Manchem, als wäre er Augen- und Ohrenzeuge gewesen, ziemlich unterrichtet zu seyn scheint, hat freilich mit mehrerm Glück den Kantschu der Satire geschwungen, und wenigstens die Lacher auf seiner Seite gehabt. Aber außerdem daß nur wenige Leser im Stande sind, den Witz recht zu genießen, können solche Anfälle nichts als einen unnützen Federkrieg herbeiführen, wobei im Ganzen nur Aerger und Verdruß herauskommt und wozu mir die ganze Geschichte fürs erste noch etwas zu ernsthaft scheint. In der That sollen auch bereits Entgegnungen in Arbeit und mehrere Entwürfe dazu vernichtet seyn, weil man Sinn und Worte nicht witzig und bitter genug hat finden können."

 

Es war die einzige Aufgabe, der ernannten amtlichen Untersuchung die Aechtheit jener Erscheinungen, nicht aber die geistigen Eigenschaften und das innere hohe Leben der A.C.E. worauf man kürzlich die Aufmerksamkeit der gebildeten Klasse hat lenken wollen, zu untersuchen. Dabei war es aber ein mißlicher Umstand, daß die Blutungen der Male aufgehört hatten und nur noch die spuren derselben übrig geblieben waren, die gerade wie die Narben anderer Wunden, welche mit Eiterung wieder geheilt sind, erschienen; nur um den Kopf fand


[Sp. 1779] sich gar nichts der Art zu bemerken und die Aussagen der A.C.E. selbst, so wie ihrer Umgebung stimmen genau darin überein, daß nach den Blutungen am Kopfe, sobald sie aufgehört und das Blut abgewaschen, weiter nichts zu sehen gewesen sey. Das Kreuz auf der Brust bestand aus einer Menge linienförmiger Narben und erschien wie das bekannte Coesfelder Kreuz (in der Nähe von Dülmen). Das Ganze hatte übrigens eine ziemlich unästhetische Form. Sehr zu bedauern war es daher, daß die Untersuchung nicht ein Paar Jahr früher stattgefunden, indessen war selbst die Art des Verschwindens der blutigen Erscheinungen an den Maalen merkwürdig genug, um Aufmerksamkeit zu erregen. Das Abfallen der Krusten an den Wunden erfolgte nämlich, wie die Aussage lautet, nachdem die Wunden eine kurze Zeit nicht mehr geblutet hatten, am unschuldigen Kindertage (8. Dez[ember] v[ergangenen] J[ahres]) grade vier Wochen nachher, nachdem vom Ministerio eine strenge Untersuchung verfügt war. Ungeachtet dies zufällig seyn konnte, so äußerten doch die Argdenkenden die Vermutung: die schnelle Mittheilung jener Ministerialverfügung sey denselben Weg gegangen, den ein späterer amtlicher Bericht nach dem Eingeständnis der A.C.E. selbst gegangen war. Als nämlich nach dem Aufhören jener Erscheinungen eine Untersuchung nicht mehr thunlich schien, erhielt der Kreisphysikus Dr. Rave den Auftrag, den damaligen Zustand der A.C.E. protokollarisch aufzunehmen. Von diesem Protokolle und selbst von dem dabei befindlichen Privatschreiben an den Reg[ierungs] R[ath] Borges zu Münster, worin der Dr. Rave seine Ansichten etwas freier mitgetheilt hatte, ist eine Abschrift zu den Händen der A.C.E. gelangt, und letztere dadurch bewogen worden, den Verf[asser] jenes Briefes als Mitglied der späteren Untersuchungskommission zu verwerfen. eine Thatsache, die sonderbar erscheint und bei einer so frommen in erhabener Einfalt lebenden Dulderin allerdings auffallen muß.

 

(Fortsetzung folgt).1)

 

1) Weitere Fortsetzungen erschienen nicht mehr im Rheinisch Westfälischen Anzeiger. Stattdessen veröffentlichte Bönninghausen seine Rechtfertigungsschrift separat im Verlag des Anzeigers.

 


 

Nr. 91 vom 13. November 1819 

Sp. 1787f. und

 

Nr. 93 vom 20. November 1819

Sp. 1819f. 

 

Anzeige

 

Unter folgendem Titel:

 

Geschichte und vorläufige Resultate der Untersuchung über die Erscheinungen der ehemaligen Nonne A.C. Emmerich zu Dülmen mitgetheilt von C. von Bönninghausen

 

verläßt so eben eine 4 Bogen starke aber höchst bemerkenswerthe Schrift die Presse. Sie ist außer bei uns, noch bei folgenden in Auftrag gegeben und für 5 Gr[oschen] geheftet zu haben: in Münster bei H[er]rn Coppenrath, Theißing und H[er]rn Postsekretair Dieckmann jun[ior]; in Coesfeld bei H[er]rn Wittneven; in Recklinghausen bei H[er]rn Postmeister Wesener, in Essen bei H[er]rn Bädeker, und in Dortmund bei H[er]rn Romberg und Hülsemann.

Privaten, oder auch solche die sie ebenfalls noch gegen baare Zahlung in Verkauf zu nehmen wünschen, belieben sich baldmöglichst hieher zu wenden.

 

Schultz und Wundermann in Hamm.

 


 

Nr. 95 vom 27. November 1819 

Sp. 1862

 

Tagesgegenstände

 

Aus einem Schreiben des H[er]rn Kreiskommissärs von Bönninghausen

 

Seit meinem letzten Aufsatz über die Nonne zu Dülmen sind mir noch einige Lichter aufgegangen. Besonders wünsche ich die letzte Periode in dem, was davon im Anzeiger (N[umer]o 88, Sp. 1703) mitgetheilt, so geändert: "Ich füge noch hinzu, daß keine unsrer braven Pfarrgeistlichen sich unter dieser Zahl befindet, daß aber übrigens –  zur Schande unsrer Zeit und unsres deutschen Volkes, –  nicht alle Deutsche von der Mitwirkung oder wenigstens von der Verhelung [!] der Betrügerei freigesprochen werden können!! –  –  "

 

Da das kleine Werkchen über die Nonne zu Dülmen schon im Publikum verbreitet, so ersuchen wir alle Leser desselben, jene Stelle desselben auf vorstehende Art zu berichtigen.

 

D[er] H[erausgeber]

 


 

Nr. 101 vom 18. Dezember 1819

Sp. 1978-1981

 

Tagesgegenstände

 

Antworten auf Fragen vom reisenden Juwelier 

 

(Man s[iehe] N[ume]ro 79 und 90 des Rh[einisch] W[estfälischen] Anzeigers)

 

Horaz.

Ganz wohl,

Wenn – – –: aber wie –


[Sp. 1979]

Wenn – – – ? Wenn –– – – – ? Wenn ohne Fehl der Wandel

Des Dichters ist, der mir Nichtswürdigen den Lohn 

Mit seiner Geissel gibt?

 

Trebaz.

Ey nun, so nimmt der Handel

Ein lachend End' – –

Der Sermouen 2. B[and] 1. S[eite]

 

Ein altes deutsches Sprichwort heißt: auf eine Frage gebührt sich eine Antwort. – Sonach sollte es keinem Sophisten in der Welt, wenn er auch mit den vielfältigen Irrgängen seiner hehren und edlen Kunst so vertraut ist, wie eine Maus mit den Löchern in einem alten ausgetrockneten holländischen Käse, den Mund und Fuß des unschuldigen Thierleins hübsch fein auszuhöhlen, seit Jahr und Tag sich der blutigen Mühe nicht habe verdrießen lassen, gelungen seyn, mir das Recht der Hoffnung vor der Nase wegzukapern, über kurz oder lang einer Antwort auf meine, in zwei Nummern dieser Zeitschrift mit aller Bescheidenheit aufgeworfenen Fragen gewürdigt zu werden; wenn auch nicht ganz neuerdings ein Biedermann aufgetreten wäre, der einem solchen Streite dadurch ein Ende gemacht, daß er meine Fragen kurz und gut beantwortet hat. Diesen Antworten, die man in der angeführten Schrift*) findet, sieht man's doch auf den ersten Blick an, daß sie einen Urheber haben, der die Wahrheit kennt, der sie liebt, und der sich nicht scheut, sie laut zu sagen, wenn Noth an den Mann tritt. - Auch ich hatte, wenn der Leser sich noch errinnern wird, meinen Fragen die Antworten eines holländischen Arztes mit auf die Reise gegeben, gleichsam als Leuchtkugeln zur Erhellung des Schauplatzes, woran sich freilich eine gewisse Klasse von Menschen, aber doch nur aus großer Unvorsichtigkeit die Finger verbrennen konnte. Allein damit ist H[er]r Theodor Lutterbeck, Arzt zu Averbeck bei Münster, in keiner Art zufrieden gewesen, und da er sich die Finger daran verbrannt hat, so schreiet er einen Zeter und Mordio, ob er gleich aus purer Menschenliebe im voraus gewarnt war. – Ueberhaupt weiß man so recht nicht, wie man mit diesem schriftstellernden Arzte dran ist. Bald schreit er: mein Holländer habe sich nur über die Lehren des thierischen Magnetismus lustig machen wollen. Bald glaubt er an Possen und Zoten. Dem thierischen Magnetismus muß er überhaupt nicht gut seyn. Ich habe mir sagen lassen: aus unangenehmer Reminiscenz; weil die berühmte Kunst hell zu sehen, nemlich in seiner Nachbarschaft eine traurige Niederlage erlitten hat, worüber in den Leser bei einer andern Gelegenheit im Anzeiger ausführlich un-

 

*) Geschichte und vorläufige Resultate der Untersuchung über die Erscheinungen an der ehemaligen Nonne A.C. Emmerich zu Dülmen, mitgetheilt von C[lemens] v[on] Bönninghausen, Hamm 1819.


[Sp. 1980] terhalten werde. – Was die Possen anbelangt, so sollte H[er]r Lutterbeck, er Arzt, doch am besten wissen, in wie weit das Dülmensche Wunder überhaupt ein Possenspiel ist. – Wie aber H[er]r L[utterbeck] so entfernt liegende Dinge, als Zoten sind, habe wittern können, ist nur allein bei der Voraussetzung zu begreifen, daß im nämlichen Augenblick, als ihm jene Ahnung heimsuchte, seine Phantasie mit Bildern der von ihm belobten Art berennt gewesen sey. In dieser Verwirrung, worin H[er]r L[utterbeck] durch seine verschiedenen Ansichten gerathen ist, mag es ihm allerdings ein willkommenes Mittel gewesen seyn, sich einer gewissen Gattung von Deklamation, die man im gemeinsen Leben Pöbelsprache nennt, gemüthlich in die Arme zu werfen, um wenigstens noch mit einem Beine aus der Klemme zu kommen. Bei so bewandten Umständen kann ich diesen Nothanker zwar geltenlassen: allein H[er]r L[utterbeck] hätte doch auch so seyn sollen, wie der einsichtsvolle Mann mit der langen Nase, welchen der Wandsbecker Bote hat abkontrafeien lassen, und der frank und frei bekennt: "Nein, versteh'n thu ich's nicht: aber darum kann ichs doch wohl wissen." – Da ich bereits in meiner Erklärung dem H[er]rn Lutterbeck mein Beileid über den poetischen Brunnquell, der sich aus seinem Ich hervor stürzt, bezeugt habe, gelehrte Allegata ihm kraft seiner eigenen Aeußerung zuwider sind, so weiß ich in der That nicht, was ich in diesem Augenblicke anders mit ihm zu schaffen haben könnte, als ihm zum Abschiede eine Frage vorzulegen, die er unter allen Sterblichen vermuthlich am besten wird beantworten können: wie groß muß die Gabe von reiner Luft, Himmelsthau und Strahlen der Gottessonnen seyn, die das hochbegnadigte Mädchen zu verschlucken hat, um den abgängigen Wammes des H[er]rn Lambert restauriren zu können?

Ich wende mich zur Sache selbst. Da finde ich aber in der angeführten Schrift des H[er]rn v[on] Bönninghausen nicht meine unschuldigen Fragen schon so beantwortet, daß nicht wohl abzusehen ist, wie man weiter und auf eine andere Weise antworten soll. Doch läßt sich noch manches darin erläutern, klarer, mehr in die Augen springend, darstellen. Nun, zum Text gehören Noten, und es ist mir ja schon zum Gesetz gemacht, das Offenbarwerden, d[as] h[eißt] Klarmachen zu befördern, und so ist schon hierin allein meine Pflicht angesprochen, den Text wenigstens durch Beispiele zu beleuchten. Vorläufig trete ich zum Epilog dieser Trutzschrift mit einem Schwank aus der Vorzeit auf: denn mein seliger Vater, der ein ehrlicher Schulmeister war, pflegte zu sagen: die Geschichte ist die Lehrmeisterin der Menschen, un darum, Sohn! frage sie um Rath in Zeiten der Noth. –

 

Im neunten Jahrhunderte, zu den Zeiten Ludwigs des Frommen, lebte in Frankreich Agobard, Erzbischof von Laon. Ihm folgte im Amte Amulon. Die Geschichte schildert und diese beiden Männer als eifrige und aufgeklärte Christen, die wegen ihres unbescholtenen musterhaften Lebenswandels gerechten Anspruch auf den Namen: Heilige, hatten. In Begründung und Beförderung von Menschenwohl und Menschenglück und aufgeklärt in religiösen Begriffen

 

(siehe Beilage)


[Sp. 1981] und Ansichten schienen sie von der Gottheit zur Erde gesandt zu seyn, um einem, damals unter den Menschen aufkeimenden, verderblichen Aberglauben Schranken zu setzen. – 

In vielen Orten in Frankreich strömte eine nicht unbedeutende Anzahl von Menschen aus allerlei Ständen zu den Altären, um durch inbrünstige Gebete Befreiung von mancherlei, angeblich dämonischen, Zuständen zu erlangen. Einige stellten sich wie Fallsüchtige, fielen sinnlos zur Erde und gerieten in fürchterliche Zuckungen; wenn man sie mit Weihwasser besprengte, oder ihren Körper mit einem Heiligen Bilde oder ein Kruzifix in Berührung brachte.*) Andere erdichteten allerlei wunderbare Zufälle eines ergriffenen Nervensystems: sie fielen in einen schlaftrunkenen Zustand, worin sie die Gabe des Hellsehens und der Prophezeiung äußerten, trotz einer Somnambule aus dem neunzehnten Jahrhunderte. Mehrere zeigten Maale (Stigmata) vor, die mit den Wundmaalen Christi Aehnlichkeit hatten. Der größte Theil dieser Schwärmer und Heuchler bestand aus Weibern.**) Ueberall, wo sie sich sehen ließen, folgten ihnen Mitleid und Verehrung, und die treuherzige andacht überhäufte sie mit Gaben. – Natürlich, daß hierdurch ein allgemeines Aufsehn erregt wurde, welches bis zu den Obren des Bischofs Bartholomäus von Narbonne drang, der davon die Veranlassung nahm, seinem vorgesetzten Erzbischofe Agobard über diese Angelegenheit Bericht zu erstatten, und sich von ihm Rath zu erholen.

(Schluß folgt.)

 

Der reisende Juwelier

 

*) Der Verfasser hat vor nicht gar langer Zeit eine ganz ähnliche Teufels-Krankheit bei der 12jährigen Tochter eines katholischen Küsters in Holland gesehen. Obgleich Laie in der medizinischen Kunst, ward ihm doch das Glück, die Besessene in Gegenwart einer ansehnlichen Person zu untersuchen, und durch ein sehr einfaches Experiment den Betrug augenfällig darzustellen. – O Zeiten ! O Sitten ! ....

 

**) Die über diese im 9ten Jahrhunderte herrschende Unwesen vorhandenen Schriften von Agobard, Amilon und andere bot der gelehrte Baluze gesammelt unter dem Titel: Sancti Agobardi Archiepiscopi Lugdunensis opera. Item epistola et Opuscula Leidradi et Amulenis Archiepiscoporum Lugdunensium St. Valuzius Tutelensis in unum collegit, emendavit notisque illustravit, Parisiis 1666. In einer Note zu diesem Werke S[eite] 148 frägt der Herausgeber, worin der Grund stecke, daß das weibliche Geschlecht weit mehr als das männliche zum Aberglauben geneigt sey? Tacitus (German[ia], c[apitulum] VIII.) bemerkte schon, daß die Germanen geglaubt hätten, in den Frauen wohne etwas Heiliges und Vorausschauendes.

 


 

Nr. 102 vom 22. Dezember 1819

Sp. 1991-1994

 

Tagesgegenstände

 

Antworten auf Fragen vom reisenden Juwelier

 

(Schluß)

 

Der Bescheid, welchen Agobard hierauf dem fragenden Bischof ertheilte, ist ein unwiderleglicher Beweis von der Weisheit, von den Kenntnissen und von der Umsicht dieses eifrigen Kirchenprälaten. Man müsse, sagt er, ein solchen Vorgeben stets mit mißtrauischen Augen ansehen, und überhaupt Allem, was der gemeinen Erfahrung widerspräche, nicht anders, als nach der sorgfältigsten Prüfung Glauben beimessen. Denn oft würden von schändlichen Menschen mit den heiligsten Dingen selbst Betrug gespielt, um unter dem Deckmantel der Frömmigkeit Reichthümer zu sammeln, oder sich in eitler Ehre empor zu schwingen. Die heilige Schrift selbst lege uns die Pflicht auf, dergleichen außerordentliche Begebenheiten genau zu prüfen und nicht blindlings zu glauben. Der Pabst Gregor sagte treffend: "Jene körperlichen Wunder sind zuweilen die Zeichen, aber nicht die Ursache der Heiligkeit. Diese geistigen Wunder aber, die im Gemüthe gewirkt werden, sind nicht die Merkmale, sondern die wirkende Ursache des heiligen Lebens. Jene können auch bei Bösen, diese nur bei Guten statthaben. Daher sagt von einigen die ewige Wahrheit: Viele werden an jenem Tage zu mir sagen: Herr, Herr! Haben wir nicht in deinem Namen prophezeit, in deinem Namen die Teufel ausgetrieben, und in deinem Namen viele Tugenden ausgeübt? Und dann werde ich jene anerkennen, weil ich Euch nicht kenne. Weicht von mir ihr alle, die ihr Böses thut. – Daher theure Brüder! haltet nicht auf Zeichen, die man auch mit dem Bösen gemein haben kann;


[Sp. 1992] sondern liebt die Wunder der Liebe und Frömmigkeit, welche desto zuverlässiger, jemehr sie verborgen sind." – – Man müsse die Gläubigen ermahnen ihre milden Gaben an wahrhaft Nothleidende zu spenden und nicht an Heuchler zu vergeuden. Der Lebenswandel derjenigen, welche dämonische Krankheiten vorschützen, seyn mit der gewissenhaftesten Strenge zu untersuchen, und die angeblichen Wundmale genau zu prüfen, ob sie nicht vielleicht mit Schwefel eingebrannt worden*). Betrüger und Nichtswürdige müsse man mit Peitschenhieben von den Kirchenthüren vertreiben lassen. – Ob sich gleich bei Agobard der Erfolg dieser Maaßregeln nicht aufgezeichnet findet, so wissen wir doch nach einem Briefe seines Nachfolgers Amulon an den Bischof Theobald von Langres, daß sie vollkommen ihren Zweck errichet, und die elenden Betrüger entlarvt haben. –

Aus dieser Geschichte kann nun die Nachkommenschaft zweierlei erlernen: 1) daß die saubere Kunst, Christi Wundmaale nachzuahmen, schon seit vielen Jahren in Frankreich einheimisch gewesen sey – und 2) daß es auch bereits im neunten Jahrhundert in dem nämlichen Frankreich Männer gegeben habe, welche dergleichen Wunden mit dem höchsten Miß-

 

*) Sehr merkwürdig erscheint mir diese Aeußerung des einsichtsvollen Erzbischofs, wenn dagegen die Behauptung eines mir unbekannten Sachverständigen, der die Maale der Emmerich sowohl vor als nach dem Abfallen der Krusten oftmals zu sehen Gelegenheit gehabt hat, halte. Nach der Meinung desselben tragen die narbenartigen Stellen, welche man bei der letzten Untersuchung an den Händen und Füßen der Emmerich angetroffen hat, deutliche Spuren an sich, daß sie durch irgend ein Aetzmittel, z[um] B[eispiel] Höllenstein, hervorgebracht sind. Man soll auch noch bei der angeregten Untersuchung unverkennbare Merkmale unter den Fußsohlen von der vorgängigen Anwendung dieses Mittels angetroffen haben.


[Sp. 1993] trauen betrachteten, und die sich eben so wenig als andere im neunzehnten Jahrhundert scheuten, solchen Künsteleien die Larve abzuziehen.

Einen weiteren Kommentar über diese Geschichte behalte ich mir für das nächstemal vor, indem ich befürchte, fast schon die Gränzen, welche den Aufsätzen in dieser Zeitschrift vorgeschrieben sind, überschritten zu haben.

Um dem Leser alles, was über die Jungfer Emmerich geschrieben ist, zusammen und auf einmal vor Augen zu legen, bin ich Willens, eine Schrift unter dem Titel: Leben, Thaten und Meinungen der verwundeten Jungfrau von Dülmen und der durch sie und neben ihr blühenden philosophisch religiösen Schule - herauszugeben. Der Plan dazu ist bereits entworfen, und das Einstellen eines jeden Gegenstandes in sein Fach bald geschehen. Nur bin ich noch nicht mit mir darüber eins, ob ich das in Rede stehende Werk mit deutschen oder lateinischen Lettern drucken lassen, ob es im Selbstverlage mit Pränumeration oder in einem fremden Verlage, mit oder ohne Vignetten erscheinen soll. Vor der Hand habe ich mich dafür entschieden, den Eingang des Buchs, wie den Eingang eines Hauses durch die Laren, von einem Bildnisse der Jungfrau von Dülmen, liegend auf einer Ottomane und an Händen und Füßen Blut verströmend aus Wunden, die nicht existiren, etwa im Geschmack des, von der Jungfrau Emmerich zu – erschienenen, Holzschnitts beschützen und verzieren zu lassen. Das Uebrige ist aber noch so wenig aufs Reine gebracht, daß der gutmüthige Leser noch einige Wochen Geduld mit mir haben muß, wogegen ich ihm auch jetzt die nagelneue Nachricht bringe, daß das Opus des Herrn Lutterbeck gegenwärtig in die holländische Sprache übersetzt, und als ein Leckerbissen für den Nachtisch eines reichen gläubigen Niederländers apportirt wird. –

Da Herr Doktor Lutterbeck seine, wider mich


[Sp. 1994] erlassene Scheltrede mit den lateinischen Buchstaben:

Obtulit A(micae) M(aeae) D(onum) G(ratuitum) (Don gratuit.)

Zu Deutsch: Ein Scherzgedicht auf Jungfrau Emmerich

geschlossen hat, so endige ich diese Antwort mit den deutschen Worten:

Durch den Tempel der Wahrheit geht der Weg zum Tempel der Tugend.

 

Der reisende Juwelier

 


 

1) Die Wiedergabe der Texte erfolgt buchstabengetreu. Ergänzungen und Auflösungen von Abkürzungen stehen in []-Klammern.

 

Korrekturen offensichtlicher Satzfehler werden mit * gekennzeichnet.

 

Der Spaltenwechsel ist durch die horizontale Linie kenntlich gemacht.

 

In []-Klammern folgt die Angabe der Spaltenzahl.

 

Die Absätze und die Anmerkungen der Vorlage wurden übernommen.