Bericht über die Erscheinungen bey der A.K. Emmerich, Chorschwester des aufgehobenen Klosters Agnetenberg in Dülmen von dem Herrn Medizinal-Rath Bodde, Professor der Chemie in Münster mit Entgegnungen von B.A.B. Rensing, Dech[ant] und Pfarrer in Dülmen, Dorsten (Heß) 1818.1)

 

 

 

[S. 3]

Einleitung

Wen der Geist der Rechthaberey beseelt, der sieht und findet an dem Gegenstande seiner Kritik, was er daran sehen und finden will, und läßt es sich nicht absprechen, daß er es gesehen und gefunden habe, wenn es auch nicht da ist. Ein neuer Beweis der Richtigkeit dieser alten Bemerkung ist, die öffentliche Äußerung des Herrn Medizinal-Rathes und Professors Bodde über die Jungfer Emmerich, Chorschwester des vormaligen hiesigen Augustinessen-Klosters.

 

Der Herr Professor hatte diese Person noch nicht gesehen, und schon entschieden, daß die Erscheinungen an ihrem Körper nichts mehr und nichts weniger wären, als das Werk religiöser Betrügerey. Dieses war hier kein Geheimniß mehr, als der Herr Professor hieher kam, das


[S. 4] Wunderding in Augenschein zu nehmen, oder es nur eines flüchtigen Überblickes zu würdigen,den, wer Zeuge war, nie Untersuchung nennen kann, wenn er nicht auch zugeben will, die Klage wider einen Verbrecher sey untersucht, sobald sein Richter sich nur die Mühe gegeben hat, ihm scharf ins Gesicht zu sehen.

 

Indeß hieß es, der Herr Professor habe die Sache untersucht, und wer sich für oder wider* dieselbe interessirte, erwartete nun die Bestättigung oder Widerrufung des schon vor der Untersuchung darüber gefällten Urtheils; aber drey volle Jahre vergingen, ohne daß man von dem Resultate der, wie es bey Leuten, die Sehen und Untersuchen für eines halten, hieß, nun angestellten Untersuchung mehr hörte, als der Herr Professor rühme sich, durch Hülfe der Chemie ähnliche Phänomene hervorbringen zu können und zu wollen, wenn nur igrend ein Subject da wäre, das Lust hätte, sich dazu brauchen zu lassen.

 

Endlich wurde das so lange zurückgehaltene Urtheil öffentlich  bekannt gemacht; erst in der holländischen Zeitschrift "der Recensent", hernach auch in der deutschen "Hermann". Sollte in dem dreyjährigen Zeitraume die beurtheilte Erscheinung unter den Händen des Herrn Professors wohl das Schicksal der Geschichte unter den Händen der Dichter gehabt haben? 


[S. 5] Sie ist nun einmal da; beynahe fünf Jahre in der Hauptsache noch unverändert; gesehenvon mehr als zweyhundert Zeugen von allen christlichen Confessionen, unter denen üer dreyßig Ärzte sind, deren mehrere als Spötter kamen, und wieder wegiengen erstaunt über das Gesehene.

 

Diese Erscheinung ist und bleibt also noch immer eine aufgabe für die Naturforscher, zu deren Auflösung wohl etwas mehr erfordert wird, als Muthmaßungen und Machtsprüche. Solche, und nichts weiter, finden viele in dem Berichte, welchen der Herr Professor dem Publikum darüber mitgetheilt hat, und darum schätzen sie ihn keine Widerlegung werth. 

 

Ich will dieser Meinung nicht widersprechen; aber sie zu befolgen, und den Bericht so ganz ohne rüge und Beleuchtung auf Kösten der Wahrheit und fremder Ehre fernerhin sein Glück machen zu lassen, misrathen mir wichtige Gründe.

 

Den Herrn Professor auf andere Gedanken zu bringen, mache ich mir keine Hoffnung; denn eine vieljährige Erfahrung überzeugt mich von der Wahrheit dessen, was Lavater von den Anhängern Swedenborgs sagt: "Wer einmal so schief zu gehen begonnen hat, und gerade zu gehen glaubt, den kann keine menschliche Beredungskunst mehr auf den geraden Weg zurück-


[S. 6] bringen." Handbibliot[hek] Jahrg[ang] 1791, Heft IV, S. 192.

 

Aber der Bericht stellt mich dar als einen gewissenlosen Volksbetrüger; macht mich wenigstens (damit ich nicht mehr sage, als unleugbar in den Worten liegt) als Helfershelfer der Theilnahme an einem Betruge verdächtig, der so recht darauf angelegt seyn soll, mit den religiösen Gefühlen der leichtgläubigen Gutmüthigkeit ein unverantwortliches Spiel zu treiben. So findet mich der Unbefangene darin geschildert; so verschreiet man mich in öffentlichen Gesellschaften.

 

Gern wollte ich nach Davids schönem Beyspiele, da er von dem Semei gelästert wurde, schweigen zu dieser Verunglimpfung, die mich nach den gesetzen wohl zu andern Maaßregeln gegen den Herrn Professor berechtigen möchte; aber mein Stand sowohl, als die Sache, die jene Verunglimpfung veranlaßt hat, fordert von mir mit gebietendem Ernste, daß ich mich dagegen vertheidige.

 

Mein Stillschweigen würde (wenigstens von denen, die mich nicht besser kennen) als Schuldgeständnis angesehen werden; kann ich aber eine solche, den Seelsorger so tief herabwürdigende Schuld stillschweigend gestehen, ohne meinen Standesgenossen und Amtsbrüdern ein Recht zu geben, mir vorzuwerfen, daß meinetwegen der 


[S. 7] Name des Herrn und seiner Diener unter dem Volks gelästert werde? - Leider ist es noch immer, wie es von jeher war, Sitte unter den Weltleuten, das Schändliche, welches Individuen des geistlichen Standes sich zur Last kommen lassen, auf den ganzen Stand zu werfen, und, wenn irgend ein Anekdötchen feilgeboten wird, das zum Beweise dienen kann, daß auch heut zu Tage auf dem Stuhle Moses hier oder da noch ein Pharisäer sitzt, mit schadenfrohem Hohnlachen auszurufen: "So machen's die Pfaffen!"

 

Wie die Ehre meines Standes, so fordert mich auch die Sache selbst, die hier in Frage kommt, zu dem Schritte auf, den ich jetzt wage. Der Herr Medizinal-Rath und Professor von Druffel, welcher bey der unter der Mitwirkung der geistlichen hohen Obrigkeit öfter wiederholten Untersuchung mehr Hart- als Leichtgläubigkeit in Hinsicht auf die Entstehungsart der in Untersuchung gezogenen Erscheinung zeigte, und jede Spur eines Betruges weit leichter hätte entdecken können, als der Herr Berichtsteller, der nur einmal hier war, und kaum einen forschenden Blick auf die Erscheinung warf, sagt am Schlusse der Nachricht von ungewöhnlichen Erscheinungen bey einer mehrjährigen Kranken in der Beyl[age] zu N[ume]ro 27 der medizinisch-chirurgischen Zeit[ung] vom J[ahre] 1814:


[S. 8] "Jenen, welche die Erscheinungen für Trug halten, sey gesagt, daß bey der Untersuchung die geistliche Behörde darauf Rücksicht nahm. Er muß eigends geartet, und schwer zu finden seyn." - Bisher, setze ich hinzu, ist er noch nicht entdeckt, und weil er nach der Meinung aller, welche die Leidende und ihre gewöhnliche Umgebung näher kennen, nicht da ist, wird er auch wohl nie entdeckt werden.

 

Angenommen nun, was die Gerechtigkeit und Menschenliebe anzunehmen gebieten, so lange das Gegentheil nicht erwiesen ist; angenommen, daß kein Betrug da sey: so dürfte die Erscheinung wohl auf etwas Höhers hindeuten, sie mag ihr Daseyn einer außerordentlichen göttlichen Einwirkung zu verdanken haben, oder, wie der Herr Dr. Bährens in seinem Werke über den animalischen Magnetismus zu behaupten scheint, ein natürliches Product eines kontemplativen, in Gott versunkenen Seelenlebens seyn. -  In beyden Fällen ist sie denen, welchen das Leiden unsers Herrn noch nicht Thorheit und Ärgerniß geworden ist, vielleicht auch manchen Andern, eine Weckstimme zum ernstlichern Nachdenken über das unselige Treiben des Zeitgeistes, der unter dem Vorwande, Licht und Heil zu verbreiten, bald leiser bald lauter den einzigen Namen lästert, dem wir das wahre Licht zu verdanken, und in dem wir allein Heil zu hoffen haben.


[S. 9] Mehr will ich über die Veranlassungsgründe zu dieser Schrift nicht sagen; aber so viel glaubte ich darüber sagen zu müssen, meine Leser zu überzeugen, daß nicht Streitsucht, sondern abgedrungene Selbstvertheidigung, noch mehr aber die Pflicht des rechtschaffenen Mannes, der Wahrheit und Unschuld, wo er kann, ein Zeugniß zu geben, mich zu diesem Unternehmen bestimmt habe.


[S. 10 - vakat]


[S. 11]

1. Der Bericht unter der Überschrift: "Auch etwas über die Erscheinungen bey der Anna Katharina Emmerich, Chorschwester des aufgehobenen Klosters Agnetenberg in Dülmen, mitgetheilt durch den Herrn Bodde, Professor der Chemie und Medizinal-Rath in Münster."

 

Hermann - Zeitschrift von und für Westphalen. 33stes St[ück], Hagen den 22. April 1817

 

Die medizinisch-chirurgische Zeitung in der Beyl[age] zu N[ume]ro 9 und 27. des Jahres 1814 enthält Nachrichten von ungewöhnlichen Erscheinungen bey einer mehrjährigen Kranken. - Diese darin sogenannten ungewöhnlichen Erscheinungen erregten im Frühjahr 1813, gleich in den ersten tages des Bekanntwerdens, so-


[S. 12] wohl hier als in nahen und entfernten Gegenden viel Aufsehens; sie wuchsen und vervielfältigten sich im Munde der Erzählenden. Diejenigen, die das Glück gehabt hatten, sie in Dülmen selbst zu sehen, brachten jedesmal neue Bekräftigungen mit; man zeigte abdrücke auf Leinwand, Seide und Papier von dem Kreuze und den Wunden, und verschickte sie an jene, die nicht selbst sehen und hören konnten.*)

 

Als etwas Wichtiges erzählte man auch, daß auch sogar protestantische Ärzte sich in den Erscheinungen nicht zu finden gewußt hätten; gleich als wenn der Protestantismus mehr Einsicht und weniger Leichtgläubikeit gewährete.**)

 

Während einige meinten, die Erscheinungen möchten wohl selten seyn; aber doch ihren Grund in einer krankhaften Beschaffenheit haben, suchten andere die Kriterien eines Wunders hervor, und wieder andere waren schon bemüht, die Anwendung auf davon den vorliegenden Fall zu machen. Das Klügste wäre nun wohl 

 

*) Abdrücke von den Wunden habe ich nie gesehen; solche von dem Kreuze zu nehmen, wurde von der geistl[ichen] Obrigkeit verboten, sobald Spuren eines Misbrauchs derselben entdeckt wurden. R[ensing]

 

**) Auch in diesem Falle nicht mehr Unabhängigkeit von den Volks-Vorurtheilen, und weniger Präoccupation? R[ensing]


[S. 13] gewesen, erst die Thatsache auf eine unleugbare Art auszumitteln.*)

 

Wollte man auch von den blutigen Erscheinungen wegsehen, so war es der hohe Geist, und die tiefen Einsichten waren es, welche, verglichen mit dem geringen Herkommen, und mit dem kurzen, unbedeutenden Schulunterricht, etwas Ungewöhnliches beurkunden sollten. Ja erregten auch einige Einzelheiten Verdacht, so sollte man nur das Ganze vor Augen haben; das Ganze war und blieb unverdächtig.**)

 

Jene Tagesgeschichte veranlaßte ein paar angesehen Damen, die bereits bekannte A.K. Emmerich zu besuchen. Sie wünschten meine Begleitung. An einem Donnerstage (an Freytagen bluten angeblich wenigstens einige Wunden) am 17ten Junius 1813 kamen wir des Abends in Dül-

 

*) Der gemeine Haufe mag wohl nach seiner Art zu viel Neigung verrathen haben, in der Erscheinung ein Wunder zu sehen; die geistl[iche] Obrigkeit zeigte wenigstens den guten Willen, das zu befolgen, was der Herr Professor das Klügste nennt. R[ensing]

**) Wer das Ganze einer Erscheinung beurtheilen will, der muß natürlich die einzelnen Bestandtheile derselben in Erwägung ziehen, und gegen einander halten: sollte diese Regel nicht auch für die Erscheinung gelten, die hier in Frage steht, und sowohl ins religiöse, als physische Gebiet gehört? R[ensing]


[S. 14] men an, versehen mit einem Schreiben des Herrn Generalvikars, Clemens Droste von Vischering an den Herrn Rensing, Dechant daselbst, dem zunächst die Aufsicht über die Emmerich vom Generalvikariate anvertraut war.

 

Eine meiner Reisegefährtinnen hatte Bekanntschaft mit dem Medizinal-Chirurg Krauthausen, der als Ordinarius des aufgehobenen Klosters die Emmerich in ihren Krankheiten behandelt hatte, und auch bey den Erscheinungen war hinzugezogen worden. Wir besuchten denselben, um vorläufig von der Geschichte etwas zu erfahren. Er hatte auch die Gefälligkeit, uns alles das zu erzählen, was er theils selbst gesehen, theils von anderen gehört hatte, so wie es die Leser der oben angeführten Zeitung im Wesentlichen schon erfahren haben.

 

Im Laufe des Gesprächs versicherte uns Herr Krauthausen, daß er bey seinen zu jeder Tageszeit wiederholten Besuchen die Wunden und das Kreuz oft habe bluten sehen, daß er aber den Anfang des Blutens nie gesehen habe; daß das Kreuz beständig die nämliche Umgränzung behalte, und einer dünnen Blutlamelle gleiche. In dem Augenblicke zeigte uns seine Frau einen blaßrothen Abdruck des Kreuzes auf Papier, der auf der Brust selbst genommen seyn sollte. Ich wünschte zu wissen, wie das Blut in der Kreuzbegränzung hervorquelle, wie die Haut aussehe, wenn das Blut weggewischt oder weg-


[S. 15] gewaschen worden. Es sehe aus, als seyn mit einer Nadel drey Striche, gleich jenen beym Notenschreiben, geritzt worden, war die Antwort.

 

Herr Krauthausen hatte unsere Ankunft dem Herrn Dechant gemeldet. Er kam uns mit einem Besuche zuvor. Durch den Brief des General-Vikars wurde er mit dem Zwecke unserer Reise bekannt. Es wurde noch Manches über die Emmerich, über ihren hohen Geist, über ihre tiefe Einsichten, über die blutigen Erscheinungen an derselben u.s.w. gesprochen; aber wir erhielten nicht mehr Licht, als die Leser aus dem angeführten Bericht des Herrn von Druffel auch erhalten haben mögen. Wir schieden endlich nach der Verabredung, uns des andern Morgens um halb eilf bey der Emmerich wieder zu treffen.

 

Wir fanden dieselbe unsern Besuch erwartend in einer Rückenlage auf dem Bette. Die Hände waren mit einem weissen Tuche bedeckt; um den Kopf war ein zusammengerolltes, weisses Tuch zirkelförmig gewunden.  Sie hatte eine blasse, doch nicht ungesunde Farbe. sie war nicht mager; ein gesundes Fleisch umkleidete ihre Glieder, der Puls war, wie man ihn bey gesunden Personen ihres Geschlechtes anzutreffen pflegt; er hatte 75-80 Schläge in der Minute.

 

Was mit zuerst, und zwar eigends auffiel, war ein ungefehr anderthalb Linien breiter, blaß-


[S. 16] rother Streifen, der oben an der Stirne anfieng, und über den Rücken der Nase hin genau bis zur Spitze derselben sich erstreckte, überall gleich breit, gleich dick, und in keinem Punkte unterbrochen.

 

Als das bereits erwähnte, zirkelförmig um den Kopf gewundene Tuch abgenommen wurde, sah ich schmalere Streifen in Abständen von 1 - 1 1/2 Zoll, die mit Abdrücken im umgelegten Tuch stimmten. Sie nahmen ihren Anfang im größten Umfange des Kopfes, giengen 1 1/2 - 2 Zoll lang an demselben senkrecht abwärts, waren an mehrern Stellen unterbrochen, ungleich breit, ungleich dick, unten am dicksten und geründet. Die Farbe hatte Ähnlichkeit mit geronnenem, trocken gewordenem Blute.

 

Bey näherer Untersuchung fühlte ich am Kopfe mehrere Knötchen in der Haut gleich denen, die nach einem Striche mit einem scharfen Instrument zurückbleiben. Ich konnte Knötchen von verschiedener Größe deutlich unterscheiden, an den größern die frischen, aber schon wieder geschlossenen Wundlefzen mit freyen Augen sehen. Diese waren es auch, die zu den eben erwähnten Streifen stimmten, und wahrscheinlich durch Ergießung einiger Tropfen Blutes dieselben ganz oder zum Theile veranlaßt hatten; die kleinern, schon mehr wieder zurückgetretenen, und ausgeheilten Knötchen halte ich 


[S. 17] für Folgen ähnlicher, aber früherer Verletzungen. Zu dem zuerst erwähnten blaß rothen Streifen auf der Stirne stimmte kein Knötchen hier war keine Spur einer Verletzung zu finden.

 

Ich untersuchte die Hände, fand auf dem Rücken und an der inneren Fläche derselben, an der in der mehr erwähnten Nachricht genau bezeichneten Stelle gegenüberstehende harte, bis auf ein paar rothe Streifen, schwarzbraune Krusten; in der Mitte etwa 2 Linien dick, 3 - 4 Linien breit und gegen 6 - 7 Linien lang, nach den Fingern und nach der Handwurzel hin waren sie zierlich abgerundet und zugespitzt; die Ränder derselben verloren sich in einen schmalen, ungleichen Fortsatz von weißlicher Farbe, waren von der Haut losgeschält, so daß man leicht mit einer platten Sonde hätte zwischen durchfahren können, gleich als wenn Eyweiß, dünn gekochte Stärke, Gummiwasser u[nd] d[er]gl[eichen] dünn aufgetragen durch die unmerkliche Ausdünstung wieder abgestoßen wird. 

 

Auf dem Rücken der rechten Hand nach dem untern Rande derselben fand ich schwache und sparsame Spuren eines geronnenen Blutes. Nach dieser Seite hin war auch die erwähnte Kruste am meisten im Rande losgetrennt, und etwas Eiter war hervorgequollen. Die Stellen, worauf die Krusten saßen, waren etwas geschwollen, und leicht entzündet. Ich machte 


[S. 18] den Herrn Krauthausen darauf aufmerksam, lüftete nach einigen Minuten noch einmal das wieder über die Hände gebreitete Tuch, um demselben die standhaft bestrittene Erscheinung zu zeigen. Das Eiter war immittelst verschwunden, aber Herr Krauthausen gestand doch, daß die Entzündung jetzt auffallender sey, als er sie je gesehen habe, auch habe es ihm einmal geschienen, als seyn in einer Wunde ein Paar Tropfen Eiter gewesen; man habe ihm aber dieses durch die Behauptung, daß es wohl geronnene Lymphe gewesen seyn möchte, streitig gemacht.

 

Darauf untersuchte ich zuletzt die Erscheinungen in der Seite und auf der Brust. In der rechten Seite auf der vierten Rippe fand ich eine dunkelbraune beynahe schwarze Kruste, etwa anderthalb bis zwey Zoll lang, in der Mitte eine Linie breit und dick, und nach beyden Enden zugespitzt. spuren einer vorhergegangenen Blutung und einer Entzündung waren nicht vorhanden. die Art des Aufsitzens dieser Kruste konnte ich der Lage wegen nicht beobachten.

 

Das Kreuz hatte die Figur des hier allgemein bekannten Coesfelder Kreuzes.*) Es hatte einen lothrechten Hauptbalken, an den sich 

 

*) Dies Kreuz wird als ein wunderthätiges in Coesfeld bewahrt. Anm[erkung] d[es] holl[ändischen] Übers[etzers]. - Das Coesfelder Kreuz ist von dem oben // [S. 19] beschriebenen der Jungfer Emmerich darin unterschieden, daß dieses, jenes nicht, oben an den lothrechten Hauptbalken, etwas unter dem kurzen, zur Inschrift von Pilatus bestimmten Querbalken, einen längern Querbalken hat, an welchen sich die zwey kürzern und dünnern von unten her anschließen. R[ensing].


[S. 19] von unter her zwey dünnere und kürzere Balken spitzwinklich anschließen; oben war der Hauptbalken durchschnitten von einem kurzen Querbalken, bestimmt zur Inschrift von Pilatus; am Fuße war ein noch kürzerer Querbalken, und angedeutet waren zwey schräg nach innen gerichtete Pflöcker, als seyen sie bestimmt gewesen, das Ganze in den Bogen zu befestigen. Auf der Brust verjüngt hatte die Figur etwas Ungehobeltes. Wenn auch die breitern und schmalern blaßrothen Streifen ungleich in einander griffen, so waren sie doch genau begränzt, und überall wie das feinste Papier dünn.

 

Am meisten war meine Aufmerksamkeit gespannt auf die Beschaffenheit der Haut unter jener Figur; ich untersuchte daher jene Stelle sehr genau, konnte aber nicht die allergeringste Spur einer vorhergegangenen Verletzung entdecken; aber zu meinem Erstaunen fiel das Fußgestell, und mehr als die Hälfte des sogenannten Kreuzes in feinen Schuppen mir durch die Finger. Die Haut unter diesem abgefallenen


[S. 20] Theile war unverändert, unverletzt und völlig gleich der haut außer der Kreuzbegränzung. Nach dieser unerwarteten Verstümmelung eines so wesentlichen Theiles der ungewöhnlichen Erscheinungen sah ich in der Haut keine Anstalten, das fehlende Stück wieder herzustellen.

 

Da man mich versichert, daß die Erscheinungen an den Füßen völlig ähnlich seyen jenen an den Händen; so hielt ich s für überflüßig, dieselben zu untersuchen.

 

Eine sogenannte Extase, die meistens Abends spät eintreten soll, haben wir nicht gesehen; der Herr Dechant Rensing hat uns nicht erlauben wollen, dieselbe zu beobachten. die Ursache dieser sonderbaren Verweigerung habe ich nie erfahren. Sey es, daß der Dechant von der Nichterkünstelung der Erscheinungen so überzeugt war, daß er eine weitere Untersuchung für überflüßig hielt, oder daß ihm meine nicht auf Gläubigkeit, sondern auf Zweifel gegründeten Untersuchungen misfielen, oder daß vielleicht das verstümmelte Kreuz noch nicht wieder hergestellt war; genug: der Dechant beharrte standhaft bey der ausdrücklichen Verweigerung, ungeachtet des Vikariatsschreibens, und des wiederholten Ansuchens von Seiten einer meiner Reisegefährtinnen.

 

Blutungen habe ich nicht gesehen; aber wohl Spuren einer vorhergegangenen Blutung in den oben erwähnten, am Kopf senkrecht herabge-


[S. 21] henden Streifen, wozu die frischen Wundlefzen stimmten. Aber wer möchte doch wohl in solchen Blutungen, den natürlichsten von der Welt, deren Ursachen und Quellen vor Augen liegen, etwas Ungewöhnliches suchen wollen? Dagegen war der ebenfalls erwähnte breitere Streifen auf der Stirne und auf dem Rücken der Nase, wozu keine Verletzung stimmte, nicht durch Blutergießung entstanden; er hatte nicht die Farbe und Natur eines unveränderten geronnenen Blutes, nicht in sich selbst und zur Haut das Verhalten, welches Blutstreifen haben, die entstehen, wenn ein oder mehrere Blutstropfen im Fortrieseln auf der Haut erstarrte Spuren zurücklassen; - er war aufgetragen.

 

Das sogenannte Kreuz hatte, als ich es sah und untersuchte, eben so wenig sein Daseyn einer Blutergießung zu danken; die färbende Materie hatte nicht die Beschaffenheit eines an Ort und Stelle hervorgequollenen, geronnenen Blutes. Es war auf unveränderter Haut aufgetragen, entweder durch Anpinseln, oder, was wahrscheinlicher ist, durch einen Abdruck vermittelst einer plumpen Form. Durch die unmerkliche Ausdünstung hatte sich die aufgetragenen Figur losgeschält, und fiel daher bey der Untersuchung schuppig ab.*)

 

*) Andere Ärzte, die 2 - 3 Jahre später das von dem Herrn Professor über die // [S. 22] Hälfte abgeschuppt seyn sollende Kreuz noch ganz sahen, schlossen aus der Richtung der Hauthaare auf der Stelle derselben, daß es keinem Auftragen von klebender Materie sein Daseyn zu danken habe. Vielleicht hätte der Herr Professor dieses auch bemerkt, wenn dessen sogenannte Untersuchung nicht bloß ein gar zu flüchtiger Überblick gewesen wäre. R[ensing]


[S. 22] Die oben beschriebenen Krusten an den Händen, wodurch die Wundmale von den Nägeln angedeutet werden sollen, haben auch mehr Aufsehen erregt, als sie verdienen. In den Ränden von der unverletzten Haut losgeschält, saßen sie bloß in der Mitte fest auf; in der Mitte war also ein anderer Befestigungsgrund, als in den Ränden. Die schwache Geschwulst und leichte Entzündung berechtigen zu der Annahme einer oberflächlichen Verletzung unter den Krusten, wodurch jene zugedeckt und diese in der Mitte befestigt werden. Nach dem offenen Geständniß des Herrn Krauthausen ist auch eine oberflächliche Verletzung wirklich vorhanden. Der weißliche Fortsatz an den Ränden der Krusten gab hinlänglich zu erkennen, daß man auch zu einem andern Klebwerk Zuflucht genommen hatte, welches aber durch die unmerkliche Ausdünstung von der unverletzenten Haut bereits abgestoßen war, und leichter abgestoßen wird, als geronnene Lymphe von einer verletzten Stelle; daher


[S. 23] hatte in der Mitte ein längers Festhalten der erkünstelten Krusten statt.

 

Man hat auch einmal versucht, die sogenannten Wundmale zu verbinden, und hat den Verband unter Siegel gelegt. Es sollte dadurch die Erkünstelung oder Nichterkünstelung ausgemittelt werden; und doch ging man von der Voraussetzung aus, daß die Erscheinungen nicht erkünstelt seyn, sonst würde man wohl einen Verband angelegt haben, der jede äußere Verletzung auf eine Zeit lang unmöglich macht; aber nein, man nahm Leinwand zum Verbande, und diese verhielten sich nachher, als deckten sie die gemeinste Wunde; der Erguß gefärbter Feuchtigkeit war so sonderbar, daß er nicht einmal die mystischen Tage hielt. 

 

Außer dem Erkünstelten habe ich an den Erscheinungen nichts Ungewöhnliches finden können, wenn man nicht in den Abweichungen von den Regeln der Hydrostatik das Widernatürliche gerade für etwas Ungewöhnliches halten will; so geräth man auf Widersprüche, die, weil sie in Nebenverhältnissen sich zeigen, das Ganze um so mehr als ein Werk der Kunst beurkunden. Herabtriefendes Blut kann bey einer Rückenlage keine lothrechten Streifen am Kopfe zurücklassen, kann nicht von der Stirne den Weg gerade über den Rücken der Nase nehmen; kann eben so wenig gleich vertheilte und gleich breite Streifen bilden, als eine unveränderte Begrän-


[S. 24] zung behaupten, wie dieses bey dem Kreuze der Fall seyn soll, und es wirklich war, als ich es sah.

 

Man hat die Jungfer Emmerich gepriesen wegen ihrer Versicherung, daß ihr nichts so unangenehm sey, als Aufsehen zu erregen. Ohne ihrer zarten Bescheidenheit zu nahe treten zu wollen, muß ich doch gestehen, daß der Streifen auf der Nase und auf der Stirne, der ganz dazu geeignet, die Besuchenden zu überraschen, sie in meinen Augen zu einer eckelichen Pralerinn gemacht hat. Was man von der heimlichen Beseitigung des oben erwähnten Eiters denken soll, darin will ich den Lesern nicht vorgreifen.

 

So sehr ich mich von der Erkünstelung der blutigen Erscheinungen bey der Emmerich überzeugt habe, so wünschte ich doch eine auf mehrere Tage ausgedehnte strenge Untersuchung durch unbefangene, ruhige und fachkündige Beobachter, damit das Verzeichniß seltener krankhafter Erscheinungen, welches durch Leichtgläubigkeit und Unkunde ohnehin überladen ist, nicht einen unverdienten Zuwachs erhalte, und man mit den religiösen Gefühlen der Menschen nicht ferner ein leichtfertiges Spiel treiben möge.

 

Es ist wahr: die Emmerich ist bereits einmal bewacht worden, aber auf eine sehr unzweckmäßige Weise. Man ließ sie in ihrer Wohnung, in derselben Kammer, und mit der Schwester in


[S. 25] dem nämlichen Bette; man gab dadurch Gelegenheit, die sorgfältigste Wachsamkeit der Beobachter, die überdies eben nicht alle dazu fähig waren, zu vereiteln. Eine solche Bewachung war mehr dazu geeignet, eine Lüge Leichtgläubigen glaublich zu machen, als die Wahrheit ans Licht zu ziehen.

 

Münster, den 7ten August 1816.

 


[S. 26] 

2. Ein den vorhergehenden Bericht betreffender Brief an den Herrn Professor.*)2)

 

Mögen E[uer] Wohlgeboren so liebreich seyn, die Freyheit meiner gegenwärtigen Zuschrift nicht als eine Anmaßung zu deuten, und meine Versicherung ohne Arg aufzunehmen, daß ich bey 

 

*) Der Herr Verfasser dieses Briefes kann es mit nicht übel nehmen, daß ich ohne seine Erlaubniß öffentlichen Gebrauch davon mache, wenn er bedenkt, 1) welcher Verabredung unter uns dieser Brief sein Entstehen zuzuschreiben hat, 2) wie unvermeidlich ich durch denselben genöthigt wurde, Hand an dieses Werkchen zu legen, 3) was für ein gegründetes Recht ich habe ihn als für mich geschrieben anzusehen, 4) wie sehr die Verhältnisse, in welchen er zu der Jungfer Emmerich steht, von ihm fordern, bey dieser Gelegenheit der Wahrheit öffentlich ein solches Zeugniß zu geben, 5) was für ein wichtiger Dienst dadurch dem geärgerten Publikum geleistet wird. R[ensing]


[S. 27] dieser Mittheilung keine andere Absicht habe, als der Wahrheit Gerechtigkeit zu verschaffen. Ein jeder, der die Wahrheit liebt, kann ja nicht anders, er muß ihr beyspringen, wo er sie von einem Irrthume verdrängt sieht; und um so mehr, wenn er hoffen darf, daß der, den er auf der andern Seite sieht, in seinem Innern selbst ein Freund der Wahrheit ist, ja nur aus Liebe zur Wahrheit da steht, wo er steht; und so denke und wünsche ich, daß es mit dem von E[uer] Wohlgeb[oren] dem Publikum übergebenen Aufsatz über die Chorschwester A.K. Emmerich der Fall sey. Dieser Aufsatz, der erst in der Zeitschrift: der Rezensent u.s.w. holländisch erschien, ist nun auch am 22ten April d[es] J[ahres] in der westphälischen Zeitschrift: Hermann - in deutscher Sprache erschienen.

 

E[uer] Wohlgeb[oren] waren hier, sahen - und entschieden, daß die Erscheinungen, welche sie sahen, erkünstelter Betrug seyn. Von dieser Überzeugung aus mögen die theils laut ausgesprochenen, theils unversteckt gehaltenen Rügen der diesen Erscheinungen unterliegenden Person selbst sowohl, als derjenigen, die näher mit ihr umgehen, vielleicht noch zu gelind seyn. Wie aber, wenn E[uer] Wohlgeb[oren] sich überzeugen müßten, daß hier kein erkünstelter Betrug statt findet; daß Sie das allerdings Fremdartige der Erscheinung in der jedem Physiker eignen Anfeindung alles dessen, was zur gewöhnlichen Na-


[S. 28] turordnung, deren Kenntniß sein Schatz ist, zu widersprechen scheint, präoccupirt hat, daß Sie diese Präoccupation zu mangelhafter Beobachtung, und diese zu irrigen Erklärungen geführt hat! dann würden Ihnen jene Rügen sehr hart scheinen, als Mensch und als Christ sehr leid thun; insbesondere, da durch Ihre Äußerungen ein Vorsteher der Kirche in einem so nachtheiligen Lichte erscheint; ja was müssen die Confessionisten anderer Religion von unserer Kirchenzucht halten; wenn solcher mit dem Heiligsten spielender Betrug auch nur tolerirt wird?

 

So härter Ihnen diese Rügen in dem Fall einer entgegensetzten Überzeugung scheinen müssen, so harter fällt es mir, daß ich Ihnen aus Liebe zur Wahrheit, und aus einem hier mehr, als weltlich, mahnenden Gewissen sagen muß, daß Sie wahrhaftig im Irrthume sind. Mögen Sie diese Worte so wenig kränken, als ich weit entfernt bin, mich mit meiner Gewißheit über diesen Gegenstand im mindesten über E[uer] Wohlgeb[oren] erheben zu wollen. Der ganze Grund, der mir darin die Superiorität giebt, liegt darin, daß Sie, bestimmen Sie selbst, wie viele Minuten*), ich aber über 4 Jahre beobachtet habe. Dem

 

*) Der Herr Professor hat nach seinem eignen Geständnisse gegen Freunde, die allen Glauben verdienen, und nach dem Zeugnisse derer, die mit mir bey der Untersuchung gegenwärtig waren, zur Beobach- // [S. 29] tung alles dessen, was er will beobachtet haben, kaum 4 - 5 Minuten gebraucht. Eines so schnell bis auf den Grund einer so seltsamen Erscheinung dringenden, und alles Bemerkenswerthe daran in der Geschwindigkeit so richtig auffassenden Scharfblickes rühmt sich vielleicht kein anderer; ich sage nicht: in der Provinz Westphalen, sondern: in der ganzen preußischen Monarchie. R[ensing]


[S. 29] allein ist es zuzuschreiben, daß ich, der ich gleich Ihnen von Zweifel ausgieng, nicht auch mir Ihnen bey der Verwerfung einkehren konnte. Hätte ich nicht länger, und nicht unter andern Umständen beobachten können, als Sie: so würde ich wohl auch nicht anders geurtheilt, und vielleicht noch weit strenger gerichtet haben.

 

Nun ich aber die betreffende Chorschwester, wie gesagt, seit Jahren als Arzt ununterbrochen behandelt, zu allen Zeiten und unter allem Wechsel der Umgebung beobachtet habe, müßte ich ja wohl, was Sie ja gewiß auch nicht zugeben würden, in allen Sinne behext seyn, wenn ich diesen nicht so viel trauen dürfte, daß ich in Folge ihres einstimmigen Zeugnisses behaupten könnte: hier ist kein Betrug; hier ist Wahrheit! Es würde über die Grenzen einer brieflichen Mittheilung hinausführen, wenn ich mich über die wundersamen Erscheinungen, welche hier, wählen Sie selbst, Gott oder die Natur vor meinen


[S. 30] klarsten Augen kund werden ließ, ausführlich verbreiten wollte, worüber ich übrigens ein gewissenhaftes Journal geführt habe; auch habe ich vor der Hand keine Erlaubniß dazu. Aber so viel kann Ihnen, da sie wie ich hoffe und wünsche, Wahrheit lieben, wohl genügen. - Ich habe die betreffende Person in allen Umständen, kränker und besser, belebter und halbtodt, wachend und schlafend, träumend, in Extase und im gewöhnlichen Leben, allein und in Umgebung gesehen; die sogenannten Wunden vor der Blutung, im Anfange der Blutung und während derselben beobachtet; nach Abwaschung der Kruste ohne dieselbe, mich von dem Hergange deren Entstehung genau überzeugt; das schweißartige Hervordringen des Blutes aus unverdeckten Quellen in allen Momenten der anfangenden Blutung betrachtet, und habe es erst als farblose Lymphe hervordringen, dann bey sich erweiternden Gefäßen immer mehr Cruor verrathen, und rother werdend, endlich als vollkommnes wahres Blut ausfließen sehen, und kann Ihnen daher wohl ohne Verdienst, und ohnbeschadet ihrer sonst bessern Einsichten, mit Gewißheit zurufen; hier ist kein Klebwerk, keine Befestigung einer Kruste, - keine künstlich gefärbte Flüssigkeit; sondern ein augenscheinlich, ächtes Blutschwitzen!

 

Ob sich nun dieses durch die Epideermiß [!] ge-


[S. 31] drungene, und gleichsam filtrirte Blut, wenn es geronne ist, rücksichtlich seiner Cohärenz und Adhäsion an der Haut vollkommen verhalte, wie solches, welches aus Wunden ausläuft, will ich vor der Hand nicht absolut behaupten; aber auch solches pflegt sich unter den Umständen, wo es durch Ausdünstung von dem Orte seiner Anklebung losgestoßen ist, abzuschuppen, und dies und nichts Anders ist bey dem von E[uer] Wohlgeb[ornen] beschriebenen Vorfall bey dem damals Blut schwitzenden Kreuz geschehen.

 

Die Haut unter jenem Kreuz ist allerdings unverletzt, wie auch an den Blut schwitzenden Stellen an der Stirne und rund um den Kopf; allein die Spur des Kreuzes hätten Sie, wenn Sie recht genau zugesehen hätten, gewiß bemerkt; denn sie ist noch jetzt, wo es doch seit geraumer Zeit nicht geblutet hat, sichtbar.

 

Auch die Blutergießungen aus den hand- und Fußmalen sind als ein örtliches Blutschwitzen zu betrachten, und die Idee von Wunden an diesen Stellen muß ganz schwinden, wenn man nicht etwa ein sehr beschränktes bloßes Lostrennen und Schilfern der Epideermiß [!] für eine Wunde erklären will. Der weisse Rand, den E[uer] Wohlgeb[oren] um die Kruste herum bemerkten, und der Ihnen eine Lamelle von Klebwerk schien, war gewiß nichts, nicht als ein kreisförmiges Stücken der Epideermiß [!], welches


[S. 32] durch den Andrang des Blutes, und durch die Turgeszenz der aushauchenden Gefäße an diesen Stellen sich losgestoßen, und mit im Ausfließen nach und nach stockendem, coagulirten Cruor sich verklebt hatte.

 

Was den lothrecht über Stirne und Nase bemerkten Blutstreifen anbelangt, so kann man wohl denken, daß er Ihnen in der Überzeugung, eine Betrügerinn [!] vor sich zu haben, verdächtig vorkam, und Sie, da Sie die Kranke in einer Rückenlage fanden, an die Gesetze der Hydrostatik dachten; aber die Kranke pflegt sich auch wohl zuweilen aufzurichten, und durch untergelegte Küssen verändert man oft ihre Lage so, daß sie zuweilen sitzt, zuweilen in einer mehr horizontalen Lage liegt. Gewiß hatte das an der Stirne ausgeschwitzte Blut in jener sitzenden Stellung seinen bekannten Lauf genommen, dessen getrocknete Spur dann E[uer] Wohlgeb[oren] in der nachmahligen horizontalen Lage der Kranken widernatürlich vorkam.

 

E[uer] Wohlgeboren Befremdung, daß Dieselben mit den Sie begleitenden Damen am Abende, wo Sie die Kranke deren sogenannten Extase zu beobachten wünschten, keinen Zutritt erhielten, könnte doch, dünkt mich, durch die Vorstellungen des Herrn Dechanten, daß eine so zahlreiche Gesellschaft, als in dem engen Stübchen der Nonne mit Inbegriff der beyden


[S. 33] wachhabenden Personen offenbar gegen seine Pflicht der Sorgetragung für die Kranke sey, zerstreut worden seyn, und sie wäre es gewiß geworden, wenn Sie einen Augenblick vorausgesetzt hätten, daß hier eine fromme Seele im Kerker einer schwachen Hülle trauerte und litte und nicht eine Betrügerin, gegen die alle Schonung überflüssig sey, zur Parade gelegt sey; da nun aber das Letzte Ihre Meinung war, so ist freylich Ihre Befremdung auch erklärlich.

 

E[uer] Wohlgeb[oren] mögen leicht selbst erachten, daß Ihre Bemerkung über die Motive, warum unser Herr Dechant bey dieser Verweigerung verharrte, daß etwa das zertrümmerte Kreuz noch nicht wieder fertig gewesen sey u.s.w. für einen Mann von seinem Rufe und Character, ja von seinem Amte und seiner Würde eine entehrende Kränkung ist, die nach der Weise der Welt billig Vergeltung zur folge haben würde; aber glauben Sie, und ich bitte Sie, lassen Sie sich das freuen: alle, die mit der verachteten Chorschwester umgehen, lernen wohl auch von ihr Liebe für Schmach zu geben. Nun zweifeln Sie ja wohl nicht, daß eine schonende Überführung vom Irrthume zur Wahrheit Liebe ist. - Verstehen Sie recht: es handelt sich hier nicht von der factischen Ächtheit der Erscheinungen, welche überhaupt nur für diejenigen Werth haben können, die sie würdigen mögen; sondern


[S. 34] von dem Irrthum, tadellose Menschen in einen entehrenden Schein gesetzt zu haben, und von solchem Irrthum auf schonende Weise zur Wahrheit überführen - ist Liebe.

 

Dieser nachzukommen übernahm ich es nun mit Zustimmung des Herrn Dechanten, an E[uer] Wohlgeb[oren] gegenwärtiges Schreiben zu richten. - Da E[uer] Wohlgeb[oren] das Wundersame in der Diät der Kranken in Ihrem Berichte nicht erwähnt haben, so konnte ich diesen Gegenstand darin auch übergehen, obgleich auch hier meiner gewissesten Überzeugung nach die lauterste und ächteste Wahrheit obwaltet. - Ich betheure die darin angeführte Thatsache in der Unverfälschtheit eines Gewissens, mit der ich vor Gott zu erscheinen hoffe. Betrogen kann ich nicht seyn; der Weg, der Ihrem Zweifel noch übrig bliebe, wäre - zu urtheilen, daß auch ich ein Betrüger sey, und während ich Ihnen zum Voraus meine Verzeihung dafür verspreche, mahne ich Sie für des Fall um so dringender an, lieber noch einmal persönlich hierher zu kommen, dann aber, sie verzeihen, mit größerer Unbefangenheit die von mir angeführten Umstände selbst zu sehen. Mein Haus und meine frugale Tafel stehen zu Ihrem Befehle, und ich gebe Ihnen die heilige Versicherung, daß weder die Kranke, noch irgend Einer aus ihrer nächsten Umgebung den Feind oder Widersacher in Ihnen, sondern den durch


[S. 35] traurige Verhältnisse irrgeleiteten christlichen Bruder erblicken wird. Auf eine oder die andere Weise bin ich der Zuversicht, daß Sie zum Geständniß der Wahrheit kommen, und solches dann auch vor dem nämlichen Publikum abzulegen, kein Bedenken tragen werden, welches durch E[uer] Wohlgeb[oren] Bericht, das kann ich von meiner Überzeugung aus mit Gewißheit sagen, wenn es diesem Berichte glaubt, über die Thatsachen zum Irrthum, über die betreffenden Personen aber zu einem entehrenden Urtheile bestimmt seyn würde. Ein anders Benehmen ließ sich, richten Sie selbst, mit der Ehr- und Wahrheitsliebe eines rechtschaffenen Mannes nicht vereinigen, und es würde dem Herrn Dech[anten] Rensing dann freylich nichts übrig bleiben, ja ihm vielmehr, wenn auch nicht als Privatperson, doch als kirchendienendem Seelenhirten zur Pflicht werden, sich gegen die ihm widerfahrne Verunglimpfung durch eine Beleuchtung des Mangelhaften Ihrer Beobachtung und Untersuchung selbst zu rechtfertigen. Jeder gute Mensch, der die wahre Beschaffenheit der Sache kennt, und einigen Sinn für das Zarte einer sich in diesem Kreise bewegenden Erscheinung hat, würde übrigens gewiß mit mir bedauern, einen solchen Fall als Gegenstand eines Streites profanirt zu sehen, der wohl mehr für die Liebe des Herzens als für die Rechthaberey des Verstandes geschaffen und gegeben ist.


[S. 36] Möge Gott dieser meiner Zuschrift den Segen geben, auch das Erste, das Herz nämlich in Ihnen anzusprechen, Sie würden eilen, sich gegen den Letzten zu überzeugen, und dann gewiß nicht demüthigend finden, die Wahrheit des Erkannten auch vor dem Publikum zu bekennen. - Auch ich sprach früher wenn auch nicht schriftlich, doch mündlich, laut dagegen; scheute aber durch Gottes Gnade die Veränderung meines Bekenntnisses so wenig, daß ich ihr vielmehr einen wirksamen Einfluß auf mein ganzes Leben gern vergönnt habe; denn so wahr alles das ist, was das Wundersame der äußerlichen körperlichen Erscheinungen jener trefflichen Seele betrifft, so hinreichend der Beweis des Augenscheins und der Beobachtung dafür ausfällt: so bleibt alles dieses doch noch weit gegen dasjenige zurück, was sowohl für Überzeugung als Erbauung aus dem hier unberührten - innern Leben hervorleuchtet, wie es sich in ihren Gesinnungen und Herzensäußerungen kund giebt.

 

Nehmen Sie diese meine Mittheilung, die ich Ihnen in Wahrheit aus der Gesinnung mache, daß wir alle Menschen, auch unsere Widersacher, um Christi willen lieben sollen, so mild auf, als ich sie gebe, und als sie Ihnen, wenn Sie sie ruhig vor Ihrem Gewissen lesen, gewiß vorkommen wird, und ich werde zeitlebens mit so größerer Freudigkeit die Hochachtung em-


[S. 37] pfinden, mit welcher ich die Ehre habe u.s.w.*)

 

*) Dieser Brief wurde schon im Monat Junius, in welchem der Bericht des Herrn Professors, wie er oben angeführt ist, hier zuerst bekannt geworden war, geschrieben, und ist erweislich in desselben Hände gekommen; aber unbeantwortet geblieben. Obwohl nun dieser Brief allein schon hinreichend wäre, dem unbefangenen Leser zu zeigen, daß der darin beleuchtete Bericht nicht das Resultat einer unparteyischen Untersuchung; sondern ein Product der vorgefaßten Meinung, und der, was noch untersucht werden sollte, als ausgemacht vorauszusetzenden Übereilung sey; so glaube ich doch, auf die in dem Berichte enthaltenen, mich treffenden Beschuldigungen einige Worte der Erwidrung hinzusetzen zu müssen.


[S. 38]

3. Meine Selbstvertheidigung 

 

"Herr Krauthausen", sagt der Herr Professor, "hatte unsere Ankunft dem Herrn Dechant gemeldet. Er kam uns mit einem Besuche zuvor." - In der That: ein Kompliment, das mir Ehre machen würde, wenn es nur nicht, wie es da steht (verglichen mit dem, was vorhergeht und folgt) mich als einen Mann bezeichnete, der durch zuvorkommende Höflichkeit die Gunst derer zu erschleichen sucht, die hieher kommen, die Emmerich zu sehen, besonders wenn es Personen von Ansehen sind!

 

Die Sache verhält sich so: am 17ten Juny 1813 Abends nach 9 Uhr kam der Herr Dr. Krauthausen, meldete mir die Ankunft des Herrn Professors mit seiner Gesellschaft, und ersuchte mich, ihn nach seinem Hause zu begleiten, wo ich diese Gesellschaft finden würde. Ich hatte keine Lust mehr auszugehen, denn es war gerade


[S. 38] der Tag des h[eiligen] Fronleichnamsfestes, an welchem ich von Morgens 4 Uhr an bis gegen den Mittag und am Abend noch mit Kirchen- und Seelsorger-Dienst war beschäftigt gewesen, und ermüdet mich nach Ruhe sehnte; ich hatte auch den Herrn Professor und seine Reisegefährtinnen nie gesehen, und stand so weinig mit diesen, als mit ihm in Verhältnissen, die es mir zum Verstoße gegen Anstand und Höflichkeit gemacht hätten, wenn ich den Besuch bis auf den andern Morgen verzögert hätte: dennoch wollte ich dem Herrn Dr. Krauthausen diese Gefälligkeit nicht abschlagen, und gieng mit ihm.

 

Bey diesem Besuche soll Manches gesprochen seyn über die Emmerich,  über ihren hohen Geist, über ihre tiefe Einsichten, über die blutigen Erscheinungen an derselben u.s.w.; aber der Herr Professor hat aus diesem Gespräche nicht mehr Licht erhalten, als die Leser auch aus dem Bericht des Herrn von Drufel mögen erhalten haben. 

 

Herr Doctor Krauthausen, der damals mit der Beobachtung der Emmerich in Hinsicht auf das Phsysische beauftragt war, mag viel von den blutigen Erscheinungen u.s.w. gesprochen haben; ich habe mir weder in diesem, noch in einem andern ähnlichen Falle je einen Eingriff in sein Fach erlaubt, sondern als Profan in demselben dieses immer ihn und andern Kennern überlassen. - Über ihren hohen Geist, über 


[S. 40] ihre tiefe Einsichten, über ihre Kenntnisse vom innern Leben, die nach Ausweisung meines darüber geführten Tagebuchs einen höhern Grad erreicht haben, als man von ihrer intellectuellen und religiösen Bildung zu erwarten berechtigt war, habe ich gesprochen; aber nicht mehr, als ich sprechen mußte, um auf die Fragen über der Reisegefährtinnen des Herrn Professors wahrer Antwort zu ertheilen. Daß der Herr Professor aus dieser Unterredung nicht mehr Licht erhalten hat, als die Leser aus dem Berichte des Herrn von Druffel erhalten haben mögen, wird man leicht erklärlich finden, wenn man bedenkt, daß dieser Bericht größtentheils ein Auszug aus den von dem Herrn Dr. Krauthausen und mir geführten Tagebüchern ist, aus welchen auch wir unsern Stoff zu jener Unterhaltung schöpfen mußten. Nebenhin sprach der Herr Professor in einem solchen Tone, daß der Herr Dr. Krauthausen seinen Unwillen kaum verbergen konnte, und mir alle Lust vergieng, mich mit einem vor eingezogner Sachkenntniß über die Sache entscheidend absprechenden Richter weiter einzulassen; zumal weil ich nur über Gegenstände sprechen konnte, für die der Herr Professor keinen Sinn zu haben schien.

 

Was den Herrn Professor am meisten gegen mich erbittert hat, ist, daß ich ihm und seiner Gesellschaft den Abendbesuch der Emmerich zur Beobachtung einer sogenannten Extase nicht habe gestatten wollen; aber hierin handelte ich, wie 


[S. 41] ich handeln mußte. Der Leser erwäge, was folgt, und urtheile!

 

Die Leidende lag damals in einem Stübchen, das nur 14 1/3 Fuß rheinl[ändisch] lang, 7 breit und 11 hoch ist. In diesem waren zu der Zeit nebst ihr und ihrer Schwester zwey wachhabende Personen mit dem Herrn Dr. Ringenberg aus Nordkichen, der zur Mitbeobachtung der Leidenden während der 10tägigen Bewachung derselben war eingeladen worden, und diese für eine Kranke, die an einem Sommertage in einem so engen Stübchen liegt, ohnehin schon zu große Gesellschaft sollte noch auf ein paar Stunden durch die Gegenwart des Herrn Professors mit seinen beyden Reisegefährtinnen und einem hiesigen Arzte vermehrt werden: hatte die Leide nicht die gerechteste Ursache, sich das zu verbitten; um so mehr, weil sie den Tag über schon mit Fragen und Nachforschungen, die ihre Kräfte fast ganz erschöpft hatten, war gequält worden? Sie that es wirklich, und ich, der ich bisher noch keinen Grund entdeckt hatte, sie für eine Betrügerin zu halten, sah es als Pflicht an, ihrem so laut geäußerten, so dringend wiederholten Wunsche nachzugeben, und dem Herrn Professor mit seiner Gesellschaft die verlangte Erlaubniß abzuschlagen.

 

In dieser Meinung stärkte mich noch mehr folgende obrigkeitliche Weisung, die in mehrern Briefen bald kürzer, bald ausführlicher erneuert wurde. - "Sie erhalten hiemit, da ich heut be-


[S. 42] nachrichtigt bin, daß die Besuche bey der Emmerich noch viel zu häufig sind, bis auf Widerruf den ausdrücklichen Auftrag, durchaus Niemand mehr zu ihr zu lassen, als nur:

1) jene, die ein- für allemal Erlaubniß haben, sie zu besuchen,

2) jene, die zur Untersuchung gebraucht werden, 

3) die, welche Ihnen eine schriftliche Erlaubniß von mir vorzeigen, 

4) höhere Civil-Behörden, oder niedere, welche einen schriftlichen Auftrag jener höhern vorzeigen.

Sie wollen hievon die, welche zur Execution mitwirken müssen, in Kenntniß setzen."

Münster, den 13ten May 1813.

Clemens Droste Vischering

General-Vikar

 

Die Ursache jener Verweigerung, die der Herr Professor so sonderbar gefunden hat, lag also in der angeführten obrigkeitlichen Instruction, die ich um so mehr in dem vorliegenden Falle als Gesetz für mich ansehen mußte, weil der Abendbesuch der Kranken so sehr zuwider war, und die Billigkeit ihrer Forderung, damit verschont zu bleiben, sich nicht bestreiten ließ, ohne Grundsätze aufzustellen, die sich mit einem der ersten Menschenrechte nicht zu vertragen schienen. Hätte der Herr Professor es gut gefunden, meinen Besuch mit einem Gegenbesuche zu erwiedern, so würde er diese Ursache von mir selbst vernommen haben; daß er sie aber, auch ohne mir diese Ehre zu erweisen, nicht gleich erfahren habe, beweiset nur, daß die Kammerjungfer einer der beyden Damen, in deren Gesellschaft der Herr Professor sich befand, meine Antwort an das zweymalige Ansinnen ihrer Herrschaft nicht so überbracht habe, wie ich sie gegeben hatte.

 

Das Vikariatsschreiben, welches mich nach der Meinung des Herrn Professors zum Nachgeben hätte bewegen sollen, lautet so: "Sie erhalten dieses Schreiben durch die Frau von ... - In ihrer Gesellschaft befinden sich die Frau von ... und der Professor der Chemie, Herr Bodde. - Ich bitte diese drey zu der Jungfer Emmerich zu führen, und ihr von meinetwegen zu sagen, sie möge aus Gehorsam zulassen, daß diese drey alle Wunden, auch die in der Seite besehen; aber die Bewacher müssen während dem das Zimmer nicht verlassen."

Münster, den 17ten Juny 1813

Clemens Droste u.s.w.

 

Was der Herr General-Vikar in diesem Schreiben von mir verlangte, war geschehen, und noch mehr; denn ich hatte die eine Dame, weil sie mich darum ersuchte, zweymal zu der Leidenden geführt; und der Herr Professor erschien hier nicht als Untersuchungs-Commissar, sondern bloß als Privatgelehrter; darum hielt ich es für übertriebene Gefälligkeit, der oben angeführten obrigkeitlichen Weisung vom 13ten May zuwider, ihm und seiner Gesellschaft neue Belästigungen der Leidenden zu gestatten.


[S. 44] Auf die von dem Herrn Professor anstatt dieses einzig wahren, mir angedichteten Beweggründe zu der von ihm so scharf gerügten Verweigerung antworte ich nur kurz:

1) Die Nichterkünstelung der befragten Erscheinungen zu bezweifeln, hatte ich damals noch keinen hinlänglichen Grund entdeckt, wie ich auch bis auf diesen Augenblick noch keinen gefunden habe. - Einer besondern Naturkunde kann ich mich nicht rühmen, aber eben so wenig kann ich mich der alles, was nur den Schein des Außerordentlichen an sich hat, als übernatürlich anstaunenden Wundersucht schuldig geben. Oder, damit ich rede, wie ich denke: Emmerich ist keine Betrügerinn; das Seltsame, was an ihr erscheint, als ein Wunder zu verehren, habe ich bisher Anstand gefunden, und es natürlich zu erklären, reicht weder meine ärztliche Kenntiß von den Naturkräften, noch das hin, was ich von einsichtsvollen Naturforschern darüber gehört und gelesen habe. - Daher entstand die heißhungrige Wißbegierde, mit welcher ich vom Anfange dieser Erscheinungen an denen zuhörte, von welchen ich vermuthete, sie könnten über die Entstehung derselben (ohne Erkünstelung) eine, denkende Männer befriedigende Auskunft geben. Daher entstand auch der öfter von mir geäußerte Wunsch, daß endlich das Dunkel, worin diese Erscheinungen gehüllt sind, durch die scharfsichtigste Untersuchung gehellt werden möchte. - Keine Spur der Tendenz, Licht über dieses Dunkel zu ver-


[S. 46] breiten, fand ich in dem Berichte des Herrn Professors; darum schätze ich ihn nicht mehr, als denkende Christen die Wunder-Erklärungs-Versuche mancher Bibel-Exegeten aus der Epoche der herrschenden Naturalisirungswuth.

2) Die Untersuchungen des Herrn Professors misfielen mir allerdings; aber nicht, weil sie mehr auf Zweifel, als auf Gläubigkeit gegründet waren; sondern weil ich, der ich Zeuge davon war, alles daran vermißte, was nach meiner Einsicht zur ruhigen, gründlichen und der wichtigen Sache, die ihrer Seltsamkeit wegen die Aufmerksamkeit der französischen Regierung, unter welcher wir damals lebten, bereits auf sich gezogen hatte, angemessenen Untersuchung gehörte, besonders da sie von einem Gelehrten vorgenommen wurde, auf welchen aller Augen um so mehr gerichtet waren, weil man wußte, daß er sich - von ihr ersucht - in der Gesellschaft einer Dame befand, welcher es nur um Wahrheit, um Belehrung, um gründliche Auflösung des Räthsels zu thun war, was man aus der Erscheinung machen sollte. Was mag die Dame wohl von dem Berichte des Herrn Professors über diese Untersuchung gedacht haben!

3) Die Furcht, das Kreuz, welches der Herr Professor am Magen verstümmelt haben will, möchte noch nicht wieder hergestellt seyn, konnte mich zu meinem Benehmen gegen ihn in Hinsicht auf den Abendbesuch nicht bestimmen; denn ich wußte damals noch nichts von der vorgegangen


[S. 46] seyn sollenden Verstümmelung, und dachte im Glauben an das Wort anderer Ärzte und Naturkündiger, welche die Beschaffenheit dieser Erscheinung, mit und ohne Mikroskop, weit sorgfältiger untersucht hatten, nicht einmal an die Möglichkeit einer solchen Verstümmelung.

 

Hier könnte ich nun dieses Schriftchen füglich schließen; aber weil ich vermuthe, daß es einigen Lesern dasselben angenehm seyn werde, setze ich noch etwas über die im Jahre 1813 im Monate Junius angestellte zehntägige, im Berichte des Herrn Professors auch berührte Bewachung der Leidenden hinzu.

 

Nachdem man ihr vorgestellt hatte, daß man eine Bewachung nöthig fände, ergab sie sich darin, und äußerte, daß man sie, so lange es zweckdienlich scheinen würde, von unparteyischen Beobachtern, deren Auswahl sie ganz der geistlichen Obrigkeit überließ, möchte bewachen lassen; sie hätte auch gegen eine solche Bewachung um so weniger zu erinnern, weil sie hoffte, man würde sie, wenn die Bewachung geendigt wäre, nicht mehr so oft beunruhigen.

 

Der Herr General-Vikar glaubte, daß diese Bewachung desto gewisser ihren Zweck erreichen würde, wenn man auswärtige Ärzte dazu brauchte, und daß es an solchen, die sich dazu verstehen wollten, wohl nicht fehlen dürfte. Die Zeit zum Beginnen der Bewachung wurde also bestimmt; aber die Ärzte, auf welche der Herr General-Vikar gerechnet hatte, wurden verhin-


[S. 47] dert, hieher zu kommen, und ich erhielt den Auftrag, glaubwürdige und rechtschaffene Männer aus der hiesigen Bürgerschaft zu ersuchen, diese Mühe zu übernehmen. 

 

Alle, die ich darum ersuchte, erklärten sich gleich bereitwillig dazu; und so nahm die Bewachung unter der aufsicht des oben schon erwähnten Herrn Dr. Ringenberg am 10ten Juny ihren Anfang. Dieser konnte nicht, so lange die Bewachung dauerte, beständig hier bleiben, ist aber doch während derselben mehrere Tage und Nächte hier gewesen. - Der bey der Emmerich wohnende französische Geistliche, Herr Lambert, hatte sich vor dem Anfange der Bewachung aus eignem antriebe von hier entfernt, und nach einem 1 1/2 Stunden von hier entlegenen Orte begeben, woher er erst am 2ten Tage nach geendigter Bewachung zurück kam. Die Schwester der Emmerich blieb zu ihrer nothwendigen Bedienung bey ihr, und schlief die erste Nacht der Bewachungszeit mit ihr in einem Bette, bereitete sich aber am andern Tage nach der Verordnung des Herrn Dr. Ringenberg ein anders, von dem ihrigen abgesondertes Nachtlager. - Die Bewachenden, deren beständig zwey (mit dem Herrn Dr. Ringenberg öfter drey) Tag und Nacht in der Stube der Kranken waren, und deren Einer nächst vor ihrem Bette, der Andere in einer etwaigen Entfernung von demselben saß, lösten sich alle zwey Stunden ab. - Die Gegenstände, welche sie zu beobachten hatten, waren


[S. 48] 1) was die Kranke genösse, 2) was für Ausleerungen sie hätte, 3) ob auch von ihr oder andern Personen an den Wundzeichen gekünstelt würde, Gegenstände, zu deren Beobachtung nur der Wille zu sehen, und ein Paar gesunde Augen erfordert wurden. - Ob die Bewachenden den Willen zu sehen gehabt, und ihre gesunde Augen recht gebraucht haben, darüber mag jeder urtheilen, der den von ihnen unter dem Erbieten zur eidlichen Bekräftigung über ihre Beobachtung abgestatteten, unter den Vikariats-Akten aufbewahrten, von dem Herrn Medizinal-Rath und Professor von Druffel in der medizinisch-chirurgischen Zeitung in der Beyl[age] zu N[umero] 27 vom Jahre 1814 berührten Bericht gelesen hat.

 

Bald nach dieser Bewachung fand sich der Herr General-Vikar bewogen, die Untersuchung zu schließen, und beehrte mich mit folgendem Schreiben: "Zum Schlusse der die Jungfer Emmerich betreffenden Untersuchung danke ich Ihnen ganz verbindlich für die Mühe, die sie Ihnen verursacht hat. Sie haben diese Geschäft ganz nach meinem Wunsche, und ganz meinen Verfügungen gemäß geführt. Ich bin mit u.s.w."

Münster, den 30ten Juny 1813

Clemens Droste Vischering

General-Vikar


1) Die Wiedergabe des Textes erfolgt buchstabengetreu. Ergänzungen und Auflösungen von Abkürzungen stehen in []-Klammern.

 

Korrekturen offensichtlicher Satzfehler werden mit * gekennzeichnet.

 

Der Seitenwechsel ist durch die horizontale Linie kenntlich gemacht.

 

In []-Klammern folgt die Angabe der Seitenzahl.

 

Die Absätze und die Anmerkungen der Vorlage wurden übernommen.

Die von Dechant Rensing eingefügten Anmerkungen sind mit

R[ensing] bezeichnet.

 

 

2) Bei dem anonymen Autor handelt es sich um den Arzt von Anna Katharina Emmerick, Dr. Franz Wilhelm Wesener. Dies ergibt sich aus den Angaben auf Seite 28, wo der Autor mitteilt, dass er Anna Katharina Emmerick seit vier Jahren beobachtet, seit Jahren ihr Arzt ist (S. 29) und seit Jahren ein Tagebuch über den Zustand der Kranken führt (S. 30).