Prominente Besucher

Seit dem Frühjahr 1813 setzte ein Strom von Besuchern aller Schichten ein. Neben zahlreichen Dülmenern und Adeligen der Umgebung kamen auch Auswärtige. Nach ihrer Motivation lassen sich drei Gruppen unterscheiden:

  1. Angehörige der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit: Generalvikar Clemens August von Droste-Vischering als Leiter des Bistums Münster reiste in Begleitung Bernhard Overbergs und des Mediziners Prof. Franz von Druffel im März 1813 zu Anna Katharina. Die drei Personen suchten kirchlicherseits das “Wunder” der Nonne von Dülmen zu klären. Im August 1819 prüfte eine staatliche Kommission unter dem Landrat Clemens von Bönninghausen die Frage, ob es sich um einen Betrug handele.

  2. Gläubige Katholiken: Aus dem Kreis der “Familia sacra” in Münster kamen 1813 vermittelt durch Overberg Leopold Friedrich Graf zu Stolberg und seine Frau ebenso wie die Fürstin Maria Anna von Salm, eine Tochter der Fürstin von Gallitzin. An der Spitze einer anderen Gruppe stand der Professor der Theologie Johann Michael Sailer, der 1818 auf Empfehlung Overbergs nach Dülmen kam. Er knüpfte die Verbindung der Geschwister Diepenbrock zu Anna Katharina, nachdem er selbst durch Christian Brentano nach Dülmen eingeladen worden war. Dieser zog 1818 seinen Bruder Clemens und der wiederum 1819 Luise Hensel nach. 

  3. Mediziner und Wissenschaftler: Über 30 Ärzte beider Konfessionen, u.a. der entschiedenste Gegner Professor Bernard Bodde, sollen an Anna Katharinas Bett geweilt haben, um nach einer Erklärung für ihre Erscheinungen zu suchen. 

 

  Maus als Zeiger verwenden Bernard Overberg Franz von Fürstenberg Domherr Franz von Droste zu Vischering Generalvikar Clemens August von Droste zu Vischering Weihbischof Caspar Max von Droste zu Vischering Sophia Gräfin zu Stolberg Friedrich Leopold Graf zu Stolberg Prof. von Druffel Amalia Fürstin Gallitzin Adolph von Droste zu Vischering Prof. Theodor Katerkamp

Amalia Fürstin Gallitzin und die “Familia sacra” (um 1800)

(Landesmuseum Münster)

Amalia von Gallitzin ließ sich 1779 in Münster nieder, wo sie gemeinsam mit dem Minister und Generalvikar Franz von Fürstenberg das Zentrum eines religiösen Salons bildete. Die Mitglieder dieses Kreises suchten vor dem Hintergrund der Aufklärung einen eigenen, auf persönlicher Erfahrung gründenden Zugang zu einem erneuerten christlichen Denken und einer christlichen Lebensform. Die Auseinandersetzung mit Christus in Gebet und Meditation spielte dabei eine wichtige Rolle. Der Graf zu Stolberg trat aufgrund dieser Glaubenspraxis 1800 zum Katholizismus über.

Im Mittelpunkt des Gemäldes stehen Sophie und Friedrich Leopold zu Stolberg, Adolph von Droste-Vischering, Franz von Fürstenberg und Amalia von Gallitzin (von links). In der rechten hinteren Gruppe finden sich Bernard Overberg, Domherr Franz und Generalvikar Clemens August von Droste-Vischering. Im rechten Vordergrund ist Weihbischof Caspar Max von Droste-Vischering, am rechten Rand Prof. Theodor Katerkamp und als zweiter am linken Rand Prof. von Druffel abgebildet. Alle genannten kannten Anna Katharina mit Ausnahme der 1806 bzw. 1810 verstorbenen Gallitzin und Fürstenberg persönlich.

Dr. med. Franz Wesener (1782-1832)

Der aus einer Beamtenfamilie in Recklinghausen stammende Franz Wesener übernahm nach dem Studium der Medizin 1807 die Stelle eines Amtsphysikus in Dülmen. Wissenschaftlicher Rationalität und ärztlichem Ethos verpflichtet kümmerte er sich besonders um die Verwundeten der Kriege 1813/14, der Armenunterstützung in den folgenden Hungerjahren sowie der Obstbaumkultur. Er publizierte einen Gesundheitskatechismus und wissenschaftliche Aufsätze. 

Als er die Gerüchte von Anna Katharinas blutenden Wundmalen hörte, suchte er die vermeintliche Betrügerin aus wissenschaftlicher Neugier auf. Durch ihre Glaubenszuversicht fand der Rationalist wieder Zugang zu Gott und wurde ihr treuester Freund und Verteidiger. Getreu seiner Maxime durch Beobachtung und Beschreibung von Krankheiten Bausteine für die medizinische Wissenschaft zu liefern, zeichnete er vom 23. März 1813 bis zum 3. November 1819 fast täglich seine Beobachtungen an Anna Katharina auf.

Generalvikar Clemens August von Droste zu Vischering (1773-1845) 

Der seit 1807 amtierende Generalvikar lehnte die Säkularisation entschieden ab. Sein theologisches Verständnis griff auf die Mystik zurück, weshalb er Anna Katharina gegenüber Sympathien hegte. Seine Haltung gegenüber dem öffentlichen Aufheben um die stigmatisierte Nonne war bestimmt durch politische Gründe. Nach dem Tod von Max Franz gab es seit 1801 keinen Bischof von Münster mehr. Napoleon ernannte den ehemaligen Domdechanten Ferdinand August von Spiegel am 14. April 1813 ohne Zustimmung des Papstes zum Bischof. Das Domkapitel wählte Spiegel zum 2. Vikar, wodurch dem Generalvikar Droste Vischering ein Konkurrent erwuchs. Bis zum Abschluss eines Konkordats (1821) hielten die Spannungen an.

Bernard Overberg, Regens des Priesterseminars und Reformer der Lehrerausbildung (1754-1826)

Bernard Overberg unterstand von 1783 bis 1816 das niedere Schulwesen im Bistum Münster. Seine Verordnungen bezweckten die Trennung von Lehrerberuf und Kirchendienst sowie eine Seminarausbildung der Lehrer und der – von ihm geförderten – Lehrerrinnen. Er verfasste 1788 ein Lesebuch, das bis 1831 in Gebrauch blieb, sowie die sehr verbreiteten zweibändigen „Geschichten des alten und neuen Testaments". Schließlich betreute er als Regens des Priesterseminars den geistlichen Nachwuchs. Als Priester war er Anna Katharinas geistlicher Mentor, der sie an Clemens Brentano wies.

 

Franz Ferdinand von Druffel (1763-1857)

Nach dem Studium der Medizin in Göttingen und Wien berief ihn Fürstenberg an die christlich-katholisch geprägte Akademie in Münster, die weniger der Forschung als der berufsbezogenen Ausbildung der Landeskinder dienen sollte. Druffel war 1792 der erste Professor der medizinischen Fakultät, bevor Bernard Bodde 1793 der zweite Professur mit dem Lehrgebiet Chemie und Pharmazie erhielt. Druffel verkörperte das Selbstverständnis der Fakultät, die auf nüchterner Beobachtung und Erfahrung weniger auf Forschung und Theorienbildung setzte. Nach einem Urteil des Freiherrn vom Stein kannte der 1805 geadelte Druffel zwar die Forschungsströmungen seiner Zeit, habe sie aber nicht verstanden.

 

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg (1750-1819) 

Der Graf zu Stolberg, Konvertit und Verfasser einer 15-bändigen Geschichte der Religion Jesu Christi, die das geschichtliche Bewusstsein des Katholizismus neu weckte, fand in der Begegnung mit Anna Katharina eine Bestätigung seines Glaubens. Eine von ihm veranlasste Familienstiftung stellte die Mittel für die von Clemens August von Droste Vischering gegründete Gemeinschaft der Barmherzigen Schwestern bereit, die sich der Kranken- und Armenpflege widmete. Nach Übernahme des Clemenshospitals sind sie als Clemensschwestern bekannt geworden.
Johann Michael Sailer (1751-1832)

Der Landshuter Professor Johann Michael Sailer, ab 1829 Bischof von Regensburg, war der bedeutendste Theologe der Zeit. Er verstand Religion als lebendige Begegnung mit Gott statt logischer Ableitung von Glaubenssätzen.

 

Melchior Diepenbrock (1798-1853) 

Prof. Sailer besuchte im Anschluss an seinen Dülmener Aufenthalt die Familie Diepenbrock auf ihrem Sitz bei Bocholt. Auf den haltlosen Melchior übte er einen starken Einfluss aus. Ein Besuch bei Anna Katharina (1819) veranlasste Melchior Priester zu werden. Als Sekretär Sailers, später Fürstbischof von Breslau (1845-1853), beeindruckte ihn ihre Glaubens- und Leidenskraft. 

Apollonia Diepenbrock (1799-1880)

Apollonia, Schwester von Melchior Diepenbrock, engagierte sich nach Anna Katharinas Vorbild in der Krankenpflege. Sie und ihr Bruder kamen oft nach Dülmen und standen in engem Briefwechsel mit Clemens Brentano. Nach Anna Katharinas Tod wandten sich Apollonia Diepenbrock und Luise Hensel nach Koblenz, um im dort in der Gründungsphase des neu einzurichtenden Hospitals als Krankenpflegerinnen tätig zu sein. Anschließend betreute sie verwahrloste Mädchen in einem Asyl, bevor sie 1833 nach Regensburg zu ihrem Bruder zog. Dort stiftete sie das bis zu ihrem Tod (1880) von ihr geleitete St.-Josephs-Haus.

Christian Brentano (1784-1851) 

Die Brüder Brentano, aus reichem Frankfurter Kaufmannshaus stammend, richteten ihr unstet und sprunghaft verlaufenes Leben neu am katholischen Glauben aus. Über sein Bekehrungserlebnis zu einem mystisch-dogmatisch, streng hierarchischen Katholizismus legte Christian Brentano in einer Selbstbiografie Rechenschaft ab. Der Mediziner kam 1817 zu Anna Katharina, die ihn in seiner visionären Glaubenserfahrung bestärkte. Ein enger Kontakt zum Landshuter Theologen Sailer blieb nur Episode, weil sich ihr Ansatz grundlegend unterschied. Nach einem 1823 aufgenommenen Theologiestudium wurde er nicht Priester, sondern wirkte von 1835 bis zu seinem Tod (1851) als Publizist in Boppard und Aschaffenburg.

Clemens Brentano (1778-1842)

Clemens Brentano sah seine Berufung in der Aufzeichnung der Visionen Anna Katharinas, die der bekannte Schriftsteller in überarbeiteter Form veröffentlichte.

Luise Hensel (1798-1876) 


Die evangelische Predigerstochter Luise Hensel trat 1818 zum katholischen Glauben über. Durch Clemens Brentano kam sie in Kontakt mit Anna Katharina, deren enge Vertraute sie wurde. Luise Hensel wirkte zunächst als Erzieherin der Enkelkinder der Fürstin von Gallitzin in Münster. Nach Anna Katharinas Tod (1824) sammelte sie alle Lebenszeugnisse und Hinterlassenschaften ihrer Freundin. Im Rheinland und in Westfalen unterrichtete sie als Hauslehrerin Töchter adliger und bürgerlicher Familien, von denen zahlreiche später Ordensfrauen wurden. Drei Schülerinnen stifteten neue Gemeinschaften.

Clemens von Bönninghausen (1785-1864)

Der vielseitig gebildete und medizinisch interessierte Dr. jur. Clemens von Bönninghausen leitete als Landrat des Kreises Coesfeld (1816-1822) die staatliche Untersuchungskommission. Die Kommission sah in Anna Katharina eine vegetativ-stigmatisierte hysterische Person.