Geschichte und vorläufige Resultate der Untersuchung über die Erscheinungen an der ehemaligen Nonne A.C. Emmerich zu Dülmen mitgetheilt von dem ehemaligen Dirigenten derselben C[lemens] v[on] Bönninghausen, Landräthlichen Kommissair des Kreises Coesfeld, Hamm (Schultz und Wundermann) 1819.1)

 

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Motto:

Cur non ponderibus moduliaque suis ratio utitur ac res ut quaeque est ita suppliciis delicta coercet

Horatius 1, Sat. 3


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Vorwort von dem Herausgeber

Der Gegenstand dieser kleinen Schrift, die Wundmale an der Jungfer A.E. Emmerich, hat seit Jahren die Gemüther in vielen Gegenden Westfalens so wie in einem bedeutenden Theile der Rheinlande und Hollands bewegt. Ein lebhafter literarischer Streit hatte darüber begonnen, der sich stufenweise auch in unsre vaterländische Zeitschrift, den Rheinisch Westfälischen Anzeiger, verbreitete, und dort besonders seit dem Beginn einer amtlichen Untersuchung mit großer Lebhaf-


[S. 4] tigkeit und Bitterkeit geführt würde. Auch die nachstehende Schrift war ein für jene Zeitschrift von dem würdigen, als gewandten Welt- und Geschäftsmann bekannten, und durch seine Kenntnisse eben sowohl, als durch seine Verdienste, insbesondere um die landwirtschaftliche Kultur unsers Vaterlands gleich ausgezeichneten, Verfasser bestimmter Aufsatz.

In dieser Bestimmung aber nahm derselbe durch seinen bedeutenden Umfang, den Raum, der uns als Herausgeber vergönnt ist, zu sehr in Anspruch, als daß er sich nicht vielmehr für eine kleine Flugschrift, wodurch er auch die Möglichkeit einer weitern Verbreitung erhielt, als zur Einverleibung in eine Zeitschrift eignen sollte.

Ohne dieses abzuläugnen, fand der Verfasser jedoch gegen eine solche besondere Herausgabe manches einzuwenden. "Überhäufte Dienst- und Privatgeschäfte hätten ihm nicht erlaubt, mehr als einen einzigen Tag auf die Ausarbeitung des Ganzen zu wenden, es müße die Dar-


[S. 5] stellung daher mangelhaft sein, und ihr jede Feile fehlen. Außerdem sei der Aufsatz auf die Aufnahme in eine Zeitschrift berechnet, und ganz isolirt dastehend, sei zu befürchten, daß derselbe zu nackt und unvollständig erscheine, und Mißdeutungen bei dem die Gemüther so lebhaft anregenden Parteikampfe unterworfen werde."

 

Die Verantwortung hiervon haben wir auf uns genommen, und, unter dieser Bedingung, die Einwilligung des Verfassers zur besondern Herausgabe erhalten. Wie wir nicht zweifeln, wird uns das Publikum Dank dafür wissen. Die Hauptsache sind bei einem Gegenstand, wie diese, die Thatsachen und Beobachtungen, und in Hinsicht der Darstellung ist gewiß alles geschehen, was binnen einem so kurzen Zeitraum, als dem Verfasser zur Ausarbeitung gegönnt war, geschehen konnte. Weitere Anforderungen konnten nur durch den Abdruck der Protokolle, die gegenwärtig noch in Berlin sind, befriedigt werden. Das hier gegebene aber ist völlig hinreichend um über den Gang der Untersuchung Licht zu 


[S. 6] verbreiten, und die vielen falschen Gerüchte, die über die Resultate derselben in Umlauf waren, zu vernichten.

So viel, glauben wir, wird genug sein, um den Leser den richtigen Gesichtspunkt für diese kleine Schrift zu eröffnen und böswillige Urtheile zu verhindern.

Hamm im November 1819

Dr. Heinrich Schultz

Herausgeber des Rheinisch Westfälischen Anzeigers


[S. 7] Die Aufsätze über die Jungfer A.C. Emmerich zu Dülmen, welche seit Kurzem im Rh[einisch] Westf[älischen] Anz[eiger] erschienen, sind keineswegs von der Art gewesen, daß sie den Leser über das Wesen der Sache selbst unterrichten konnten. Der auf Verlangen des Verfassers aufgenommene Aufsatz des Herrn Schilgen, würde einer Widerlegung und Rüge bedürfen, wenn er nicht allgemein als ein fades Gewäsche ohne allen Gehalt anerkannt, und mithin sehr bald in Vergessenheit gerathen wäre. Die Mittheilung des H[er]rn Boner giebt uns nichts, als eine zwar vernünftige, aber nirgends hinreichend begründete, Ansicht, dergleichen schon mehrere im Umlauf sind. Der reisende Juwelier endlich, den ich aus manchen Lieblings Ausdrücken recht wohl zu kennen glaube, und der übrigens von Manchem, als


[S. 8] wäre er Augen- und Ohrenzeuge gewesen, ziemlich unterrichtet zu sein scheint, hat freilich mit mehrerem Glücke den Kantschu der Satire geschwungen, und wenigstens die Lacher auf seiner Seite gehabt. Aber ausserdem daß nur wenige Leser im Stande sind, den Witz recht zu genießen, können solche Anfälle nichts als einen unnützen Federkrieg herbeiführen, wobei im Ganzen nur Ärger und Verdruß herauskommt und wozu mir die ganze Geschichte fürs erste noch etwas zu ernsthaft scheint. In der That sollen auch bereits Entgegnungen in Arbeit, und mehrere Entwürfe dazu vernichtet sein, weil man Sinn und Worte nicht witzig und bitter genug hat finden können.

 

Bei Allem diesen bleibt nun das Publikum, dessen Aufmerksamkeit durch die im August statt gefundene Untersuchung aufs Neue rege geworden ist, und durch die Öffentlichkeit der Behauptungen billige Ansprüche auf Belehrung hat, in den vorigen Zweifeln, und der Verständige hat kein Mittel in Händen, sich hinlänglich vor den Behauptungen der Unverständigen sicher zu stellen.

 

Es ist deshalb Zeit von der Ermächtigung Gebrauch zu machen, welche dem Unterzeichner verblieben ist, und von den Resultaten jener


[S. 9] Untersuchung so viel der Öffentlichkeit zu übergeben, als nöthig ist, dem nicht gar unheilbar Erblindeten in dieser Sache hinlängliches Licht zu verschaffen. Manches ist nur Vermuthung, und kann deshalb, wenn es auch an hinlänglichen vernünftigen Gründen nicht fehlt, hier keinen Platz finden; manches andere liegt noch ganz im Dunkel, und wird vielleicht als ein wohlverwahrtes Geheimnis mit den Personen zu Grabe getragen werden. Es ist zu bedauern, daß die Untersuchung nicht einige Jahre früher vorgenommen ist, wo es leichter gewesen wäre, überall auf den Grund zu kommen; aber daß die jetzige dennoch nicht, wie manche gewähnt haben, ohne Erfolg und ohne Entdeckung geblieben, wird sich hiernächst zeigen.

 

Vorläufig muß ich hier noch bemerken, daß ich nur aus dem Gedächtnis schreibe, und daß sich Niemand an dem Mangel genauer Angaben von Datum und Zahlen stoßen müße, indem die sämmtlichen bei der Untersuchungsgeführten Akten dem hohen Oberpräsidio, und von da bereits längst dem königlichen Ministerio eingesandt sind. Ich versichere jedoch, daß ich aus treuem Gedächtnisse schreibe, und daß ich nichts sagen werde, als was ich sicher weiß. Ich tra-


[S. 10] ge deshalb kein Bedenken, mich als den Verfasser dieser Mittheilung zu nennen, und dadurch für die Wahrheit des Besagten zu bürgen. Die Jungfer Emmerich selbst muß mir nicht allein dieses bezeugen, sondern auch, daß ich ihr bei Beendigung der Untersuchung unverholen meine auf unzweideutige Gründe beruhende Überzeugung gestanden, sie ernstlich und dringend gewarnt, und ihr gesagt habe, auf welche Art ich mich in meinem kommissarischen Berichte, und falls es erforderlich wäre, auch öffentlich äussern würde.


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Die viel besprochenen Erscheinungen an der A.C. Emmerich darf ich wohl bei den meisten Lesern, als bekannt voraussetzen. Sie bestanden nemlich in einer periodischen Blutung von Wundmalen an Händen, Füßen und in der rechten Seite, eines Kreuzes auf der Brust und eines Streifens rund um den Kopf, bei einer angeblich, nach und nach eingetretenen gänzlichen Enthaltung von Speise und Getränk, mit Ausnahme einer geringen Menge Wassers, welche


[S. 11] mehrere Jahre angehalten. Die Spuren jener Male sind noch überall deutlich zu sehen, und erscheinen gerade wie Narben von andern Wunden, welche mit Eiterung wieder geheilt sind; nur um den Kopf findet sich auch bei der genauesten Besichtigung gar nichts von der Art zu bemerken; auch Stimmen, was ich besonders zu beachten bitten muß, alle Aussagen der A. C. Emmerich selbst und ihrer Umgebung darin überein, daß nach den Blutungen am Kopfe, so bald sie aufgehört und das Blut abgewaschen, weiter nichts zu sehen gewesen sei. Das Kreuz auf der Brust besteht aus einer Menge feiner linienförmiger Narben nebeneinander, und erscheint wie das bekannte Koesfeldsche Kreuz mit zwei unter spitzen Winkeln aufsteigenden Armen, nur mit dem Unterschiede, daß obenher noch ein gleichsam unvollendeter Balken gezogen ist. Das Ganze hat übrigens eine ziemlich unästhetische Form. Jene Male und Blutungen sollen ohne alle menschliche Hülfe entstanden sein, und einen Zeitraum, von sieben Jahren ununterbrochen fortgewährt haben.

 

Es hier ausdrücklich zu erwähnen, daß blos die Ächtheit dieser in die Sinne fallenden Erscheinungen der Gegenstand der Untersuchung


[S. 12] war, und die geistigen Eigenschaften und das innere hohe Leben der A.C.E., worauf man kürzlich die Aufmerksamkeit, der gebildeten Klasse hat lenken wollen, nur in so fern zu beobachten waren, als sie in Hinsicht der Erstern Aufschlüsse geben konnten.

 

Ein mißlicher Umstand war es allerdings, daß jene Erscheinungen aufgehört hatten, und mithin der gerade Weg der Versuche, worauf man zu sichern Resultaten hätte gelangen können, völlig unbrauchbar gemacht war. Indessen, wenn das Verschwinden derselben an sich schon merkwürdig genug, und die Ursache ihres Entstehens dadurch als Etwas von Zeit und Umständen Abhängiges anzusehen war, so wird es für den aufmerksamen Beobachter noch merkwürdiger, wenn er weiß, was sonst noch um diese Zeit vorfiel. Das Abfallen der Krusten nemlich, nachdem die Wunden eine kurze Zeit nicht mehr geblutet hatten, erfolgte, wie die Aussage lautet, plötzlich und unerwartet am unschuldigen Kindertage (28. Dezember v.J.) Gerade vier Wochen vorher, nemlich am 30. November, war von dem hohen Ministerio zu Berlin eine strenge Untersuchung verfügt. Dieses Zusammentreffen zweier Dinge, die man


[S. 13] sonst gar füglich als Ursache und Wirkung deuten könnte, kann ganz zufällig sein; auch läßt sich bis jetzt eine Verbindung unter beiden noch nicht erweisen; aber auffallend ist es doch, und man muß gestehen, daß der Zufall, dem Rufe der frommen Dulderin, wenigstens in diesem Falle, nicht günstig gewesen ist. Argdenkende haben selbst die Vermuthung geäußert, die schnelle Mittheilung jener Ministerial-Verfügung - denn die Anordnung der damals schon beschlossenen Untersuchung von Seiten unseres verehrten Oberpräsidenten datirt sich erst vom 14. Januar - wäre denselben Weg gegangen, als eine spätere wirklich von der A.C.E. eingestandene, mit der es folgende Bewandniß hat. Als nemlich jenes Aufhören der Erscheinungen bekannt wurde, schien eine Untersuchung derselben nicht ferner thunlich. Um von der Sache offiziell und sicher unterrichtet zu sein, erhielt der Doktor und Kreis Physikus Rave den Auftrag, den dermaligen Zustand der A. C. E. genau und protokollarisch aufzunehmen. Von diesem Protokolle und selbst von dem dabei gefügten Privatschreiben an den Hrn. Regierungs-Rath Borges zu Münster, worin er seine Ansicht etwas freier mitgetheilt hatte, ist eine


[S. 14] Abschrift zu den Händen der A.C.E. gelangt, und diese dadurch bewogen worden - wahrscheinlich auf fremdes Anrathen, indem von einer frommen Dulderin voll erhabener Einfalt solches nicht zu erwarten - den Verfasser jenes Briefes, als Mitglied der spätern Untersuchung, zu rekusiren. - Dies alles sind indessen, wie ich, nochmals wiederhole, Thatsachen, welche zwar an sich wahr sind, deren Zusammenhang ich aber nicht genug kenne, um irgend einen Schluß darauf bauen zu können.

 

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Die Untersuchungs-Kommission, welche nach jenen Vorgängen aufs Neue angeordnet war, und ohne daß früher etwas davon ruchtbar [!] wurde, am 3. Aug[ust] zu Dülmen zusammen traf, bestand aus dem Unterzeichneten, welchem die Leitung übertragen war, und folgenden Mitgliedern: dem Pfarrer Niesert zu Velen, dem Prof. der Naturlehre Rosern zu Senden, als geistlichen; ferner dem Doktor und Kreis Physikus Rave zu Ramsdorf, und dem Doktor Busch zu Münster, als ärztlichen Kommissarien; ausser-


[S. 15] dem war eine Wärterin aus Münster zur Pflege der A.C.E. beigegeben.

 

Ein Hauptpunkt unserer Instruktion war die Translokation der A.C.E. und die gänzliche Trennung derselben von ihrer sämmtlichen frühern Umgebung. Die Ausführung dieses Befehls, wobei, wie auch sonst bei der ganzen Behandlung, die möglichste Schonung geboten war, fand gleich sehr große Hindernisse. Die Weigerung der A.C.E., sich gutwillig hiezu zu verstehen, und selbst eine in ihrem Namen von dem Justizkommissar Keus eingelegte Protestation, würde natürlich keineswegs berücksichtigt und demungeachtet unverzüglich vorangeschritten sein; allein der Kreis-Arzt Doktor Wesener daselbst, welcher die Kranke seit etwa sieben Jahren behandelt und sie beständig und täglich besucht hatte, protestirte ebenfalls schriftlich dawider, erklärte den Transport für muthmäßlich tödtlich, und hielt selbst jede Veränderung der sie umgebenden Luft für sehr gefährlich. Obwohl nun die anwesenden beiden Ärzte der Kommission die Gefahr nicht so groß fanden, so wurde es doch, möglicher Folgen wegen, nöthig befunden, höhern Orts anzufragen, ehe wir weiter giengen. Eine Folge hiervon,


[S. 16] war die Überkünfte des H[er]rn Medizinal- und Regierungsrath Borges, und des H[er]rn Hofraths Münstermann, welcher letztere indessen niemals an der Untersuchung selbst Theil genommen und nur zur Begleitung mit nach Dülmen gereist war.*) Ersterer brachte wiederholten strengen Befehl zur Translokation mit, welche dann auch wie H[er]r Schilgen mit einschläfernder Weitläufigkeit erzählt hat, am anderen Morgen wirklich vor sich ging. Ob die Einwohner Dülmens bei dieser Gelegenheit wirklich so widersetzliche Gesinnungen gehabt, als man es nach jenem Aufsatze schließen sollte, muß ich bezweifeln, da freilich der Zulauf der Neugierigen sehr groß war, aber Niemand sich gegen mich auch nur im Geringsten ungebührlich bezeigt, sondern Jeder mit der Ruhe und Achtung benommen hat, wie ich es bei diesen braven Leuten während meiner Dienstzeit nicht anders gewohnt bin, und worüber ich hier mit Freuden eine öffentliche Ehrenerklärung ablege. Nur das ist wahr, daß die anwesenden Freunde der A.C.E. zum

 

*) Ich halte es für nötig, überall die Personen namentlich anzuführen, und zu sagen, in wiefern sie zu der Kommission gehörten, weil auch hierüber früher Un richtigkeiten in Umlauf gesetzt sind.


[S. 17] Tragen derselben bis zu dem unten auf dem Flur stehenden Korbbette nicht zu bewegen waren, und ich solches selbst übernehmen mußte.

 

Während dieses vorging, erhielt zuerst die A.C.E. von dem H[er]rn Generalvikar zu Münster, F[rei]h[er]rn v[on] Droste, die Benachrichtigung, daß er sein Theil an der Anordnung der Untersuchungskommission habe, und daß seinerseits kein Mitglied zu derselben ernannt sey. Darauf erhielten auch die obenerwähnten geistlichen Mitglieder der Kommission die Weisung, sich aller Theilnahme an der Untersuchung durchaus zu enthalten, ein Befehl, der auch später, selbst auf Verwendung des H[er]rn Oberpräsidenten, nicht aufgehoben wurde, und die drei Mitglieder veranlaßte, ihre Entlassung nachzusuchen. Es haben sich viele über diese Maaßregel höchlich gewundert, und sie auf allerlei Weise zu deuten gesucht; so viel kann ich hier indessen behaupten, daß der H[er]r Generalvikar niemals zu den gläubigen Verehrern der A.C.E. gehört, und nach eigenen Versuchen und Beoachtungen die Ächtheit der Erscheinungen beständig in Zweifel gezogen hat. Auch weiß ich aus mehreren mir mitgetheilten Äusserungen desselben, daß er die Untersuchung längst gewünscht und gern


[S. 18] gesehen, mithin etwas der Sache selbst Fremdes, und vielleicht nur die Form betreffendes, jenem Verbote zum Grunde gelegen hat, welches nicht nur die Kommission eines großen Theils ihrer Wirksamkeit beraubte, sondern auch über ein und andres bei Manchen ein sehr doppeldeutiges Licht verbreiten mußte.

 

Die Untersuchung war nun gänzlich weltlichen, oder wie ein unberufener Witzling sich äusserte, profanen Händen übergeben. Auch war eine Folge hievon die Ernennung der Doktoren Keßler von Lüdinghausen, und Zumbrink aus Münster, zu Mitgliedern, denen einige Tage später, als die Bewachung der A.C.E. gar zu beschwerlich wurde, der Bürgermeister Möllmann, und der Apotheker Nagelschmidt zu Dülmen beigefügt wurden.

 

Einer ehrenvollen Erwähnung muß ich hier um so mehr noch des in jeder Hinsicht ehrwürdigen Dechanten Rensing zu Dülmen thun, als ein früherer litterarischer Streit mit dem H[er]rn Prof. Bodde, zu falschen Auslegungen Anlaß gegeben hat. Er hat sowohl im Anfange die A.C.E. zu bewegen gesucht, gutwillig sich der Untersuchung zu unterwerfen, als auch später, wie er, auf mein Zureden, von ihr anstatt


[S. 19] des Paters Limberg, welcher zu den frühern beständigen Umgebungen gehörte, zu ihrem Beichtvater erwählt war, stets zur Aussage der Wahrheit ermahnt, und seinerseits alles Mögliche dazu beigetragen, daß der Zweck nicht verfehlt werden möge.

 

Als die Translokation beendigt, und die A.C. Emmerich auf einem abgelegenen, ruhigen und in jeder Hinsicht anpassenden Zimmer war, (welches der Herr Hofkammerrath Mersmann, mit sehr lobenswerther Bereitwilligkeit in einer für ihn ohnehin schon sehr geschäftsvollen und unruhigen Periode zu diesem Behufe hergegeben hatte), wurde zuvörderst Berathung gehalten, was nun zu thun, und wie die Sache zu behandeln sey. Die A.C.E. war offenbar sehr mager und schwach, und weil die Ärzte von ihrer Krankheit nichts Zuverläßiges wußten, so wurde es nöthig erachtet, sie in den ersten Tagen möglichst zu schonen, und ihr den Beistand ihres bisherigen Arztes und ihrer Pflegerinnen nur nach und nach und nicht auf einmal zu entziehen. In dieser Zeit sollte dann auch ihre und ihrer Umgebungen Aussagen zu Protokoll genommen, und die


[S. 20] äusserliche Beschaffenheit ihres Körpers und die Überbleibsel ihrer frühern Maale beschrieben werden.

 

Hier war es nun besonders nöthig, darüber ins Reine zu kommen, wie die Erscheinungen anzusehen, und wie mithin die Untersuchung zu führen sey. Nach den ziemlich gut übereinstimmenden Aussagen der A.C.E. und ihrer Umgebung, hatten die Blutungen an Händen, Füßen und an der Brust gänzlich, die Blutungen des Kopfes aber nicht aufgehört. Ferner wurden hier die früheren Blutungen, und die Enthaltung von aller Speise und Trank, mit Ausnahme einer unbedeutenden Menge Wassers bestätigt. Es war nun die Frage: ob letzteres natürlich zu erklären und Folge eines krankhaften Zustandes des Körpers seyn könne? - Die Antwort war: nein! - und zwar aus folgenden Gründen: es giebt zwar mehrere Beispiele wo bei unterdrückten Menstruationen, wie es auch hier angegeben wird, das Blut sich in andern Theilen des Körpers einen Ausweg gebahnt hat; aber bisher noch kein hinlänglich verbürgtes, wo es nicht nur so ominösen Stellen hervorgedrungen war, sondern auch deutliche und scharf begrenzte Narben von frühern wirklichen


[S. 21] Wunden zurückgelassen hätte. Eben so ist zwar wohl oft bei kranken Personen eine lange Zeit fortgesetzte Enthaltung von aller nahrhaften Speise, jedoch nicht ohne merkliche Hinschwindung des Körpers bemerkt; aber von einer mehrere Jahre hindurch ununterbrochen anhaltenden, wobei die Kranke ihre blühende Farbe nicht verliert, giebt es bisher kein Beispiel. Nimmt man nun gar diese beiden Erscheinungen zusammen, nemlich die öfteren sehr bedeutenden Blutungen, welche nichts anders als eine Ausleerung von schon zubereiteten Lebenssäften anzusehen sind, und dagegen den gänzlichen Mangel von etwas, was jenen Abgang ersetzen könnte, wobei dennoch die Farbe blühend und das Gesicht wie verklärt gewesen seyn soll; so ist man wohl ohne allen Zweifel mit der physischen Möglichkeit zu Ende, und die Sache kann nicht mehr auf natürlichem Wege zugegangen sein. - Dieser Schluß, so einfach und sicher er jedem gesunden Menschenverstande erscheinen muß, ist mir seitdem zweimal als unsicher vordemonstrirt worden, das eine Mal war der Beweis so gelehrt, daß ich nichts davon verstanden habe; und weil der gelehrte Demonstrator sich nicht deutlicher und verständlicher aussprechen konnte,


[S. 22] - vermutlich weil er sich selbst nicht verstand - so muß ich es den verständigen Lesern zur Entscheidung überlassen, ob dasjenige richtiger ist, was die ganze Welt versteht und ein gesunder Kopf leicht begreift; oder dasjenige was man nicht näher zu erklären und begreiflich zu machen versteht. - Das andere Mal mußte der thierische Magnetismus, - der, wie es heißt, schon so viele menschliche Narrheiten und Betrügereien auf sich genommen, daß er bereits in Österreich für vogelfrei erklärt ist, - herhalten. Obwohl ich nun nicht begreife, wie ein wohlgefüllter Magen des Magnetiseurs einen Theil seines Überflusses durch die Fingerspitzen u.s.w. in den Magen der Somnambüle bringen kann, so bemerke ich doch zur Beendigung alles Streites über diesen Punkt, daß die A.C.E. den thierischen Magnetismus verabscheuet, und ihre Anhänger sammt und sonders dabei, so lange sie nicht mit reumüthigen Herzen von ihrer Verirrung zurückkehren.

 

Da die Erscheinungen an der A.C.E. dem obigen gemäß als den bekanntesten Gesetzen der Natur schnurstraks zuwider, nicht natürlich sein können, so bleibt nur zweierlei dafür zu nehmen übrig, nemlich, sie sind entweder ein Wunder oder


[S. 23] - Betrug. Diejenigen, welche durchaus die Möglichkeit eines Wunders, und mithin auch alle früher geschehenen ableugnen, können hier füglich abbrechen, und sich ohne Anstand an die letzte Alternative halten. Wir anderen aber, die wir dem Reiche der Möglichkeiten, weil wir an einen Gott glauben, keine so enge Grenzen setzen, müssen weiter dem Faden der Untersuchung folgen, um zu sehen, zu welcher von beiden er uns hinführt.

 

Die A.C.E. und ihre Umgebung haben diese nunmehro höchst merkwürdigen Erscheinungen selbst als etwas ihnen ganz unerklärbares, mithin als ein Wunder, und zwar als ein Wunder religiöser Art, ausgegeben, wenigstens nirgends öffentlich ein Schritt gethan, um diesem Glauben zu widersprechen, der, wie sie wohl wissen mußten, so allgemein verbreitet war. Im Gegenteile ist ihrerseits durch die Schwierigkeit, womit Fremde, die sie besuchen wollten, zu kämpfen hatten, nicht nur der Sache und der Person, ein gewisser pretiöser Werth zugelegt, sondern auch die Publizität derselben unter den frommen Gläubigen durch eine Menge Abdrücke des Kreuzes auf der Brust befördert, so daß sich dieses Unfugs wegen die geistliche Behörde


[S. 24] endlich ins Mittel legen mußte. Nur diesem dem Anschein nach absichtlichen und sehr richtig berechneten Benehmen ist es zuzuschreiben, daß die A.C.E. weit mehr Aufleben erregt hat, als eine andere Nonne, welche zu Albachten wohnt, und weit merkwürdigere Erscheinungen noch zur heutigen Stunde an sich trägt.

 

Wenn es jedes vernünftigen Christen Pflicht ist, bei der Annahme eines Wunders sehr schwer gläubig zu sehn, eil nur dann die Achtung bestehen kann, welche einem wahren Wunder gebührt, so war es natürlich daß die Mitglieder der Kommission nunmehr sorgsam und mit höchst mistrauischen Blicke auf jede Kleinigkeit Acht haben mußten. Denn es bedarf wohl seiner weiteren Auslegung, daß bei einem religiösen Wunder dieser Art, welches so seltsam, und dessen Zweck so zweideutig erscheint, nirgends weder an der Person, noch an der Sache irgend eine Makel zu finden sein muß. Alles was darauf, auch nur eine entfernte Beziehung hat, muß eine scharfe Beleuchtung aushalten, und wofern sich nur irgend bedeutende Zweideutigkeiten finden, wird kein vernünftiger Mensch in Abrede stellen können, daß man


[S. 25] vollkommen befugt ist, das Ganze für Betrug anzusehen.

 

In dem früheren Leben der A.C.E., welches in der Absicht durchgegangen wurde, um zu sehen in wiefern eine ausgezeichnete Jugend die Annahme dieses Wunders hatte begründen können, fand sich sehr wenig befriedigendes. Ihr früherer Lebenswandel ist allerdings nach allen deshalb eingezogenen Erkundigungen fromm und untadelhaft gewesen; aber etwas besonders hat nie Jemand an ihr bemerkt. Ihre Jugend selbst muß während ihres Aufenthaltes im Kloster Agnetenberg zu Dülmen, keineswegs von jener menschengefälligen Art gewesen sein, welche unwiderstehlich in allen frommen Gemüthern Liebe und Achtung erweckt, denn es ist bekannt, daß sie von ihren Mitschwestern, welche sämmtlich nicht nur fromm und gut, sondern selbst andächtige Nonnen waren, nicht sonderlich gelitten war, und von ihnen manche Unannehmlichkeit zu erdulden gehabt hat.

 

Was sonst für die Echtheit dieses Wunders angeführt werden könnte, wäre vielleicht hinreichend gewesen, ein natürliches, ich will zugestehen auch seltenes Ereignis glaubhaft zu machen; allein die zweideutige Auslegung, die


[S. 26] überall möglich, und oft nicht unwahrscheinlich blieb, könnte es als Hinweis eines Wunders keineswegs zulassen. Hieher gehört der Mangel eines erweislich eigennützigen Zwecks, welcher, - wenn man auch die bedeutende Konsumtion an Lebensmitteln und besonders an Wein, so aus der kärglichen Pension wohl nicht allein bestritten werden konnte, nicht berücksichtigen will - die Anwesenheit eines fanatisch-religiösen nicht ausschließt. Ferner der unbescholtene Lebenswandel der Umgebungen der A.C.E., welcher indessen zur Beglaubigung eines derartigen religiösen Wunders, durchaus nöthig war. Die Unwahrscheinlichkeit einer so langen Marter, welche die A.C.E. aus blos fanatischen Zwecke ausgehalten haben sollte; wobei nun aber der Schein auffällt, als wolle man jetzt allmählig die Sache zu Ende gehen lassen, weil man ihrer müde sei; auch ausserdem viele Geschichten von weit stärkerem Fanatismus bekannt sind.

 

Endlich die immer noch nicht erfolgte Entdeckung des Betruges, sowohl von Männern, die vielen Umgang in ihren Hause gehabt, und die über jeden Verdacht der Theilnahme an den Betrug erhaben sind; als von früheren Un-


[S. 27] tersuchungen, während das die Erscheinungen noch in vollen Würden waren, wodurch jedoch nur bewiesen werden kann, daß der Betrug, wenn er da ist, tief liegen und der Entdeckung sehr sorgfältig auf jede Art vorgebeugt sein muß. Hiebei war noch zu bemerken daß eine Betrügerei dieser Art immer weit schwieriger zu entdecken ist, als jede andere. Will eine profane Hand den geheimnisvollen Schleier lüften, so schreit der Fanatismus, und Betrug verschanzt sich hinter einem Bollwerk von Hindernissen, an dessen Erbauung selbst die redlichsten Menschen Anteil nehmen. Der religiöse Forscher tritt nur mit ehrfurchtsvoller Scheu heran, die ihn hindert das Mysteriöse frei und frech, wie es sein muß, zu untersuchen. Diesen können - ich kenne Beispiele davon, - bedeutende Zweideutigkeiten aufstoßen; eine halbe Erklärung löscht den Eindruck aus, und es erscheint wie unheiliger Frevel, mehr zur Enthüllung des Zweifels zu verlangen. Der Glaube des Volks, selbst der Glaube der Aufgeklärten beweist mithin gar nichts in diesem Falle, besonders wenn es unter den letzteren fromme Schwärmer, Magnetiseurs und Enthusiasten giebt.


Man braucht eben kein großer Sceptiker zu


[S. 28] sein, um ein Wunder in Zweifel zu ziehen, welches so wenig Gewährleistung für sich hat. Es was deshalb eine sehr natürliche Folge, daß die Kommission einestheils schon hieraus noch mehr Mistrauen schöpfte, und anderntheils auch eine große Behutsamkeit und Achtsamkeit für nöthig hielt. Die sicherste Auskunft mußte der moralische Karacter der A.C.E. geben. Ein einziger Betrug, eine einzige Verstellung von ihrer Seite, war hinreichend uns zu zeigen, was von der ganze Sache zu halten sey. Wir erhielten hierüber früher Licht, als wir es bei der steten Aufmerksamkeit, womit sie sich zu bewachen schien, erwartet hatten, und zwar durch eine anscheinende Kleinigkeit. Sie selbst, wie auch ihre Umgebungen, hatten früher ausgesagt, daß die verheilten Stellen ihrer Male ihr stets bei der leisesten Berührung, die empfindlichsten Schmerzen verursachten, und sie hatte mehrmals beim Befühlen derselben, über diesen Schmerz laut geklagt. Die Wahrheit oder Unwahrheit dieser Angabe war leicht zu ermitteln, indem sie bei freundlichen Gesprächen gern vertraulich die Hand gab und zärtlich drücken ließ. Bei solchen Gelegenheiten, wo ihre Aufmerksamkeit absichtlich auf irgend ein verfäng-


[S. 29] liches Gespräch oder auf fremde Gegenstände gelenkt wurde, ist von mir und anderen der Versuch mehrmals gemacht, die Narben der Hand stark zu drücken und zu reiben, so daß auch nur das geringste Zeichen eines Schmerzes oder auch nur die leiseste Zuckung der Hand erfolgte.


Die folgenreiche Richtigkeit dieser Beobachtung, wurde nachher noch durch mehrere andere ähnlicher Art bekräftigt, wovon ich hier nur folgende mittheile. Im wachenden Zustande war ihr Athemholen stets wie beengt, und verhielt sich in Hinsicht der Athemzüge zum Puls gewöhnlich, wenn er erforscht wurde, wie 1 zu 2 oder 2 ½; beim Schlafe wo die Verstellung ein Ende nimmt, war es durchgängig ganz frei und leicht, und stand gegen den Puls in dem gewöhnlichen Verhältnisse, wie 1 zu 5. Auch in den letzten Tagen hatte diese Engbrüstigkeit sehr abgenommen. Anfangs war ihre Sprache beständig leise flüsternd, daß man Mühe hatte, sie zu verstehen; nachher als sie sichtlich magerer geworden war und selbst eine größere Schwäche eingestand, redete sie jedesmal laut, so daß man jedes Wort im Vorzimmer deutlich vernehmen konnte, und ertrug ohne alle Beschwerde einen tüchtigen Tabacksdampf. - Sie gab eine gänzliche Kraft-


[S. 30] losigkeit des Untertheils ihres Körpers, besonders ihrer Schenkel und Füße vor, und dennoch konnte sie nicht zur solche im Bette beständig bewegen, wie sie wollte, sondern ich habe auch am Tage ihrer Erlösung aus der fatalen Bewachung mit eigenen Augen gesehen, wie sie zweimal auf Kopf und Füße gestützt den ganzen Mittelkörper frei in die Höhe hob, einmal um ihr Hemde, das anderemal um den Mantel herunter zu ziehen, den man ihr zur Bedeckung umgelegt hatte.


Durch diese und ähnliche Beobachtungen war es handgreiflich klar dargethan, daß die ganze Sache wenigstens nicht frei von Betrug und Verstellung, mithin kein Wunder sey. - Zugleich erhielten andere Beobachtungen, die vielleicht einer besseren Auslegung fähig gewesen wären, hiedurch ihr rechtes Licht. Hieher zähle ich besonders das anfangs häufige, nachher aber, als die Untersuchung über Erwartung lange dauerte, immer sparsamer werdende Ausbrechen eines Theils des genommenen Getränkes, obwohl bei zunehmender Magerkeit und Schwäche des Körpers die genau abgewogenen Portionen beständig größer wurden. - Ferner ihr Deliriren, wobei keine Veränderung im Pulse vor-


[S. 31] gieng, und sie auch den Sinn des Gehörs nicht verloren zu haben schien, indem sie einmal, in einer solchen Periode sehr vernünftig gegen Salz protestirte, welches ich absichtlich um den Erfolg zu sehen der Wärterin laut befahl, ihr in der gewöhnlichen Fleischbrühe zu reichen. Auch ihr Blutspeien, wodurch die Blutung der Stirn ihrer späteren Aussage gemäß, für den nächsten Freitag verhindert werden sollte, erschien sehr zweideutig und der Auswurf sah gerade aus, wie das Blut welches man aus den Zähnen saugen kann, hell, wässerig und nicht gerinnbar, und stets in sehr geringer Menge; dabei spülte sie sich gleich nach dem Ausspeien desselben, den Mund mit Essig aus, womit man bekanntlich die fernere Blutung hemmen kann.

 

Für mich, wie für ein Paar andere Mitglieder der Kommission, bedurfte es aller dieser Aufschlüsse über das Wesen dieses Wunders um so weniger, als andere psychologische Beobachtungen, die sich weniger schreiben lassen, und die wir an der A.C.E. selbst und an zweien der verhörten Personen machten, damit vollkommen übereinstimmten. Uns entging eben so wenig die beklommene Mine, mit dem Angstschweiß auf der Stirne, das laurende Auge voll Mis-


[S. 32] trauen, und mit dem scheuen Blick, als die sorgsame Wahl der Worte und die gar zu genaue Übereinstimmung in den Antworten, die auf frühere Verabredung deuteten, wie auch die häufigen Ausflüchte von Unwissenheit oder Unachtsamkeit auf Sachen, welche die ganze Welt für sehr merkwürdig gehalten hat.
So wollte die eigene Schwester der A.C.E. die seit sieben Jahr stets um ihr gewesen, niemals die Neugierde gehabt haben, das Kreuz auf der Brust und das Mal in der Seite zu sehen; und diese erzählte ein Gleiches von ihrer eigenen Mutter. Auch der französische Geistliche Lambert, welcher schon im Kloster ihr intimster Freund gewesen und bis jetzt geblieben ist, auch stets mit ihr unter einem Dache gewohnt, und gemeinschaftliche Haushaltung mit ihr geführt, hat angeblich wie die Erscheinungen an der Brust, nur ein oder ander Mal die Wunden an den Füßen gesehen.

 

Daß hier nun wenigstens der Hauptsache nach und in dem, was mit dem natürlichen bekannten Laufe der Dinge in Widerspruch stand, eine Betrügerei abmalte, war nun schon so außer allen Zweifel gesetzt, daß es jetzt nur noch zu erforschen war, welchen Antheil die A.C.E. selbst


[S. 33] daran haben könnte. Dies war allerdings eine schwierige Aufgabe, für deren Lösung man nicht bürgen konnte. Denn da die Erscheinungen selbst aufgehört hatten, so konnte nur blos ein offenes Geständnis, welches nicht zu erwarten war, oder eine neue handgreifliche und von ihr selbst verübte Betrügerei, wozu sie zu vorsichtig und zu schlau zu sein schien, darüber Gewisheit geben. Das natürliche Mitleiden, welches jeder Mensch gegen Leidende fühlt, und manche von der A.C.E. gethane Äußerungen, über früheres Leiden und erlittene harte Behandlung, hatten bei uns die Meinung erweckt, daß sie nichts als ein frommes willenloses Werkzeug in den Händen fremder Betrüger gewesen sei.

Selbst noch in diesem Augenblick, und nachdem sich die eigene freiwillige Theilnahme an der Betrügerei so klar dargethan hat, kann ich mich nach der Vermuthung nicht entwehren, daß sie immer noch die Verleitete, die abscheulich Betrogene und jämmerlich Gemißhandelte gewesen, welcher der Rücktritt bis zur Unmöglichkeit schwer gemacht worden. Dieser Glaube, den das fühlende Herz so ungern fahren lassen möchte, hat mich bewogen, ihr immer liebreich und schonend zu begegnen,


[S. 34] wenn ich ihr auch deutlich und offen meine unwandelbare Meinung über sie und ihren ganzen betrüglichen Wunderkram mittheilte und sie zu Reue und Geständniß ermahnte.


Das Ereigniß, wodurch im allgemeinen die Betrügerei, wo möglich noch bündiger dargethan, und zugleich gezeigt wurde, daß die A.C.E. nicht blos leidende sondern wirklich thätige Mitspielerin des Betruges sei, wurde auf folgende Art herbeigeführt. - Der Umstand daß die Blutungen des Kopfes, nicht wie die der andern Male gänzlich aufgehört haben sollten, war der einzige Grund worauf sich möglicherweise ein Versuch bauen ließ. Es war nur die Kunst den Kopf zum bluten zu bringen, welches gewiß nichts leichtes war, indem sie nicht allein an und für sich in einer Lage war, so die größte Behutsamkeit erforderte, sondern auch ein gewisses Mitglied, ganz dem Sinne der Kommission zuwider, überall mit der Thür ins Haus fiel, beständig den geraden Weg gehen wollte, der offenbar nicht zum Eingang führte, und die A.C.E. nur immer mehr auf ihrer Hut brachte. Indessen war der Versuch zu machen, und zu dem Ende wurde ihr beigebracht, daß die Kommission nicht eher aus


[S. 35] einander gehen könne, als bis sie ein sicheres Resultat habe; sie selbst habe gesagt, daß der Kopf noch fortwährend zuweilen blute, und die Erscheinung dieser Blutung könne sie und uns von der lästigen Untersuchung sehr bald erlösen; sie solle demnach Gott bitten, dieses nicht länger aufzuschieben. Als diese Rede ziemlich guten Eingang fand, - wozu wohl das immer bringender eintretende Bedürfniß zu mehrerer Nahrung, das seinige beitragen mochte, - wurde sie mit dem möglichen Schein von Arglosigkeit am Abend nochmals wiederholt, wo sich schon die prophetische Äusserung vernehmen ließ: es wäre wohl möglich, daß sich am andern Tage, Freitags den 13. August, etwas Blut an der Stirn zeigte. Die Hoffnung des erwünschten Erfolgs war nun da, und damit die A.C.E. ja nicht durch eine scharfe Bewachung gehindert werden möchte, übernahm ich diese selbst, und legte mich, wie alles schlief ebenfalls ruhig im Vorzimmer zu Bette. Um Mitternacht hörte ich etwas rauschen, ich stand leise auf, und sah durch die offne Thüre eine Weile zu, wie die A.C.E., die sich umgelegt und mir den Rücken zugewendet hatte, mit ihren Tüchern im Bette herumkramte, bis sie


[S. 36] mich erblickte. Der Schein des Lichtes fiel nicht auf ihr Gesicht, und ich kann nicht sagen, in wie fern ich sie damals gestört haben mag, aber am anderen Morgen 6 Uhr war noch nichts an ihrem Kopfe zu sehen. Schon wollte ich die Hoffnung für diesmal aufgeben, als eine halbe Stunde später die Wärterin mit verstörtem Gesichte die für mich sehr erwünschte, für ein Paar andere aber entsetzende, Nachricht brachte, daß die A.C.E. etwas wie Blutung am Kopfe habe. Diese Erscheinung wurde sofort von allen aufs sorgfältigste untersucht, und darauf jeder ins besondere aufgefordert, schriftlich zu erklären, wie ihm dieselbe vorkomme, und was er davon halte. Ich hielt dieses für das wichtigste und folgenreichste, was wir bei der Untersuchung finden konnten, und trug demnach im Einverständnis mit den andern Mitgliedern Sorge, daß dabei ja nichts versäumt würde. Das Resultat unserer Untersuchung, und die ein-stimmige Aussage war, daß die an der Stirn der A.C.E. befindlichen rothen Flecke die vollkommenste Ähnlichkeit mit jenen hätten, welche man durch Reiben oder Kratzen hervorbringen könnte, und daß zwei darunter wären, wo die Oberhaut, verletzt und die gewöhnliche LImpfe


[S. 37] hervorgequollen wäre, wovon sich ein Theil in der Stirnbinde angesetzt, ein andrere zur Kruste zu bilden angefangen hätte. Diese durchaus übereinstimmende schriftliche Erklärung von unbescholtenen unpartheiischen Männern mit gesunden Sinnen, wäre vielleicht schon hinreichend gewesen, auch den Ungläubigsten zu überzeugen; aber es wurde dennoch für dienlich erachtet, den Verlauf eben so genau zu beobachten. Um hiebei einen Maaßstab zu sicherer Vergleichung zu haben, rieb sich der Doktor Rave an dem nemlichen Morgen an zwei Stellen seine eigene Stirn bis zur Trennung der Oberhaupt und Erscheinung der Limpfe. An beiden Köpfen war der Verfolg derselbe; die blos roth geriebenen Stellen verschwanden schon nach ein Paar Tagen; auf den anderen blieb die von der Limpfe gebildete Kruste 6 Tage sitzen, und fiel, als die Epidermis wieder erzeugt war, von beiden Köpfen an dem nemlichen siebenten Tage ab.

 

Während auf diese Art die überzeugendste Gewißheit erlangt wurde, daß die Erscheinung am Kopfe nicht nur gänzlich verschieden sei von den Blutungen, wie sie einstimmig früher beschrieben waren, sondern auch ein menschlich ziemlich ungeschickt gemachtes Ding sei, wurde


[S. 38] von der andern Seite darauf angelegt, zu sehen wie weit die A.C.E. ihre Ableugnung treiben könnte. Es wurde leicht ausgemittelt, wie es die desfalls aufgenommenen Protokolle nachweisen, daß sie jene Verletzungen nur in dem kurzen Zeitraume von 2 oder 3 Minuten hervorgebracht haben könne, wo sie sich in völlig wachenden und bewußtvollen Zustandes befunden und die Wärterin herausgegangen war, um das Waschwasser fortzuschütten. Darauf wurde sie im Beiseyn einiger Mitglieder von mir zu Protokoll vernommen, wo sie erklärte: sie habe sich diese Flecken und Verletzungen an der Stirn weder selbst, noch seien dieselben von Jemand anders gemacht, und sie könne diese Aussage, da sie seit früh Morgens, wo noch nichts da gewesen, beständig gewacht, ohne Bedenken mit einem Eide bekräftigen.

 

Ein sehr unangenehmes Gefühl drängte sich in mir herauf, als ich diese mit großer Kälte und mit verzogen lächelndem Gesichte hervorgebrachte eidliche Bekräftigung einer so offenbaren Lüge, von einer Person aussprechen hörte, welcher ich in Betracht ihrer traurigen Lage, so gern mein thätiges Mitgleid nicht versagt hätte. Sie erschien uns in diesem Augen-


[S. 39] blick als eine schrecklich verstockte Betrügerin, die ferner kein Mitleid und keine Schonung verdiente, und nunmehro mit Härte zum Geständniß zu zwingen sey. Aber so groß ist die Gewalt, die der Anblick des menschlichen Elendes über uns hat, daß nicht lange nachher ihr hülfloser Zustand einen großen Theil jenes Abscheues ver-wischte, und nur mit um so grellern Farben die Bosheit der Betrüger hervortrat, wel-che die Arme bis zu diesem Grade verdorben hatten.

 

Nach dem eben erzählten so sehr folgereichen Ereigniß ist keins von gleicher Wichtigkeit wieder erschienen. Für den nächsten Freitag war eine dreifache Wache sehr überflüßig, aber doch angeordnet; natürlich blieb da alles beim Alten ohne alle Erscheinung. Auch an den darauf folgenden Freitage, wie an dem Tag des Patrons ihres Klosters, (Augustinus, 28. August) wo manche eine ganz eclatante Blutung sicher erwarteten, und Wetten darauf eingegangen haben sollen, verhinderte die gewöhnliche Bewachung, und vielleicht auch die Furcht vor einer längeren Untersuchung jede Erscheinung. Sie wurde daher am Sonntag (29. Aug[ust].) in ihre vorige Wohnung zurückgebracht.

 

Außer der Bewährung früherer Beobachtungen, und einiger Neuen, die alle auf dasselbe hinaus liefen, und deren Erzählung ich hier für völlig überflüßig halte, habe ich nur noch folgendes Wenige größtentheils aus dieser letzten Zeit unsrer Untersuchung hier mitzutheilen.

 

Die A.C.E. jetzt 44 Jahre alt ist von kleiner etwas verwachsener Statur, und sehr mager; letzteres jedoch nicht in dem Grade, wie man es wohl bei hektischen Personen in der letzten Periode findet. Ihr Kopf ist im Verhältnis zum übrigen Körper voller und fleischiger. Ihr Auge ist hell, lebhaft und scharf; ihre Zü-


[S. 40] ge, besonders wenn sie lacht, haben nichts angenehmes und tragen das deutliche Gepräge eines anscheinend innerlichen Leidens.

 

Sie hat während der Untersuchung nur flüßige Speisen, wie Thee, Kaffe, Haferschleim und Fleischbrühe ohne Salz und einige gebratene Äpfel, Trauben u[nd] d[er]gl[eichen] zu sich genommen. Die Quantitäten, welche stets, wie auch die Ausleerungen, gewogen wurden, waren Anfangs gering, doch immer noch so, daß nach dem Ausspruche der Ärzte eine stillliegende Kranke täglich das Leben davon erhalten konnte. Nachher stieg der Appetit sehr bedeutend, und zwar so, daß sie am letzten Freitage zweimal eine Portion Fleischbrühe trank, da sie sonst nie an diesem Tage Fleischspeise zu nehmen vorgab. Dennoch wurde sie von Tag zu Tag magerer und schwächer, welches noch weniger damit zu reimen war, daß sie selbst sagte, es schmecke ihr alles bei uns besser als in ihrem Hause, wo sie niemals so viel zu sich genommen. Genaue Zahlen über Maaß und Gewicht, die ich nicht behalten habe, kann ich hierüber nicht angeben indem ich hier nur zuverläßiges sagen will. - Als ich sie vor etwa vierzehn Tagen besuchte, war sie wieder ausnehmend frisch und munter, redete sehr lange mit mir und war grade damit beschäftigt, ein Wams für H. Lambert zu flicken.

Dennoch hatte sie, wie sie sagte, eine sehr gefährliche Diarrhoe überstanden, welche mich auf den Gedanken brachte, daß sie ihre bei uns beobachtete strenge Diät zu schnell aufgegeben.

 

Die A.C.E. ist nichts weniger als die einfältige dumme Person, wofür man sie durchgehend hält, und ausgeben will. Sie hat einen sehr aufgeweckten natürlichen Verstand und besonders ein sehr fertiges Gedächtniß, wovon sie häufige Proben abgelegt hat. Aber der hohe Geist, die erhabene Einfalt und das hehre innre Leben, ist Niemanden von der Kommission kund


[S. 41] geworden, so daß die seraphischen Ergüsse ihres himmlischen Ichs wohl nur den wenigen Auserwählten vorbehalten sein müssen. - Bei längerm Umgange traf man häufig auf Wiederholungen, von moralischen und religiösen Sentenzen, die ganz das Gepräge eines frühern Einstudirens an sich trugen. Wollte ich sie recht aufheitern und zum Lachen bringen, so durfte ich nur vom Teufel, womit sie schon manchen ritterlichen Kampf siegreich bestanden, und vom Tode dem sie sich mit Freuden in die dürre Arme werfen möchte, reden. Augenscheinlich trat dann eine gewisse Eitelkeit hervor, welche ich ihr zum Vergnügen oftmals ein wenig streicheln nicht unterlassen konnte. -

 

Ihr Dialekt ist der plattdeutsche, hier gewöhnliche, oft mit sehr derben populären Ausdrücken welche in dem Munde einer heiligen Person gar seltsam klangen, ausgeschmückt.

 

Wenn den Rosenkranz beten ein Zeichen innerer Frömmigkeit ist, so muß ich ihr dieses Zeugniß geben, denn sie legte ihn nie aus den Händen, und zählte fleißig die Perlen ab. Dennoch sprach sie über das Gebet und über andere Gegenstände der Religion sehr vernünftig, und oft gar zu meinem Erstaunen unerwartet frei.
Von Leidenschaften und Affekten anderer Menschenkinder ist sie nicht frei. Sie bezeugte beständig sehr wenig Geduld und Ergebenheit in ihr Schicksal, und ließ uns ihren Gram mit übler Laune und heftigen Vorwürfen entgelten. Auch hat sie sich einmal so ereifert, daß ein Streifen um den Mund vor Bosheit ganz weiß geworden ist. Ihr Geist ist mithin der Erde noch nahe verwandt, und er muß von ungeheurer Größe sein, wenn er sich so unerreichbar hoch in die himmlischen Regionen erheben kann.

Weder von ihren Extasen, noch von ihren sogenannten kataleptischen Zufällen haben wir etwas ge-


[S. 42] sehen. Bei der Translokation aus ihren Hause schien sie sich anfänglich in einem Zustande von Erstarrung zu befinden, welche mir das Tragen sehr erleichterte, aber aufhörte, als wir uns von der etwas gefährlichen schmalen Wendeltreppe herunter auf ebenem Boden befanden. Der Pater Limberg brachte sie nachher ziemlich leicht wieder zu sich. Beim späteren Heimtragen hielt sie sich fühlbar, auch mit den Fingern, die sonst von den Wunden gelähmt sein sollten, fest, und es gelang mir ohne Mühe, sie aus ihren schlummerähnlichen Zustande zu erwecken, und freundlichen Abschied zu nehmen.

 

Wir sind wirklich - von mir wenigstens kann ich es sicher behaupten, - ohne Haß und Feindschaft von einander geschieden. Die Wahrheit zu geben wie sie ist, ohne Blume und ohne Mantel, habe ich stets und hier besonders für strenge Pflicht geachtet. Daß sie eine Betrügerin ist, sagt die volleste Überzeugung auf unzweideutige Thatsachen begründet, und die ganze Kommission, mit Ausnahme eines Einzigen, dessen Namen ich aus Schonung hier nicht kund geben mag, - hat diese Meinung ausgesprochen. Aber wer wollte dann deshalb lieblos genug sein, und der Unglücklichen alles Mitleid versagen? - Sie weiß es, und ich will es hier offen bekennen, daß ich Theil an ihrem Jammer nehme, und daß ich gerne alles beitragen werde, sie aus den Schlingen zu retten, womit sie vielleicht nur Fanatismus, vielleicht aber auch höllische Bosheit, umstrickt hat. Einige Spuren sind schon entdeckt, aber Manches liegt noch in diesem Dunkel vergraben; noch ist Hoffnung da, daß das ganze Gewebe enthüllt und der Welt zur Warnung offengelegt werden kann, wenn auch schon Ein oder Andrer der Mitwisser in der Nacht des Grabes ruht.

 

Indessen halte ich mich nicht für befugt, bloßen, wenn auch gegründeten Verdacht öffentlich mitzuthei-


[S. 43] len. So viel ist gewiß, daß die A.C.E. nicht ohne Mithelfer gewesen, und daß man diese unter den Personen zu suchen hat, welche vor und gleich nach dem Erscheinen der Blutungen genauen Umgang mit ihr gehabt haben. Ich füge noch hinzu, daß keiner unsrer braven deutschen Geistlichen sich unter dieser Zahl befindet.

Die A.C.E. will, wie sie mir selbst gesagt, den Ort verlassen, wo ihr so viel Leid und Elend begegnet ist. Sie will die unbekannte Hütte ihres Bruders, welcher ein geringer Käthner in der Nähe der Stadt Coesfeld ist, aufsuchen, sobald die mildere Frühlingsluft ihrem schwachen Körper die Reise gestattet. Ein stilles Zimmer, worin sie den Rest ihres Lebens, um dessen Freuden man sie betrogen, verleben will, ist schon erbauet, und wer wünscht nicht mit mir, daß sie dort die Ruhe wieder finden möge, an deren Verlust sie selbst nicht ganz unschuldig sein kann.

 

Um endlich jedem falschen Gerüchte, welches man ferner noch auf ihre Kosten verbreiten könnte, zu begegnen, hat mir die A.C.E. schriftlich und mit Handschlag das feierliche Versprechen gegeben, daß sie mich unverzüglich von jeder fernern Veränderung an ihrem Körper, unterrichten wolle, und mich dabei ausdrücklich ermächtigt, allem, so ohne mein Vorwissen von ihr bekannt gemacht würde, öffentlich zu widersprechen und den Verbreiter für einen Lügner zu erklären.

 

Haus Darup, 17. Oktober 1819.

C[lemens] v[on] Bönninghausen
Kreis-Kommissär.


[S. 44]
Nachschrift

Nachdem ich vor acht Tagen meine lange gewünschte, wenn auch Manchen eben nicht sehr erwünschte Mittheilung über die Untersuchung der Nonne zu Dülmen an die Redaktion des Rh[einisch] West[älischen]. Anzeigers abgesandt hatte erhalte ich leider! Erst die kleine Schrift des Doktors Lutterbeck vom 30. Sept[ember] dieses Jahrs (Dorsten bei K. U. Schüerholz), welche durch die am Schlusse beigefügte Erklärung der Frau Wiltner Wärterin der Jungfer Emmerich während jener Untersuchung, einiges Gewicht zu erhalten scheint. Ohne mich auf Beleuchtung, Berichtigung und Rüge Alles dessen einzulassen, was in dieser Schrift auf allen Seiten, Anlaß und Stoff dazu anbietet; so finde ich es doch nöthig, Einiges auszuheben, was die Resultate der Kommission irgend in ein zweideutiges Licht setzen könnte. Persönlichkeiten gehören nicht hierher, und bleiben vorerst, wie billig unbeantwortet, weil sie für den Leser kein Interesse haben, und ich nicht glaube, daß sie meinem bisher noch unangetasteten Rufe, bei vernünftigen Männern schaden können. Auch


[S. 45] würden es mir meine vielen Amtsgeschäfte keineswegs erlauben, mich mit den Rittern der A.C.E. in einen öffentlichen Federkrieg einzulassen, wenn mich auch sonst die Lust dazu anwandeln oder ihr Geschwätz verletzen könnte.

 

Das in dem Vorworte der angezogenen Schrift beurtheilte Verfahren unsers verehrten Oberpräsidii gehört doch wohl nicht vor das Forum eines Arztes; am wenigsten aber sollte in solcher, ohne hinreichende Kenntniß von dem ganzen Zusammenhange, und von dem, was höhern Orts darüber vorbereitet und verfügt war, unverschämt genug sein, sich ein öffentliches Urtheil darüber anzumaßen. - Übrigens ist es wahr, das der Herr Generalvikar, mistrauisch gemacht durch eigene Versuche, und über die ganze Erscheinung sehr vernünftig denkend, schon längst eine Untersuchung gewünscht hat. Um so mehr aber mußte Jeden die Verfügung in Verwunderung setzen, wodurch derselbe den miternannten, gewiß in jeder Hinsicht vollkommen dazu geeigneten, geistlichen Kommissarien verbot, an der Untersuchung Theil zu nehmen. Wenn hier vielleicht die Sache der Form geopfert ist, so hat man solches freilich zu bedauren; aber daß deshalb die Untersuchung unterbleiben sollte, ist wohl niemals der Wunsch eines vernünftigen Menschen, gewiß nicht einmal die des H[er]rn Generalvikars gewesen.

 

Daß Herr Lutterbeck der Kommission den öffentlichen Glauben abspricht, wird wohl bei wenigen als ein Orakelspruch Eingang finden. Jedes einzelne Mitglied derselben macht mit vollem Rechte Anspruch auf öffentlichen Glauben: wenigstens kann ich meinestheils darauf kein Verzicht leisten, und glaube solchen in diesem Falle schon allein für mich um so mehr fordern zu können, als ich durchaus unparthetisch und mit völlig unbefangenem Gemüthe jeden Vorfall und jede Eigentlichkeit zur Prüfung gezogen habe.


[S. 46] Ob man den im Grunde doch nichts beweisenden Aussagen einer Krankenwärterin mehr Glauben beimessen will, als mir, muß ich dem Leser überlassen. Nur das wird hieher gehören, um alles gehörig würdigen zu können, daß die Frau Wiltener schon in den ersten 8 Tagen eine Schwatzhaftigkeit und Verehrung für die A.C.E. verrieth, daß die Kommission Berathung darüber hielt, ob es nicht besser sei, eine andere verschwiegenere und weniger Bigotte an ihrer Stelle kommen zu lassen. Weil indessen die Fr[au] W[iltner] die Nonne bei guter Laune erhielt, und es für uns gar zu wichtig war, sie so arglos als möglich zu haben, so wurde sie beibehalten. - Übrigens werde ich hiernächst noch manches von ihrer Angabe, wenn sie es wirklich angegeben, als unwahr rügen müssen.


Ich gehe nun zu dem eigentlichen Aufsatze über, und deute der Kürze halber, die in Rede stehenden Stellen nur durch Buchstaben und die Bezeichnung der Abtheilungen an.

 

Jedoch werde ich mich so zu fassen suchen, daß ich auch für denjenigen verständlich bleibe, welcher diese Broschüre nicht hat, worin außer des bezogenen Aufsatzes, wahrscheinlich aus Spekulation, noch andere aufgenommen sind, die man aus dem Westf[älischen] Anzeiger schon vergessen hatte.

 ____________

 

I. Vorbereitung zur Untersuchung

 

A. Kluge Anstalt

 

Die Beobachtung der A.C.E. war keineswegs so ununterbrochen und strenge, als sie hier geschildert


[S. 47] Dem Wachehabenden war es nie benommen, sich in dem Vorzimmer an einem Tische, wo man die A.C.E. nicht sehen konnte, mit lesen oder schreiben die Langeweile zu vertreiben.
Es wäre ganz wider die Ansicht der Kommission gewesen, die Bewachung so strenge zu führen, und die A.C.E. dadurch zu veranlassen, stets auf ihrer Hut zu sein.

B. Kluge Anordnungen.

 

Aus obigen Grunde, und weil uns weit mehr daran gelegen war, Erscheinungen zu befördern als um sie zu verhindern, wurde am 10. der Instruktion gemäß alles untersucht, ihr aber weder Nadeln, noch auch ihr Kruzifix, Rosenkranz und ein am Halse hängendes mit Messing eingefaßtes Amulet genommen.

 

Die Versiegelung nachherige Untersuchung ihres Wohnzimmers, war ebenfalls in der Instruktion vorgeschrieben, konnte aber natürlich jetzt zu nichts führen, da man vom 3., wo die Kommission in Dülmen eintraf, bis zum 7. Durch allerlei eigne und fremde Seitensprünge überflüßige Zeit gewonnen hatte, alles daselbst in Ordnung zu bringen, wenn es nöthig war.

 

Eben so wenig ist die Unbefangenheit und fromme Hingebung des Nönnchens zu rühmen, indem sie den Doktor Rave und nachher auch den Doktor Borges rekusirte, worauf natürlich kein Rücksicht zu nehmen war. Den Hrn. Professor Bodde hat sie, meines Wissens, niemals eingeladen; wohl aber später gesagt, sie hätte nichts dagegen, wenn er auch hinzu träte. Natürlich; denn bei verheilten Wunden war für den Chemiker, nichts mehr zu entdecken.

 

C. Beschaffenheit der Nonne bei der Übernahme.

 

Die Kruste auf dem linken Fuße ist, wie alles


[S. 48] andere, genau in den Protokolle beschrieben. Es erfolgte aber keine Veränderung daran, und ist deshalb meinerseits dessen nicht erwähnt.


Über die rothen, oder eigentlich sehr schwach röthlich tangirten Flecken nachher mehreres.


Vergessen ist es aber hier, daß in diesem Hemde, nachdem mehrere von uns sehr deutlichen Kothgeruch vernommen, zwei große und sehr deutliche Spuren eines frischen Stuhlgangs zu finden waren. Dem Ansehen nach war dieser Abgang von ganz natürlicher Beschaffenheit gewesen. - Ich füge noch hinzu daß zu der Zeit, wo jener unzweideutige Kothgeruch bemerkt wurde, der Pater Limberg und die ehemalige Nonne Neuhaus noch nicht von ihr getrennt waren, und daß keinem der Kommissarien der Stuhlgang selbst auf andere Art bekannt geworden ist.


II. Periode der Untersuchung vom 12. bis 22. August

 

A. Die Nahrung der A.C. Emmerich überhaupt betreffend

Die genauen Quantitäten der genommenen Nahrung kann ich, wie bereits erwähnt, nicht mehr angeben. Nur das kann ich mit Bestimmtheit versichern, daß nach Verlauf der ersten 8 bis 10 Tage, als die Untersuchung sich so bald nicht zu endigen schien, die täglichen Portionen größer wurden; dagegen das Ausbrechen, welches sich niemals an besondere Tage gebunden, immer seltener vorkam, bis es endlich in den letzten Tagen ganz aufhörte. Auch erinnere ich mich sehr deutlich, daß in der letzten Zeit Tage vorkamen, wo die genommene Fleischbrühe allein auf 18 Unzen und darüber kam. Freitags und Samstags wollte sie keine Fleischspeisen nehmen,


[S. 49] und gab vor es nie gethan zu haben; dennoch genoß sie am letzten Freitage und Samstage ihre Fleischbrühe wie gewöhnlich, und ohne das geringste davon wieder auszubrechen. Dies und die sichtliche Abnahme in Fleisch und Farbe brachten bei uns die gewiß nicht ungegründete Vermuthung hervor, daß sie, wie es dergleichen Personen mehr giebt, das Ausbrechen nach Belieben thun oder lassen könne, und daß ihre Diät früher wohl etwas weniger strenge gewesen [s]eyn müsse.

 

Die Geschichte der versuchten Kartoffel ist der Hauptsache nach wahr; nur muß ich bemerken, daß weder beim Genuß, noch auch beim Ausbrechen derselben jemand anders als die erwähnte Wärterinn zugegen war, und daß ich nachher nur die angeblich ausgebrochenen Stücke mit etwas Flüssigem, welches aber höchstens 2 Unzen betragen konnte, im Tuche gesehen. Ich will zwar Akt des Würgens und Erbrechens recht vollständig haben beobachten können.

 


B. Die beobachteten blutigen Erscheinungen

Die hier in verschiedenen Abtheilungen vorgetragene Erzählung einzeln durchzugehen und zu berichtigen, würde mich zu weit führen, und auch überflüßig sein, da ich sie früher schon umständlich genug selbst mitgeteilt habe. Nur einiges darf ich hier nicht ungeahndet lassen.

 

Von Empfindlichkeit und Ausdrücken, wie Bluthunde, habe ich von der A.C.E. nichts gehört; wohl aber hat sie Hoffnung zu der Blutung gegeben, welche mich bewogen, für diese Nacht die Wache selbst zu übernehmen, wozu ich sonst nach der Instruktion nicht verpflichtet war.


[S. 50] Die Wärterinn hat nicht blos für diese Nacht, sondern beständig neben dem Bette der A.C.E. geschlafen.


Die Flecken an der Stirn, die sich am Morgen unter der Binde fanden, waren nicht rothbraun, sondern blos roth. Die Versuche mit Speichel wurden gemacht, um gewiß zu seyn, daß es kein auf der Haupt eingetrocknetes Blut sey, weil nach den Aussagen Aller jedesmal nach der Blutung, sobald man das Blut weggewischt, jede Spur verschwunden wäre. Das Bestreichen mit Essig und naphta vitrioli wurde zur Erforschung allenfalsiger anderer Klebwerke versucht, welche dem Wasser nicht weichen. Eine würkliche Verletzung der Oberhaut an den beiden größeren Stellen, welche andem Tuch eine etwas röthlich tingierte Limphe abgesetzt hatten, wurde nun von allen Ärtzen schriftlich anerkannt, wie auch die auffallende Ähnlichkeit der selben mit den vom H[er]rn Dr. Rave an seiner eigenen Stirn geriebenen Stellen. Die schriftlichen Erklärungen hierüber sind den Protokollen beigelegt.

 

Die am 14ten zu Protokolle genommene Aussage der Wärterinn ist ganz falsch angegeben. Sie hat darin nemlich erklärt, sie sey nur eine kurze Zeit von etwa 2 Minuten abwesend gewesen, um das Waschwasser auszuschütten, und diese Erklärung befindet sich ebenfalls bei den Akten. Auch erinnere ich mich sehr gut, daß sie noch während meines Daseins wirklich herunter gegangen ist, ohne jedoch zu wissen, aus welcher Ursache. Von dem übrigen, daß memlich die A.C.E. stets die Hände gekreuzt gehalten u.s.w. steht in dem Protokolle kein Wort darüber. - Die niederträchtige Anschuldigung, als ob ich die Wärterinn zu einer falschen Angabe zu vermögen gesucht, nebst der hämischen Anmerkung, zu beantworten, finde ich unter meiner Würde.

 

Eben so hämisch ist die Abreise des D[okto]rs Rave dargestellt, welcher als Kreisphysikus des Borkenschen


[S. 51] Kreises eine Obduktion vorzunehmen hatte, indem man daselbst ein wahrscheinlich ermordetes Kind gefunden. Indessen war er noch nach dem erzählten Wortfalle lange genug gegenwärtig, um die Vergleichung gehörig machen zu können, wobei sich ergab, daß die Krusten an beiden vollkommen ähnlich, nur die des D[okto]rs Rave etwas dunkler waren, (also gerade das Entgegengesetzte der Lutterbeckschen Angabe), welches wir der stärkeren und brauneren männlichen Haut oder der vielleicht etwas stärkeren Verletzung zuschrieben. Seine Abwesenheit gab außerdem ganz noch zufällig einen neuen und zwar schriftlichen Beweis der völligen Identität dieser Wunden, indem er mir in einem Privatschreiben, welches aber der Merkwürdigkeit wegen ebenfalls den Akten beigeheftet ist, Nachricht von dem Abfallen seiner Krusten gab, welches der Zeit nach gerade mit derselben Erscheinung am Kopfe der A.C.E. zusammentraf.

 

Die gewiß mühsam genug ersonnene Ausflucht in der Note, als ob die Verletzung durch das vorerwähnte Reiben mit Flüssigkeiten entstanden wäre, da doch die Limphe sich schon früher gezeigt, und alles andere dasselbe geblieben , ist für einen Arzt wirklich gar zu abgeschmackt und könnte in dem Munde eines Andern wirklich als Beleidigung gelten, indem wir darnach entweder als Dummköpfe oder als Betrüger erscheinen müssen.- Transeatcum caeteris! - -

Das trockene blutähnliche Krüstchen an dem Male der rechten Seite war zu unbedeutend, und dabei an einer Stelle befindlich, welche die A.C.E. in diesen Tagen noch so sehr ungern entblößte, daß dasselbe bei den anderen wichtigeren Erscheinungen nicht ferner so genau betrachtet wurde. Die Feuchtigkeit der Narbe war übrigens wasserhell und ungefärbt, wie Schweiß, den sie in der ersten Zeit, und nach der Aussage des D[okto]rs Besener auch schon früher, häufig vergoß, zumal da es


[S. 52] sehr warmes Wetter war. Das erwähnte Krüstchen betrug etwa die Größe eines starken Nadelknopfs.

 

Die Bitte der A.C.E., ihre Erscheinung geheim zu halten, war sehr überflüßig, da sie wohl wissen mußte, daß die Wärterinn für die schnelle Verbreitung Sorge trug, welche wirklich diese Neuigkeit mit großer Geschwätzigkeit schon früher bei den Mägden im Merschmannschen Hause ausgeplaudert hatte, als wir es selbst erfuhren.

 

Das Blutbrechen der A.C.E. ist uns beständig sehr verdächtig vorgekommen, indem das Blut nicht, wie H[er]r Lutterbeck zu behaupten beliebt, klar roth, sondern sehr wässerig, und nicht zu ganzer Munde voll, sondern in kleinen Dosen, wie manche es aus dem Zahnfleisch ziehen können, ausgespien wurde. - Die vielen Betrügereien, welche schon entdeckt, und Zweideutigkeiten, die noch nicht gelöst waren, berechtigen mich zu dem Verdachte, daß eben von diesem Blute die röthlichen Flecken herstammen, welche in dem Hemde der A.C.E., wie in deren Tüchern, bemerkt sind. Auf jeden Fall ist diese Behauptung nicht so lächerlich, als der an einem andern Orte aus der bekannten Anziehung der Haarröhrchen geführte Beweis, daß das Blut von Innen heraus gedrungen seyn müsse, weil die Hemde nach Außen am stärksten tingirt gewesen. Ich will indessen hiermit keineswegs behaupten, daß nicht auch der Schweis der A.C.E. einigermassen blutig seyn könne. Solche Beyspiele hat es wirklich gegeben, und man kann mehrere derselben in A. Calmets dissertatio de sudore sanginis Jesu Christi in horto olibarum finden; nur wird kein vernünftiger Mensch damit etwas für die Echtheit der übrigen Erscheinungen beweisen oder dies für ein Wunder ansehen wollen.

 

Eines unsern Augen verborgen gehaltenen Stuhlgangs ist oben schon erwähnt; nimmt man hiezu den gewogenen und den am 3ten September zum Betrage


[S. 53] von etwas einer Maaß, von dem H[er]rn Dr. Lutterbeck uns erzählt, so deutet das auf nichts weniger, als auf eine Entbehrung von nahrhafter Speise, besonders wenn man dabei bedenkt, daß sie nur Flüssiges zu sich genommen, und mithin die Hauptausleerung durch den Urin erfolgen mußte.

 

Die hier, ich weiß nicht wie, angebrachte Beschreibung der Person der A.C.E. ist nicht von Unwahrheiten frei. So ist ihr Gesicht nicht beständig blaß, sondern oft lebhaft geröthet. Auch ist es nicht wahr, daß die Füße beständig eiskalt sind, indem ich und andere Mitglieder der Kommission, besonders in der letzten Zeit, sie einmal warm gefunden haben, wie solches in den Bewachungsprotokollen bemerkt ist. Die völlige Erschlaffung ihres Muskelfleisches hat sich gezeigt, wie sie sich zum Herunterziehen des Hemdes und des Mantels am letzten Morgen mit dem ganzen Mittelkörper im Bette frei emporhob, und wie sie mich beim Heruntertragen mit beiden Armen umfaßt hatte.

 

Die Mitglieder der Kommission sind vollkommen überzeugt, daß bei der A.C.E. eine Geistesstumpfheit oder Gefühllosigkeit statt finde, und ist dies auch meines Wissens noch von Keinem behauptet. Im Gegenteile bemerken wir schon sehr bald Spuren von Schlauheit und die deutlichsten Beweise eines sehr fertigen Gedächtnisses.

Nach des D[okto]rs Lutterbeck Erzählung scheint es, als ob die A.C.E. sich während der Untersuchung als eine leidende Dulderinn mit frommer Ergebung gefügt, und nur ein oder andermal die Geduld verloren habe. Dies ist indessen durchaus unrichtig. Vom ersten Tag der Absonderung von ihren Umgebungen bis zum letzten hat sie beständig über das Verfahren gemurrt, die anwesenden Wächter mit dem Zorne Gottes und dem jüngsten Gerichte gedroht, ihnen beleidigende Prädikate beigelegt und Vorwürfe gemacht, und sich mit wenigen Ausnahmen


[S. 54] beständig so betragen, als es einer unschuldigen, geschweige denn einer musterhaft tugendhaften Person keineswegs geziemt.

 

 

III. Schluß der Untersuchung und derselben unmittelbare Folge - vom 22. Aug[ust] bis Mariä Geburt

 

Die unter A. erwähnten Fragen sind nicht blos der A.C.E., sondern auch anderen der Teilnahme an dem Betruge verdächtigen Personen vorgelegt, und waren zu dem Ende vorgeschrieben. Die Antworten waren entweder übereinstimmend bis auf die gewählten Worte, oder vorgeschützte Unwissenheit, wie solches früher schon angeführt ist.

 

Die Erzählung meines letzten Versuches, um zu sehen, wie sehr die A.C.E. auf alles vorbereitet, und wie schwer es seyn würde, sie zum Geständniß zu bringen, ist so hämisch und mit solchen boshaften Versprechungen und Zusätzen vorgetragen, daß ich kaum weiß, wie ich darauf entgegnen soll, als sie verdient. - Daß Ich sie den Gerichten übergeben würde, ist nie von mir gesagt; wohl aber, daß ich auf der Stelle meinen Bericht an den Hrn. Oberpräsidenten absenden würde, wie auch wirklich geschehen ist. Derselbe hatte mir nemlich den Tag bestimmt, wo ihn auf seiner damaligen Reise ein Brief in Arnsberg treffen würde; und ich wollte die Nachricht über den Erfolg unserer Untersuchung nicht bis zur Erstattung des weitläufigen offiziellen Berichts verschieben. Zur Zusicherung von Straflosigkeit bei offenem Geständnis und Angabe der Hauptbetrüger, welche die Unglückliche gemißhandelt, war ich von dem H[er]rn Oberpräsidenten ermächtigt; wie auch zu der Beruhigung derselben in Hinsicht ihres künftigen Unter-


[S. 55] halts; von großer Pension ist aber nie die Rede gewesen. Ich widerspreche es, als einer argen Lüge, daß ich bestimmt gesagt, der Geistliche Lambert hätte nunmehr alles eingestanden; wohl aber habe ich die Worte absichtlich zweideutig gestellt, und gefragt, ob sie denn auch nicht bekennen würde, wenn Lambert nun alles bekannt hätte, um den Erfolg dieser Frage zu sehen. - Als mein Brief an den H[er]rn Oberpräsidenten fertig war, gieng ich nochmal zu ihr, und fragte, ob sie mir nichts mehr zu sagen hätte? Nach auffallenden Zögern und sehr bemerklicher Unruhe, kam endlich ihre verneinende Antwort hervor, und bestätigte die Verstocktheit der Lügnerin. Daß ich gefragt, sie werde diese Nacht geholt, ist ebenfalls nicht wahr, es wäre auch Unsinn gewesen, indem die A.C.E. wußte, daß der Brief nach Münster bestimmt war, mithin nicht füglich vor dem folgenden Mittag die Antwort erfolgen konnte. Gemuth sich die Gefahr näher vorgestellt, und ist es allerdings nicht zu verwundern, wenn die Wärterin sich dabei unredlich gebehrdet, und für die gehörige Verbreitung in der Stadt gesorgt hat.

 

Der in der Note befindlichen Versicherung, daß Lambert von mir aller Theilnahme an dem Betruge, freigesprochen sey, muß ich hier ebenfalls, ohne mich jedoch darüber äußern zu dürfen, als völlig falsch und erdichtet widersprechen. Die Erzählung in Betreff des Paters Limberg ist eben so verdreht. Ich hatte dem Bürgermeister aufgetragen, ihm die vorgeschriebenen Fragen vorzulegen, wo er erschien, und kurzweg erklärte, er würde, als Beichtvater der A.C.E. auf keine Frage antworten. Darauf forderte ich ihn selbst vor, und eröffnete ihm, daß er jede Frage unbeantwortet lassen könnte, die sich auf Beichtgeheimnisse beziehen würden. Nichts desto weniger hielt er sich weigerlich, suchte Zeit zu gewinnen, und reiste endlich,


[S. 56] wie ich der ungehorsamen und böses Beispiel stiftenden Widersetzlichkeit mit Nachdruck begegnen wollte, nach Münster ab. Dieser Notfall ist genau berichtet, und stehen die Folgen desselben noch zu erwarten.

 

Von dem, was der letzten Nacht vorgefallen, weiß ich nichts. Und muß deshalb, die Erzählung auf sich beruhen lassen.

 

Ich hielt die Bewachung ferner nicht mehr für nöthig; es ist mithin kein Zeuge dafür oder dawider vorhanden.

 

Die Erzählung D. ist dagegen wieder nicht der Wahrheit treu. - Die A.C.E. hat mir nie die Hand geküßt, obwohl sie es zu thun versuchte, weil mir derartige kriechende Gunsterschleichungen von jeher sehr zuwider sind. Aber abgeschmackt ist die Behauptung, ich solle gesagt haben, daß ich dessen nicht würdig sei, und was sonst rührendes bei der Scene vorgefallen sein soll.

 

Ein andersmal ist eine diesem ganz entgegengesetzte Aussage von mir angeführt, welche lautet: daß ich in den Himmel der Jungfer Emmerich nicht zu kommen wünsche. Ich entsinne mich dessen zwar nicht mehr, leugne es aber keineswegs ab, und bestätige es hier vielmehr, jedoch mit der Einschränkung, die ich gewiß damals auch vorbedungen, wenn sie nemlich in ihrer Betrügerei und Religionsspötterei verharre. Ich führe dies nur an, um zu zeigen mit wie wenig Auswahl und Prüfung Herr Lutterbeck seine Nachrichten alle als baare Münze angenommen haben müße und wie wenig man darauf bauen könne.

 

Wahr ist es, daß ich die Nonne auf meinen Armen wieder die Treppe herunter trug. Dies geschah absichtlich und wohl überlegt. Sie hielt sich dabei mit ihren angeblich erschlaften Muskelfasern sehr fühlbar fest; und das war es hauptsächlich, was ich wissen wollte. Dies hat sie auch nachher auf dem Arme der Köchin


[S. 57] des Herrn Mersmann, wo ich mich noch überdem überzeugte, daß die den Wundmalen entsprechenden Finger, welche sie als ganz gelähmt angegeben, das Gelenke der Hand eben so fest umschlossen als die andere. - Eben so wenig wurde die Prophezeiung, daß sie von dem Transport über die Straße sterben würde, erfüllt, sondern sie erholte sich sehr bald aus ihrem schlummerähnlichen Zustande, und ihre erste Bewegung war wieder, meine Hand an ihren Mund zu ziehen.

 

Ich erkläre es hiemit für eine große Lüge, daß an jedem Freitage, auch während der Untersuchung, die Farbe der Male höher geröthet erschienen. Die jedesmal vorgenommenen genauen Besichtigungen, deren Resultate das Protokoll enthällt, lassen darüber keinen Zweifel aufkommen. Außer des Erwähnten am 13. ist nie die geringste Veränderung an denselben bemerkt. Wer dies ausgesagt, es sey die Frau Wiltener, oder jemand anders, verdiente darüber ernstlich zur Verantwortung gezogen zu werden. Selbst dazu wäre ich berechtigt zu rügen, da die A.C.E. mir davon nichts bekannt gemacht hat, was sie nach ihrem feierlichen und schriftlichen Versprechen schuldig gewesen, und ich nach demselben befugt wäre, in ihrem Namen den Verbreiter solcher Nachrichten öffentlich einen Lügner zu nennen.

 

Herr Lutterbeck hält die am 2. September erfolgte Krankheit der A.C.E. für eine Folge der während der Gefangenschaft eingeschwätzten Nahrungsmittel, ohne einen anderen Grund, als seine Meinung für diese boshafte Vermutung anzugeben. Der Umstand, daß der A.C.E. nie etwas anders, als die bereits erwähnte unselige Kartoffel eingeschwätzt ist, und daß die Ausleerungen während der Untersuchung stets sehr genau dem Genossenen entsprochen haben, mußte


[S. 58] jedem vernünftigen Menschen dagegen weit mehr Veranlassung geben, zu glauben, daß sie nach der strengen dreiwöchentlichen Diät ihrem Magen gleich Anfangs zu viel zugemuthet habe.

 

Die hochtönende Tirade von den hochbegnadigten himmlischen Mädchen deutet auf einiges, wenn auch verschrobenes, Dichtertalent. In der That soll der Verfasser früher schon, aber über ganz andere Gegenstände, leidliche Verse gemacht haben, ehe er sich in eine Gattung von Dichtern vertiefte, die gewöhnlich ungereimt - ich will sagen ohne Reime, - schreiben, und die sich durch gar manches Schiboleth zu erkennen geben. - Am Ende wird die Alpenblume noch wohl gar in eigenen Gedichte besungen! - -

Die in F. geäußerte Bitte an die Regierung ist dem Wesen nach durch meine Mittheilung erfüllt. - Die Gutachten, welche ich am Ende der Untersuchung nach vorgeschriebenen Fragen vom jedem Mitgliede der Kommission besonders eingeholt, und ebenfalls den Akten beigelegt habe, waren dem Wesen nach übereinstimmend, bis auf das eines Einzigen, welcher gestand, über die Sache kein Urteil zu haben, und dennoch urtheilte, daß er die A.C.E. keines Betruges fähig hielt. Der Verfasser dieses Gutachtens zeigte vom Anfange an so viele Bigotterie und Frömmelei, daß sich viele über die Wahl eines solchen Mitgliedes wunderten, und er zufolge Verfügung des H[er]rn Oberpräsidenten als untauglich entlassen werden sollte, welches sich indessen durch die Schwierigkeit, ihn durch einen passenden und ganz vorurtheilsfreien Mann so schnell zu ersetzen, verzögerte.

 

Anstatt der Stelle aus dem Berniere Louvigni wäre es den unbefangenen Lesern wahrscheinlich interessanter gewesen, hier diejenige zu finden, welche der würdige Sailer eigenhändig in ein der A.C.E.


[S. 59] geschenktes Buch geschrieben hat. Ich würde sie hier gern nachholen, wenn ich mich noch genau der treflichen sehr bedeutungsvollen Worte erinnerte.

 

* * *

 

Vorstehendes war nöthig, meiner frühern Mittheilung nachträglich beizufügen, damit jeder in den Stand gesetzt werde, das Endurtheil selbst fällen zu können. Der Sache halber, nicht der Personen wegen, ist dieses geschrieben, und es thut mir leid, wenn diese nicht ganz geschont werden konnten, da die meisten in meinen Augen nur Betrogene sind. Über die Sache selbst kann kein vernünftiger Mensch weiter Zweifel hegen, wenn auch das Wie? Zum Theil noch im Dunkeln liegt. Die Welt mag ihr Urteil über diejenigen fällen, welche dennoch gläubig bleiben. Ich will gern fortan die fromme Tugend desjenigen ehren, welcher eine solche Betrügerei nicht glauben kann, weil er selbst dessen nicht fähig ist. Aber er wird schwerlich noch Zutrauen bei vernünftigen Menschen finden, wenn es mehr auf den Kopf als auf das Herz ankommt.

Ich wiederhole schließlich nochmals, daß ich nie wieder, weder in dieser Art, noch zur Verantwortung von neuen Anschuldigungen und Beleidigungen öffentlich auftre-ten werden; es sey denn, daß die höchste Noth es erfordete.

 

Cosfeld den 26sten Oktober 1819

C[lemens] v[on] Bönninghausen
Kreis-Kommissär

 


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