Die jüngste Untersuchung die Nonne zu Dülmen betreffend, im August 1819, von dem Arzte Theodor Lutterbeck, Dorsten (Schüerholz) [1819].1)

 

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Vorwort

Das Oberpräsidium der Münsterischen Regierung ernannte eine Kommission, aus dem Landrathe v[on] Bönninghausen, mehrern Ärzten, dem Dülmischen Bürgermeister und Apotheker, und einer Krankenpflegerin bestehend, diese schon 7 Jahre fortdauernde merkwürdige Erscheinung*) aufs genaueste zu untersuchen; und man wird hoffentlich den Erfolg dieser, bis zu einem endlichen Resultate, (so heißt es in der Instruktion) ununterbrochen fortzusetzenden Untersuchung dem hierauf äußerst gespannten Publikum baldmöglichst ausführlich und bestimmt bekannt machen.

Die der Untersuchung vorangegangene Transportirung der Nonne (wieder ihren Willen) von ihrem Zimmer nach der Behausung des H[errn] Hofkammerraths Mersmann hat der Herr v[on] Schilgen in den Rh[einisch] Westphäl[ischen] Anzeiger N[ume]ro 72 ausführlich erzählt. (Siehe Beilage N[ume]ro II)

Ein Mitglied der Chorjungfer Emmerich legte mir zur Last, der Nonne durch meinen in den Rh[einisch] W[estphälischen] Anz[eiger] vom 3. July l[aufenden] J[ahres] erschienenen Aufsatz, (S[iehe] Beil[age] N[umme]r I) diese gewaltsame polizeiliche Inquisition über den Hals gezogen zu haben. – Das ist aber gar nicht meine Absicht und Meinung gewesen.

Ich sehe die Anna Katharina Emmerich für eine wirkliche, zwar verjagte, aber nicht aufgehobene Nonne an, und als solche steht sie nach katholischer Ansicht unter dem Bischofe, und in Ermangelung desselben unter dem Hochwürdigen Vikariate, als ihrer nächsten Behörde.

*) Auf Augustini (ihres Ordenspatrons) Tag, 1812 bemerkte die E[mmerich] nach einer überstandenen Ohnmacht auf der Mitte ihrer Brust, (Sternum) eine einfachen Kreuzbalken; dieses rosenroth durch die Haut durchscheinende Kreuz – wurde so am folgenden Tage wahrgenommen.


[S. 4] Bekanntlich reichte unser verehrliche General-Vikarius Clemens von Droste dem Oberpräsidenten Fr[ei]h[er]rn von Vincke schon vor zwei Jahren einen schriftlichen Vorschlag ein, zu Folge dessen er eine gemischte Kommission in Hinsicht auf die E[mmerich] wünschte: er wolle vier Geistliche, (die er bereits ernannt hatte) zu der Untersuchung stellen, und ersuche das Oberpräsidium, vier Weltliche, möchten es geachtete Nicht-Katholiken sein, dagegen zu stellen; jederzeit habe ein Geistlicher und ein Weltlicher die Wache, und jeder führe nach Vorschrift der zu ertheilenden Instruktion sein Tage- oder Stundenbuch und nach zwei oder drei Wochen der ununterbrochen fortgesetzten Untersuchung sende jeder seine Bemerkungen der aus Welt- und Geistlichkeit besonders niederzusetzenden Hauptkommission verschlossen ein, welche dann aus der Übereinstimmung der von zwei unabhängigen und auf Wahrhaftigkeit vereideten, (wie es bei Geistlichen und Beamten ohne weiters der Fall ist) Wahrheit liebenden Männern zu gleicher Zeit gemachten Beobachtung und Darstellung das rein Faktische leicht abscheiden, und dem zu Folge das Urtheil die Wahrheit bestimme könnte. – Wahrscheinlich gedachte der Gen[eral-]Vikarius dadurch der partheiischen Einseitigkeit auszuweichen, welche leider die Erfahrung, wenn nur ein Protokollführer bei solchen Kommissionen vorhanden ist, wenn gar dieselbe Kommission die Thatsache festzustellen, u[nd] das Urtheil zu fassen bestimmt ist, oft genug erprobt, indem es auf die besondre Ansicht u[nd] Meinung dieses einzelnen (H[er]rn Präses) ankömmt, wie die Wörter der gemachten Beobachtung gestellt werden, wie sogar das Urtheil gefället u[nd] gefaßt werde. – Diesem Vorschlage hatte der General-Vikarius noch beigefügt, er sorge dafür, daß die geistliche Chorjungfer gutwillig zu dieser Untersuchung an einen andern Ort sich transportiren, und ihre Umgebung entfernen ließ. Dieser Vorschlag hätte ja auch noch nach Übereinkunft modifizirt werden können; er wurde aber damals von dem Oberpräsidenten unter der Angabe von der Hand gewiesen, daß derselbe nicht füglich vier Weltliche dagegen zu stellen hätte.

 

Da man inzwischen der Anna Cath[arina] E[mmerich] schon von frühester Jugend (sie ist gegenwärtig 44 Jahre alt) das Zeugnis eines unbescholtenen, aufrichtigen, stillen und eingezogenen Lebenswandels übereinstimmend ertheilte; da sie nie mit der Erscheinung das geringste Verdienst treib, (ich weiß, sagt Cramer, der Erzpriester von Holland in seiner Schrift über die Emmerich, daß derselben von hier aus ansehnliche summen zum Geschenk geboten sind, daß sie aber diese jederzeit ausgeschlagen hat) –


[S. 5] und da sie wahrlich sich auch nie zur Schau stellte, im Gegentheil jeden Besuch aus Neugierde möglichst von sich entfernte: so konnte es mir durchaus nicht einfallen, daß eine weltliche höhere Polizei allein sich würde für befugt gehalten haben, eine solche den Staat um nichts krümmende, leidende Taube einen Augenblick des Haus- und Friedensrechts verlustig zu erklären und eine volle dreiwöchige Gefangenschaft, und öffentliche gewaltsame Inquisition, die man etwa dem verdächtigen Polizeiverbrecher angedeihen läßt, über die zu verhängen. – Haben wir doch in diesen Tagen bemerkt, daß jeder Bürger, dem selbst sonst jene Erscheinung der E[mmerich] gleichgültig war, sich durch ein solches Verfahren gegen die Unschuld, da man zumal auf einem weit sanftern Wege denselben Endzweck erreichen konnte, in seinem eigenen Hausrechte gekränkt und empört fühlte. Nach der ehemaligen Münsterischen Verfassung würden die Gerichte eine solche Gefangennehmung einer Person, selbst durch die höhere Polizei, für Eingriffe in ihre Rechte angesehen haben, u[nd] sofort gegen eine solche Kommission aufgetreten seyn; so sagen ehrwürdige Rechtsgelehrte alter Zeit. - Wenn in neuern Zeiten Vikariate in Deutschland weit gelindere Inquisitionen über ihre Untergeordnete mit Fug und Recht anstellten: welches Geschrei, welche Maßregeln erhob man von Seiten weltlicher Regierungen und Gerichte dagegen? ... – Um so weniger hätte jetzt eine weltliche höhere Polizei sich bekümmern dürfen – um die ruhig zurückgezogene, und nichts von der Welt verlangende Nonne Emmerich, und um ihre Erscheinungen, deren Wahrheit bereits durch vieljährige Beobachtung der redlichsten Männer: Dechant und Pfarrer Rensing, Graf Stolberg, Medizinalrath und Prof[essor] v[on] Druffel, Kreisphysikus Wesener, u[nd] eine Schaar fremder und einheimischer Ärzte u[nd] Nicht-Ärzte hinreichend bestätigt, und selbst durch die angestrengteste Arglist einiger unter den Gegnern bis dahin nicht zu vernichten war. – Da inzwischen ein Theil des Publikums doch noch immerhin ihre Umgebung als die braven Geistlichen: Lambert und Limberg im Verdachte des frommen Betruges wähnte, so wurde um möglichst auch diese Partei zu befriedigen, eine gesetzmäßige Untersuchung über die von ihrer personellen und lokalen Umgebung getrennte Nonne E[mmerick] allgemein gewünscht. Da aber jetzt Schuld und Unschuld von Geistlichen zu prüfen war, so war ohne Zweifel das Vikariat als die geistliche Behörde eine von ihm selbst, und nicht von der höhern Polizei gewählte u[nd] bewährte Repräsentation bei einer derartigen Untersuchungs-Kommission und die Einsicht der Instruktion derselben zu ver-


[S. 6] langen befugt und berechtigt; kurz eine gemischte Kommission konnte in solchem Fall nur eine gesetzmäßige seyn, um so mehr da nur eine polizeiliche, nicht einmal eine gerichtliche fidem publicam habende Kommission auftrat.

Diese meine Absicht und Meinung legte ich in dem erwähnten in den Rheinisch Westphäl[ischen] Anzeiger eingerückten Aufsatze durch die Worte: in Verbindung mit der dazu erbiethigen geistlichen Behörde, ferner Nonne, endlich legale Untersuchung, klar genug an den Tag. – Das ist meine unmaßgebliche Ansicht und Entschuldigung.

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Indeß fragt deßungeachtet das Publikum, welche Beobachtungen, welche Resultate hat die einmal angeordnete Kommission gebracht?

Nach Aussage der Wärterin Frau Wiltner*) gebe ich dem Publikum zur vorläufigen Befriedigung folgende Erzählung der Thatsachen, wie ich sie aus ihrem und mehrerer Augenzeugen Munde vernahm.

Um dem Verstande und Gedächtnisse – bei der Weitläufigkeit meines Berichtes – zu Hülfe zu kommen, theile ich ihn in drei Haupttheile: I. Vorbereitung. II. Untersuchung selbst. III. Schluß und Folge; an der Überschrift der Unterpunkte möge übrigens der unpartheiische Leser sich nicht kehren noch stoßen: ich will dadurch der Beurtheilung der treu u[nd] schlicht erzählenden Thatsachen durchaus nicht vorgreiffen.

*) Prof[essor] Bodde, der sie zu dieser Untersuchung in Vorschlag brachte, rühmte sie allenthalben als die rechtschaffenste Frau; ihm stimme ich mit der ganzen Stadt nicht allein bei, sondern füge noch hinzu: ich kenne sie seit zwanzig Jahren fast, als die beste Kranken-Pflegerin. D.H.


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I. Vorbereitung zur Untersuchung

A. Kluge Anstalt

Die Nonne, – die, wie schon vom H[er]rn v[on] Schilgen erwähnt, den 7. Aug[ust] l[aufenden] J[ahres] Morgens ½ 9 aus der bisherigen lokalen u[nd] personellen Umgebung aufgehoben war – lag jetzt in einem Bette, das von allen Seiten frei in der Mitte eines nach hinten im zweiten Stockwerke gelegenen großen Saales des Hofkammerraths Mersmann steht, und wurde seit dem 10. jederzeit von der aus Münster mitgebrachten Wärterin, u[nd] fast immer von zwei Ärzten oder andern Mitgliedern, die sich in dem Vorzimmer, dem einzigen Zugange zu dem Saale, befanden u[nd] alle 6 Stunden abwechselten, von der offenenThüre aus – aufs strengste Tag und Nacht bewacht u[nd] beobachtet, dabei aufs sorgfältigste verpflegt, u[nd] auf die Art, wie sich versteht, von aller disherigen Umgebung abgehalten.

B. Kluge Anordnungen

Gleich am Dienstage Morgen, d[en] 10. wurden bei der völligen Übernahme des Nönnchens die Bettstelle, Betttücher nebst Zubehör, die neu anzulegende Wäsche von der Kommission gehörig untersucht, damit keine stechende Instrumente, Nadeln, noch chemische Schärfen und Präparate, als Sanguis draconis verborgen sein und mißbraucht werden könnten; auch besichtigte man jetzt die Nägel auf ihren Fingern. – Eine solche Vorsicht war fortwährend angewandt, selbst alles, was man der Chorjungfer als Nahrung reichte, genau gewogen. Unter solchen u[nd] dergl[eichen] vom H[er]rn Oberprä-


[S. 8] sidenten getroffenen klugen Anstalten u[nd] Anordnungen müßte jeder Betrug, falls einer obwalten sollte, aufgedeckt werden, u[nd] eine solche Untersuchung könnte uns das reine Faktische bestimmt geben. Das Interesse, welches diese Erscheinung bisher erregte, mußte jetzt um so mehr noch wachsen, da die bisherige Untersuchung nicht die geringste Deutung auf gemeinen Betrug lieferte ihr durchaus abgesondertes Wohnzimmerchen versiegelte man gleich bei ihrer Wegführung, u[nd] durchsuchte es sorgfältigst, ohne Verdacht Erregendes antreffen zu können; auch sprach selbst die Unbefangenheit des Nönnchens, womit es in gegenwärtiger leidenden Lage seinen lautesten Gegner, den Prof[essor] u[nd] Medizinalrath Bodde zu dieser Untersuchung freundlichst einlud, für seine Unschuld. –

C. Beschaffenheit der Nonne bei der Übernahme

Mit Zuverläßigkeit kann ich verbürgen, daß am 10. bei der zur Übernahme vorgenommenen Besichtigung der Nonne auf dem obern Maale des linken Fußes eine rothbraune Kruste sich zeigte, die auf jüngere Blutungen vermuthen ließ; daß das heute ausgezogene Hemd, den auf der Mitte der Brust (Sterno) übereinander stehenden Maalen der beiden Kreuze entsprechend, u[nd] an der rechten Seite der Brust, dem sogenannten Lanzenstich1) gegenüber, beträchtliche rothe (Blut)Flecken darstellte. Die Wärterin bemerkte, daß ihr die Hemde-Wechselung bei dem so zusammenfallenden zarten Körper der E[mmerich] sehr beschwerlich fiele, und jedesmal fallen würde.

 

II. Periode der Beobachtung u[nd] Untersuchung vom 12. bis 22. Aug[ust]

A. Die Nahrung der E[mmerich] überhaupt betreffend

Außer Wasser vertrug die Leidende in 24 Stunden ¾ Spitzglas Gerstenschleim, des Morgens 1 ½ Tasse mit 20

1) Der Lanzenstich auf der rechten Brustseite der Chorjungfer E[mmerich] ist 5/4 Zoll lang, läuft elliptisch in zwei spitzige Winkel, u[nd] scheint gleichsam von zwei verschiedentlich durchzogenen Hautfalten, beiderseits Lefzen, u[nd] in der Mitte eine Spalte bildend, entstanden zu sein.


[S. 9] bis 24 Bohnen bereiteten Kaffe sammt roher Milch. Da sie die von der Tafel des Hofkammerraths gereichte Fleischsuppe jedesmal ausbrach; so schlug die Pflegerin dem von der E[mmerich] in jetziger Lage als Arzt angenommenen Mitgliede der Kommission, Kreisphy[sikus] Rave vor, ihr eine Suppe zu ½ Ort aus einem Viertel Küchlein ohne Salz, Kräuter u[nd] Gewürz zu bereiten. Der Versuch gelang, u[nd] wurde täglich wiederholt, inzwischen an dem Mitwochen, Freitagen, Dienstagen u[nd] Donnerstagen brach sie gewöhnlich diese Suppe, wie jede gereichte Nahrung wieder aus. – Zudem sog das Nönnchen noch zuweilen an einem gebratenen Apfel oder einigen Weinbeeren zur Erquickung, ohne von der Masse zu verzehren. – Was sie von bemerkten Flüßigkeiten genoß, wurde genau gewogen, und soll im Durchschnitt in 24 Stunden 20 Unzen betragen haben. Das häufig Ausgebrochene wurde nicht gewogen, öfters ganz übersehen, mithin nicht angemerkt. Der Landrath empfahl der Dulderin zu wiederholten malen Kartoffeln, als feine Leibspeise, und als eine Speise, womit man die kleinsten Kinder ans Essen brächte, daß die Wärterin ihr, die bei der Behauptung blieb, durchaus keine feste Speise vertragen zu können, endlich zuredete, um nicht ferner eigensinnig zu scheinen, ein Kartöffelchen gut gekauet herunterzuschlucken; aber das nach 1 ¼ St[unden] erfolgte ausbrechen von allem, was der Magen enthielt, u[nd] das äußerst elende Befinden darauf bestätigte den wachhabenden Ärzten die Wahrheit der Voraussage unserer Nonne.

B. Die beobachteten blutigen Erscheinungen betreffend

A. Der Vorabend des 13ten Aug[ust]

Am 12. Nachmittags sagte man zur Nonne: "Morgen am Freitage müssen sie bluten; dann würde noch mancher zur alten Kirche zurückkehren." Mit sanfter Besonnenheit erwiederte die E[mmerich] "Wenn diese Umänderung der Denk- und Sinnart


[S. 10] auf nichts anderm, als auf meinem Bluten sich gründen sollte; so ist ein solcher Katholizismus nichts werth." Auf die jetzt wiederholte Äußerung: "Ja morgen müssen Sie bluten!" antwortete sie mit sichtbarer Empfindlichkeit: "ich habe nichts versprochen; und wenn ihr mitfühltet, wie jeder Tropfen Blut, den ich sehe, mir Schauder errege: so würdet ihr nicht solche Bluth[unde] sein."

B. Die wichtigen Vorfälle am 13ten Aug[ust]

Die Wache der Nacht vom 12. zum 13. bis 6 Uhr des Morgens, nämlich des als wichtig zu erwartenden Freitages übernahm selbst Landrath v[on] Bönninghausen. Die Wärterin, Frau Wiltner, die vom Medizinal Direktor Dr. Borges auf Gewissen zu beobachten, und ihre Angaben zu machen oft angemahnt wurde, nahm auf seine Anordnung ihr Ruhlager unmittelbar an dem Bette der E[mmerich] und war heut Morgen den 13. von dem Nönnchen auf die Schulter geklopft u[nd] aufgeweckt, und hernach, wie gewöhnlich des Morgens, um Waschwasser begehrt. Sie wusch sich in ihrem Beisein das Gesicht, sorgfältiger heut, als sonst, die Augen, u[nd] trocknete sich sanft; nach einiger Zeit bar sie, man möchte ihr die Binde um den Kopf heften mit dem Zusatze: "das erleichtere ihr den Kopfschmerz". Bei diesen Gelegenheiten besah die Frau Wiltner jedesmal genau die Stirn u[nd] befand an der Stirn der E[mmerich] nichts ungewöhnliches. Darauf blieb dieselbe um der Jungfer E[mmerich] beschäftigt, sie nicht aus den Augen lassend; kam nicht aus dem Saale, und das gebrauchte Waschwasser stand noch unausgegossen auf einem Stuhl neben dem Bette, als um 6 Uhr Dr. Busch, der noch den Landrath im Vorzimmer befindlich traf, zur Übernehmung seiner Wachstunden in den Saale trat – mit der Frage: "hat die E[mmerich] geblutet?"

aa. Der wichtige Morgen des 13. Aug[ust]

Nein, erwiederte Frau Wiltner, ich habe bis dahin noch keine Blutung gesehen, da ihr noch so eben die reine Binde um die Stirn befestigte. Der Arzt setzt sich


[S. 11] dann auf das Bett zu ihren Füßen u[nd] erkundigte sich um das Befinden der E[mmerich], insbesondere in Betreff des Schwitzens. auf die Frage des Doktors: "ob sie heut wohl bluten würde?" antwortete das Nönnchen mit lächelndem Scherz: "ich weiß es nicht; indeß, da man mich an diesem Freitage wohl viel begucken wird, habe ich mich heut Morgen sorgfältig gewaschen, um an diesem Tage von den Herren wenigstens rein zu erscheinen." Als der Arzt jetzt gemäß der Instruktion bei Übernahme seine Wache sich anschickte, die Stirn zu untersuchen: hob die Wiltner die weiße Binde auf. Diese behauptete, sie hätte beim Aufheben derselben auf der Stirn 6 bis 7 Blutpunkte, und an der Stirnbinde Blutiges gesehen, wobei sie sich zittern fühlte, und den Arzt erblassen sah. Dr. Busch indeß bemerkte auf der Stirn – etwas unterhalb und lägst den Haupthaaren eine Reihe unregelmäßig gestalteter roth brauner Flecken, wovon die zwei größten über der Nasenwurzel befindlich offenbar mit einer Feuchtigkeit versehen, und befand in dem weißen Kopftuche nebst einem kleinern einen größern, jedoch mit der Breite eines Fingers zu überdeckenden, ganz feuchten lympfartigen Flecken, der roth umrandet in der Folge im Protokoll bezeichnet wurde. Der Arzt ließ nun ein anderes weißes Tuch um den Kopf befestigen, u[nd] machte Anstalt, die andern Mitglieder der Kommission zur allgemeinen Beaugenscheinung, und Abfassung des Protokolls herbei zu rufen. Wie mehrere der Herren ankamen; so befand man die Flecken in der abgenommenen Kopfbinde schon trocken geworden, und das neu aufgelegte, jetzt aufgehobene Tuch zeigte kleinere noch feuchte Flecken lympfartiger Beschaffenheit, jedoch ohne Blut.

Jetzt rieb man mit Speichel, dann mit konzentrirtem Essig, darauf mit naphta vitrioli über die roth braunen Flecken der Stirn, wobei die E[mmerich] ihre Empfindlichkeit äußerte mit den Worten: "es brenne ihr, wie Feuer." Deßungeachtet konnte man die Flecken von der Stirn nicht wegreiben; man merkte aber nach nunmehriger Abwaschung der Stirn


[S. 12] mit lauem Wasser an, daß die Flecken, vorzüglich der beiden großen in der Mitte der Stirn, in die Hautorganisation eindringend, über die Haut etwas erhaben anzufühlen wären, inzwischen die beiden großen Stirnflecken eine kleine Verletzung insbesondere vermittelst eine Luche, wahrnehmen ließen. – die Flecken um die Stirn fand man später des Morgens schon vertrocknet, wo die beiden Hauptflecken mit einer dünnen roth braun durchscheinenden Schurfe sich zu bedecken anfingen.

Dr. Busch untersuchte am Morgen verschiedene male die Brust der E[mmerich], wo das Hemd von Schweiß stark gefeuchtet, wo die Narbe des Lanzenstichs offenbar eine Feuchtigkeit absondernd, befunden wurde.

bb. Der noch wichtigere Nachmittag des 13. Aug[ust]

Nachmittags 1 Uhr schritt man zur Untersuchung des der Jungfer E[mmerich] am 10. angezogenen reinen Hemdes u[nd] ihrer Brust. Nachdem die zwei blauen Tücher u[nd]

die beiden übrigen Bedeckungen von der Brust genommen waren: so bemerkte man im Hemde, das man jetzt auszog, den Kreuzen entsprechend, Flecken von unbestimmter Form, u[nd] dem s[o]g[enannten] Lanzenstich entsprechend, einen Fleck von etwa 2 Zoll Länge u[nd] 1 Zoll Breite, und zwar beide Flecken von röthlich bräunlicher Farbe, die an der Aussenseite des Hemdes als stärker roth gefärbt, deutlicher in die Augen fiel.1)

Die Narbe des Lanzenstichs bemerkte man jetzt mehr geröthet, wie an den vorigen Tagen, und an beiden Enden, wie in der Mitte der Spalte zwischen den letzten des Lanzenstichs etwas Rothes, trocknem geronnenen Blute Ähnliches.

1) Dieser letztere Umstand kann nicht mehr befremden, sobald man nur zur Erklärung desselben auf die Gesetze der Haarrörchen, wie auch auf die stärkere Einwirkung der Luft von Aussen und des Schweißes von Innen Rücksicht nimmt.


[S. 13] Wie die E[mmerich] von ihrer Blutung1) vernahm, bat sie, man möchte selbe in der Stadt nicht laut werden lassen. – Die gemeinschaftliche Untersuchung u[nd] Abfassung des Protokolls über diese wichtigen Vorfälle dauerte heute bis Abends 6 Uhr. – Der Medizinal Direktor Borges, der Pferde und Waagen zur Abreise nach Münster bestellt hatte, verschob unter bewandten Umständen seine Reise bis Samstag.

C. Die nochmalige Vernehmung der Wärterin Wiltner über den Morgen-Vorfall des 13ten Aug[ust] (B.a.a.)

Am 14. Morgens zwischen 10 und 11 Uhr wurde die Wiltner in den grünen Saal des Gastwirths Schräder in den Kreis der Mitglieder der Kommission gerufen. Man ließ sie jetzt die Geschichte des vergangenen Morgens (S[iehe] unter B.) wiederholen; Am Ende setzte man derselben dringend zu, sie möge bekennen, daß sie nach dem Umbinden des Hauptes der Nonne vor Ankunft des Dr. Busch von dem Saale sich entfernt habe2), um das Waschwasser auszuschütten. Inzwischen versicherte die Frau Wiltner das Gegentheil, u[nd] erboth sich selbes eidlich zu erhärten; forderte so fort den Dr. Busch zur Bekräftigung auf, daß noch bei seiner Ankunft das Waschwasser neben dem Bette auf einem Stuhl unausgeschüttet gestanden habe; noch setzte sie die Behauptung unter eidlicher Versicherung ausdrücklich hinzu, daß nach Befestigung der Kopfbinde die E[mmerich] nie mit den Händen nach dem Kopf gefahren sei; vielmehr während der ganzen Zeit die Hände kreuzweise

1) Das Quellen des Blutes sahen bei der Emmerich so Viele vorhin; ist es nicht auffallend, daß diese das Schauen des wirklichen Blutens fordernde Naturforscher bey der E[mmerich] nur das Blut in der eben vergangenen Zeit, (und zwar jedesmal so) befanden?

2) Wäre die Wärterin Wiltner auch nur zwei Minuten vom Saale abwesend gewesen, so würde der Landrath, dem es sicher nicht an Pflichtkenntniß, noch an Amtseifer fehlt, und der nach Aussage des Dr. Busch auf dem Vorzimmer, dem einzigen Zugange zu dem Saale (I.A.) befindlich war, ohne Zweifel gleich in den Saal getreten sein, um die E[mmerich] an dem als wichtig zu vermuthenden Freitage keinen Augenblick allein zu lassen.


[S. 14] übereinandergeschlagen über dem Bette liegen hatte, in welcher Lage die Hände auch von dem Arzte angetroffen, und selbe während seiner Anwesenheit bis zur Lösung der Binde geblieben seien.

D. Kreisph[ysikus] Rave versuchte Nachahmung der Stirnflecken der Jungfer Emmerich am 14. Aug[ust]

Kreisph[ysikus] Rave hatte durch Reibung seiner Stirn mittelst eines Tuches die Flecken, die man um die Stirn der Jungfer E[mmerich] (S[iehe] aa. unter B.a.) erblickte, nachzuahmen versucht1). Die Kollegen erkannten einige Ähnlichkeit an, gaben aber auch offenbare Verschiedenheit an, in soweit daß die Ravischen Stirnflecken, wie gewöhnlich solche oberflächliche Hautverletzungen,2) mit einer gelblichen lymphatischen Schurfe überzogen waren, daß dagegen die Stirnflecken der J[ungfer] E[mmerich], vorzüglich die zwei großen auf der Mitte der Stirn, von Anfang eine bräunlich rothe Farbe gehabt, und beständig beibehalten haben. – Rave begab sich gleich hierauf, ohne Confrontation (Zusammenstirnung) abwarten zu wollen, nach Ramsdorf, seinem Wohnorte, von wo er erst nach geheilter Stirn über 8 Tage zurückkehrte, und bei der Rückkunft laut erklärte, die Jungfer E[mmerich] sei während seiner Abwesenheit sehr abgemagert, viel blässer geworden – zu offenbaren Geständniß, daß die Emmerich durch vorgenommene Untersuchung äußerst angegriffen worden.

1) Rave scheint durch seinen heroischen Versuch und dessen Tendenz die lieben Kollegen als schlafende Wächter zu schelten, oder gar andere weltbekannte Hüter und S[ank]t Augustini Spott darüber ins Gedächtnis zu rufen.

2) Wenn man auch einige Verletzungen der Epidermis an den großen Flecken der E[mmerich] am Morgen des 13. Aug[ust] (S[iehe] aa.) wahrnahm; so ist diese Verletzung offenbar Folge des vorgenommenen Reibens mit Speichel, acetum concentratum, naphta vitrioli (einem Äzmittel, das der E[mmerich] die Empfindung: es brenne wie Feuer, verursachte) – indem jene Verletzung nach diesem Reiben erst entdeckt , ein anderes Reiben durch die Emmerich selbst aber gar nicht beobachtet ist, vielmehr von der Frau Wiltner eidlich geläugnet wird. (S[iehe] C.)


[S. 15] Die Flecken an der Stirn der E[mmerich] behielten noch bis zum 19. August die rothbräunlichen, Flechten nicht unähnliche Schuppen, als an welchem Tage sie gänzlich verschwanden und keine Spur einer Narbe auf der Stirn zurückließen. Die am Ende schwärzlich gewordenen Blutklümpchen in der Spalte des sogenannten Lanzenstichs waren schon am 18. verschwunden.

E. Ob die rothbraunen Flecken des um 1 Uhr Nachmittags den 13ten ausgezogenen Hemdes – Kaffeflecken?

Wie die Frau Wiltner das Hemd, das die Jungfer E[mmerich] am 13. bis 1 Uhr Nachmittags anhatte, überreichte, fragte man sie: "wofür sie die braunrothen Flecken darin halte?" worauf sie erwiederte: "offenbar für Blutflecken". Man entgegnete aber: "das sind Flecken von dem ausgebrochenen Kaffe!" – Die Wärterin hat in der Folge unter Versicherung eidlicher Erhärtung zum Protokoll gegeben, daß sie den ausgebrochenen (weißlichen schwachen) Kaffe jedesmal gänzlich in das besondere immer zur Hand liegende blaue Tuch aufgefangen hätte, und daß kein Tropfen davon in das überdem mit 4 Tüchern überdeckte1) Hemd (S[iehe] bb.) hätte gelangen können. – Wie man der Frau Wiltner die am 10ten und 13ten ausgezogenen Hemde zum Auswaschen am 15. überlieferte, u[nd] sie die rothbraunen Flecken in reinem Wasser rieb: so ward das Wasser röthlich, welches sie auch einigen Mitgliedern bemerklich machte. Um diese Stellen in den Hemden ganz zu reinigen, mußte sie selbe mit Seife stark reiben und waschen, wie es auch bei gewöhnlichen Blutflecken, die eine Zeitlang im Leinwande getrocknet sind, erforderlich ist. Hierdurch, wie auch vorhin durch den Vergleich der Hemd-

1) Warum untersuchte man nicht in Hinsicht auf obige Vermuthung die Beschaffenheit der über dem Hemde gelegenen Bedeckungen, worüber doch das weiße Halstuch allein schon Auskunft geben konnte; ob die Färbung von Aussen oder von Innen gekommen?


[S. 16] flecken mit Kaffeflecken in einem weißen Tuche, wurde sie von der Wahrheit ihrer oben bemerkten Meinung gänzlich überzeugt.

F. Blutbrechen vom 18., 19. und 20.; der E[mmerich] Voraussage in Hinsicht auf dasselbe

Am 18. Aug[ust] – und in der Nacht vom 19. auf den 20., wo drei Ärzte, und unter diesen selbst der Medizinaldirektor Borges Wache hielten, brach die E[mmerich] Blut aus, das die Wiltner mehrmalen ins Lampett auffing, und fast jedesmal drei Mund voll klares rothes Blut ausmachte.

Die Nonne sagte einem der Ärzte, daß zu Folge des Blutbrechens, wie sie aus der Erfahrung wüßte, ihre Stirn, wie die übrigen Maale in einigen Wochen nicht bluten würden.

G. Die Jungfer Emmerich prahlt nicht mit ihren Blutungen

Schon oben (S[iehe] bb) ersuchte sie die Kommission, die vorgefallenen Hauptblutungen Dülmen verborgen zu halten. – eines Tages erhielt die Jungfer Emmerich in ihr weißes Halstuch, das auf den Brustmaalen mogte gelegen haben, einen frischen Blutflecken; die Pflegerin Wiltner sah die Emmerich darauf schreien, und den Blutflecken mit dem Finger verreiben. die Wiltner brachte es gleich zur Kenntniß der Wache haltenden Ärzte, die den mit Speichel verdünnten Blutflecken noch erblickten.

C. Offenbare Körper Kränklichkeit der Emmerich

Das Auge einzig, voll Klarheit, Leben und Geist! – Ihr Antlitz jetzt beständig blaß, eingefallen, abgemagert; der Körper ein Skelett; das Muskelfleisch völlig erschlafft, die Person selbst seit 7 Jahren bettlägerig und fast unbeweglich; ihre Füße bis zu den Knien beständig eiskalt, die trotz wiederholtem Auflegen von warmen Tüchern (wie während dieser Untersuchung genug versucht wurde) um nichts sich erwärmen. – Schon der Anblick dieser leiden-


[S. 17] den Dulderin muß selbst dem ärgsten Barbar Mitleid einflößen und kann nicht lange den Gedanken eines Betrugs Platz lassen! –

 

Ihre körperlich Kränklichkeit wenigstens fällt dem ersten Blick eines jeden auf. Inzwischen schon im bisherigen Verlauf z[um] B[eispiel] beim Aufbrechen (S[iehe] F.) traf man Umstände, die auf körperliche Kränklichkeit offenbar schließen ließen. Jenen füge ich noch bei, daß die E[mmerich] während ihrer Untersuchung einigemalen Ohmachten hatte, woraus sie durch Reiben mit naphta Aceti in den Schläfen und unter der Nase nach einer viertel Stunde, einmal erst nach 1 ½ Stunde wieder zu sich gebracht wurde, u[nd] worauf sie sich ganz ermattet fühlte und zeigte wie auch eine Zeitlang irre redete. – In der zweiten Woche reichte ihr ein Mitglied der Kommission bei verstärkten Anfällen von Kopf- und Brustschmerzen zu drei malen 6 Tropfen von einer Moschus Tinktur, einer ehemals von Kreisph[ysikus] Wesener bei ihr angewandten Arznei: (R. Mosch. gr. III. Spir. vin. 3 ß) Darauf fand sie sich jetzt so elend, daß sie an Händen u[nd] Füßen zitterte, u[nd] ein scharlachrothes Gesicht bekam, wodurch die Pflegerin Wiltner bewogen wurde, dem Wachhabenden Arzt zu erklären: "sie würde ihr nicht ferner einen Tropfen davon reichen", u[nd] die Arznei in ihrem Schrank zu verschließen; welche Reizbarkeit! da eine so geringe Gabe kaum den Puls des kleinsten Kindes um ein geringes zu verstärken im Stande sein würde. Die Emmerich hatte nur einmal während dieser fast 4 wöchigen Gefangenschaft (vom 7. Aug[ust] bis zum 30. grechnet) einen klumpigen, schwarz braunen mit vielen weißlichen Schlein gemischten Stuhlgang, der wie die W[iltner] glaubet gehört zu haben, 5 Unzen wog.


[S. 18] 

D. Einige Äußerungen der E[mmerich] zum etwaigen Beweise, daß die gewöhnlich zu bewundernde Sanftmuth und Duldung der E[mmerich] wahrlich nicht von Stumpfheit des Geistes noch Gefühllosigkeit herrührte.

So sanftmüthig, so heroisch duldend und hingebend, gewöhnlich das Mädchen sich zeigte: so hörten u[nd] hören wir im Verlaufe doch auch unzuverkennbare harte Ausdrücke u[nd] Äußerungen von ihr. Mögen jene auch zuweilen in der plattdeutschen Mundart, worin die arme Kötter-Tochter u[nd] Dienstmagd spricht z[um] B[eispiel] Bluthunde, ihren Grund haben: so verrathen nicht selten auch jene, wie diese, von der gereizten Natur der Menschheit abgezwungen, ihre Gemüths-Empfindlichkeit, u[nd] (weit entfernt von Stumpfheit u[nd] Dummheit des Geistes) vielmehr ihren tiefen Sinn, und ihre Geistigkeit. Z[um] B[eispiel]. Einmal nannten sich einige der Herren – Diener des Staats; da die E[mmerich] lächelnd schwieg, wurde sie aufgefordert, zu sagen, wofür selbe die Herren denn halte? Sie antwortete: für Knechte des Satanas. – Ein andermal sagte sie zur Frau Wiltner: "Was ist mit einer solchen Kommission anzufangen, die Blut in Kaffe verwandelt und umgekehrt? – Wiederholt unter tausend Thränen klagte sie: "ich sehe recht gut ein, daß ihr gar kein Recht habet, mich mit dieser Untersuchung zu quälen, daß euer ganzes Verfahren ungerecht ist – fühlt ihr auch, wie es mir als einer geistlichen Person schwer falle, meinen Körper täglich eurer Besichtigung Preis geben zu müssen?"

Mehrmalen äußerte die E[mmerich] während der Untersuchung: "man kann wohl sehen, daß ich ein arm Nönnchen bin, sonst würde ich nicht zu einer solchen Untersuchung unter euren Händen sein – Doch, großer Gott! ich danke dir, dir zur Ehre etwas zu leiden zu dürfen!"


[S. 19]

III. Schluß der Untersuchung und derselben unmittelbare Folge – Vom 22. Aug[ust] bis Maria Geburt

A. Beantwortung von 48 der E[mmerich] vorgelegten Fragen

Vom 22. bis den 27. od[er] 28. gaben der Landrath und der Kreisph[ysikus] Rave sich damit ab, der Nonne 48 Fragen vorzulegen, deren Beantwortung in Gegenwart einiger Mitglieder der Kommission der E[mmerich] nochmals vorgelesen, und von ihr genehmigt, und dem Protokoll beigefügt wurde.

B. Des Präses der Kommission äußerster Versuch die E[mmerich] möglichst zum Geständniß zuzwingen. Am 28. Aug[ust]

 

Am S[ank]t Augustini Abende den 28. Aug[ust] schloß sich der Landrath – nach Entfernung selbst der Pflegerin Wiltner mit der E[mmerich] allein ein, über eine Stunde, inzwischen ging er ab und zu. – In den Zwischenpausen erfuhr die Frau Wiltner von der E[mmerich], der Landrath habe ihr, wenn sie bekennen wollte, wie sie die Blutungen und Maale bewirkt habe, versprochen, bei der Regierung sich nicht allein wegen Nachlaß der Strafe zu verwenden, sondern dabei eine große lebenslängliche Pension für sie, ihre Schwester u[nd] H[er]r Lambert auszuwirken. Wenn sie aber eine verstockte Heuchlerin bleiben wollte; so würde er mit seiner Kommission die Hand von ihr abziehen, sie verlassen, u[nd] den Gerichten übergeben, wo dann Einsperrung (ob in Münster, oder Berlin? das wüßte er nicht) ihr unausbleibliches Loos sein müßte – ihr Gott sei nicht sein Gott, u[nd] in den Himmel worin sie wollte, verlange er nicht zu gelangen1) – Der Landrath entfernte sich auf einige Zeit und kam wieder – da habe er ihr laut verkündigt: "jetzt hat Lambert alles eingestanden, er hat

 

1) Ei! es gibt doch wohl keinen Kaiser- oder Beamten-Himmel.


[S. 20] die Maale gemacht; nun bekennen sie nur auch!1) Auf diese (spitzige) Äußerung habe sie (ohne Zweifel! mit ihrem gewöhnlichen Gleichmuthe) geantwortet: Lambert sagt die Wahrheit u[nd] ich sage sie auch." – Darauf sei der Landrath mit den Worten aus dem Saale gelaufen: "jetzt müsse er eilen einen Brief zu schreiben, um sie dem Gerichte zu übergeben. – Die Wärterin, Frau Wiltner war gegenwärtig, als der Landrath mit einem großen Brief u[nd] Siegel in der Hand, zurückkehrte u[nd] sagte: "jetzt bekennen Sie, oder den Augenblick geht dieser Brief an die

 

1) Da ich von Vielen vorzüglich diesen angewandten Kunstgriff unter den andern – betadeln höre, (indem, auch nach der Moral, kein Kriminalrichter selbst dem verdächtigen Verbrecher, um ihn zum Geständniß zu bringen, je vorlügen dürfte) so darf das Publikum mit nur der zwar angeblichen Wahrheit dieser sonst unverdächtigen Person, der Frau Wiltner nämlich – in Hinsicht auf alles das, was sie über einen Mann, der ein öffentliches Amt mit Zurauen und anerkanntem Eifer bekleidet, nur von der einzigen Ohrenzeugin erzählen hören konnte, billig – keinen ganz ungezweifelten Glauben beimessen. Inzwischen konnten in Rücksicht auf die Emmerich diese letzten Scenen der Plage, Noth und Angst nicht übergangen werden, und in der That, (was der Emmerich auch nicht verborgen geblieben) waren vom Landrathe der franz[ösische] Geistliche Lambert, wie ihre Schwester, Gertrudis Emmerich in Inquisition gezogen. – Lambert aber ist in der Folge von dem Präses aller Theilnahme an dem Betrug in Betreff der Emmerich gänzlich freigesprochen – Auch der Beichtvater der A.K.E Pater Limberg wurde vor dem Landrath von Bönninghausen citirt, und er stellte sich. Er soll im Allgemeinen vor dem Landrathe sich zur ärgesten Pein erbothen haben, wenn je der geringste Betrug bei der Emmerich war, oder ausfindig gemacht werden sollte; übrigens dürfte er als Beichtvater, Gewissenshalber, sich vor keinem weltlichen Richter auf spezielle Beantwortung von Fragen sein Beichtkeind (und wenn auch nicht als solches) betreffend, ohne von seiner geistlichen Behörde besonders dazu authorisirt zu sein, einlassen. Zum Zweitenmale wurde er durch ein Schreiben des Landraths vorgeladen, worin es unter andern heißt: wenn er sich das erstemal nicht würde gestellt haben, so hätte er ihn durch Gensd‘armen holen lassen; (er hatte sich ja wirklich gestellt!) und wenn er gegenwärtig nicht auf die ihm vorzulegenden Fragen antworten wolle, so habe er der Weigerung üble Folgen in Rücksicht seiner, wie der E[mmerich] sich selbst zuzuschreiben. – Der Beichtvater bestand wieder auf seine, ihm vom Gewissen abgezwungene Weigerung und hat die Hülfe des hochw[ürdigen] Vikariats angerufen. Inzwischen der Brief des Gen[eral-] Vikarius an den Landrath als Präses der Kommission kam erst zu Dülmen ab, als am 29. Aug[ust] die Kommission schon auseinander gegangen war.


[S. 21] Gerichte!" E[mmerich] entgegnete mit gewohnter Ruhe: "ich weiß nichts anders, als ich gesagt habe." Der Landrath: "soll er denn abgehen?" E[mmerich]: "in Gottes Namen mag er abgehen!" – Da stürmte der Landrath voll Zorn aus dem Zimmer mit diesen Worten, welche die Emmerich und die Wiltner deutlich wahrnahmen: "nun, so werden sie diese Nacht geholt!"

C. Der E[mmerich] wichtigste Nacht auf die äußerste – letzte Drohung

Es war darüber dunkel geworden, u[nd] E[mmerich] u[nd] W[iltner] waren plötzlich allein auf dem Saale gelassen, ohne Licht, das sonst lebhafte Vorzimmer fand man auf einmal leer; als jetzt die E[mmerich] ganz einfältig fromm wiederholte: "Ja er hat es gesagt, daß ich diese Nacht geholt werde." so schrie die Wiltner laut auf, und voll Verzweiflung lief sie von der Treppe, u[nd] erzählte es der Köchin des H[errn] Mersmann, u[nd] diese lief durch ganz Dülmen, jene letzten Worte des Landraths wiederholend gegen alle, die sie – und zwar in Menge auf den Straßen Dülmens antraf – zum Dechant Rensing, der auf Zulassung, vielmehr Vorschlag der Kommission von ihr als Beichtvater statt ihres gewöhnlichen – während der Gefangenschaft – gern angenommen wurde, der aber in jetziger Lage gewiß ungern, der E[mmerich] persönlich Trost zu geben, abschlug, indem er an diesem späten Abend von der Kommission keine besondere Erlaubniß zu einem Besuche bei der Emmerich mehr erhalten könnte.

Indeß faßte sich die E[mmerich] bald in Hinsicht auf ihren Schrecken, und forderte die Wiltner auf, mit ihr zu bethen. Während des Bethens sagte die Jungfer E[mmerich] zu ihrer Wärterin: "ich werde so schläfrig". W[iltner]: "so legen sie sich gemächlich u[nd] schlafen, ich will mich auch auf meine Matraze neben ihr hinlegen." Die E[mmerich] habe ihr die Hände Kreuzweise festgehalten u[nd] nicht lange! – so schnarchte die E[mmerich] so ruhig, wie die Wiltner selbe noch nie schlafen bemerkt, zwei volle Stunden, – munter und heiter sei die E[mmerich] aufgewacht, bald


[S. 22] wieder ruhig eingeschlafen; gegen Morgen schlummerte auch die Wiltner ein. Um 5 Uhr Morgens wachten sie beide fast zugleich auf, ausrufend: Ach! wir sind ja noch hier. W[iltner] sprang freudig auf u[nd] wollte zur Messe, Gott Dank zu sagen, daß er diese Nacht so mit ihnen gewesen. Da aber die E[mmerich] bat sie jetzt nicht zu verlassen: so blieb sie, und beide betheten zusammen die Meßgebethe; worauf die E[mmerich] sagte: "ich bin ganz ruhig und leicht!"

D. Endlich absolvirt der Landrath die E[mmerich] am 29. Aug[ust]

 

Um 8 Uhr trat der Landrath in den Saal, grüßte u[nd] fragte die E[mmerich]: "wie sie geschlafen?" Ihn anlächelnd, antwortete sie: hier noch nie so ruhig, wie diese Nacht. Der Landrath die Worte: so ruhig, wiederholend setzte hinzu: "Sie müssen sofort nach Münster!" E[mmerich] entgegnete: "ehe man mich über die Straße transportirt, bin ich todt." Darauf der Landrath, eine andre Miene annehmend, versetzte: "nein! so ist es nicht gemeint; ich bin gekommen, sie zu fragen: Wann wollen sie auf ihr Zimmerchen gebracht werden? ich will sie selbst hintragen." – Da rollten der E[mmerich] große Thränen über die Wangen, und zugleich beide Hände des Landraths ergreifend, küßte sie selbe mit dem Beifügen: "ich will nun nie mehr Ihnen Feind sein, und seit Lebens für sie und ihr Haus bethen!" "Sie waren mein Feind?" entgegnete der Landrath. E[mmerich]: "Sie haben mich gestern eine Heuchlerin genannt, wie konnte ich denn ihr Freund sein?" – Wie sie noch fortfuhr des Landraths Hände zu küssen, zog er sie weg; sagend: "ich bin dessen nicht würdig; ich sollte vielmehr sie um Verzeihung bitten, indem ich sie so hart beleidigte, aber das habe ich wegen meines Amts thun müssen." Die Wärterin sah Thränen aus seinen Augen stürzen. – Der Landrath trug die Nonne auf seinem Arme von der Treppe; und übergab sie den Armen der Köchin des H[errn] Mersmann in Begleitung der Wärterin. Zwischen 10 und 11 Uhr unter dem Hochamte ward sie


[S. 23] über die Straße nach ihrer Wohnung – und auf ihr geliebtes Zimmerchen – getragen – Wie sie allda in ihr Bett gelegt war, sagte sie "jetzt bin ich in meinem Himmel!" u[nd] war heitern Gemüths ungeachtet ihrer großen Schwäche. –

E. Befinden der E[mmerich] nach ihrer Befreiung als unmittelbare Folge. Sie erscheint als todt.

Über den fernern Verlauf in Hinsicht auf die E[mmerich] erfährt man von Augenzeugen Folgendes:

Am 30. hatten die Maale an den Händen und Füßen die Farbe der Hortensia,1) nur das obere Maal des linken Fußes hielt noch die roth braune Kruste, wie sie sich vor drei Wochen zeigte. – Übrigens fuhr die Emmerich die ersten vier Tage nach ihrer Befreiung mit den Nahrungsmitteln fort, die sie in der Gefangenschaft zu nehmen gelernt hatte. Indeß eine solche Kraft des Geistes bei der Schwäche des vegetativen Lebens ließ den Kenner in Hinsicht auf den Ausgang fürchten.

Am Donnerstag den 2. Sept[ember] befand sie sich höchst elend.

In der Nacht vom 2ten auf Freitag den 3ten ward Kreisphysikus Wesener zwischen zwölf und ein Uhr zu ihr gerufen. ein hypokratisches Gesicht, Lippen weiß, Augen gebrochen, Marmorkälte über den ganzen Leib, gelähmt, offen der After, aus dem eine dünn breiigte, äußerst stinkende Materie abfloß – ohne Lebenszeichen. – Alle halten sie für todt. – Der Beichtvater Limberg bethet – Indeß allmählich ließ der Herr sie wieder zu Athem, und zu sich kommen, so, daß man ihr die h[eilige] Kommunion und letzte Ölung reichen konnte. In der Folge folterte sie eine schreckliche Übligkeit, welche in ein Erbrechen einer eben so übel riechenden Masse, wie die

1) Noch an jedem Freitage, auch während der obigen Gefangenschaft, erschien die Farbe derselben bis zur feurigen Rosenröthe gesteigert, ohne zu bluten.


[S. 24] obige war, endete. Der Puls so dünn, wie ein Haar. Ihr Arzt ließ ihr jetzt warme aromatische Wein-Umschläge auf den Unterleib legen, und empfahl Ruhe. Das Erbrechen legte sich auch am Morgen; es kehrte wieder einiges Gefühl in den Unterleib zurück, aber der Durchfall hielt noch den ganzen Freitag und zum Theil noch den folgenden Samstag an. – Das von ihr Gegangene mogte wohl im Ganzen eine Maaß betragen haben.1)

Jetzt lebt die Emmerich nur wieder fast von Wasser, und befindet sich ziemlich dabei.

Am Maria Geburtsfeste traf die Mitnonne Clara Söntgen ihre Freundin, gegen den jüngsten Besuch (eben vor ihrer Gefangennehmung) gerechnet, wie ein Skelett abgemagert, sah ihre Augenlieder blau, doch ihr Auge wieder so lebhaft wie je.

Das Nönnchen A.K. Emmerich, (was sollte mich abhalten, meine Privatansicht jetzt geradezu auszusprechen!) dieses heroische, hochbegnadigte himmlische Mädchen, lebt wieder, wie die Alpenblume, die keine Mistjauche und Sumpfluft verträgt, von reiner Luft, Himmelsthau und den Strahlen der Gottes-Sonne. – Bald vielleicht, bald wird ihr Geliebter, der himmlische Gärtner sie der zarten Fäden, wodurch sie noch so eben mit der Erde zusammenhängt, entlösen, und verpflanzen in sein Paradies als Himmelsblume. Wenn ich ihn nur habe etc. Novalis Lied.

F. Bitte an die Regierung

Das Publikum ist gespannt auf die Erhaltung der Protokolle, wie der verschiedenen von der Regierung am Ende abgeforderten Gutachten der Mitglieder der angeordneten Kommission – in Betreff der Emmerich,

1) Ohne Zweifel der Rest der während der Gefangenschaft zum Theil eingeschwatzten, wegen Schwäche der Verdauungskraft unverdaulichen und unbezwingbaren, und deshalb fast in Fäulnis gerathenen Nahrungsmittel.


[S. 25] um in Stand gesetzt zu werden, das Endurtheil selbst fällen zu können.

G. Zur etwaigen Beurtheilung des Standpunktes ihres Geistes dienen dem Leser, der sich für die Emmerich interessirt, die Angabe ihres jetzigen Lieblingsbuches. Eine Stelle daraus – Ihr zum Trost, – macht den Schluß.

Ich schließe mit einer Stelle aus der Emmerich Lieblingsbuch, Joh[ann] von Bernieres Louvigni: Das verborgene Leben in Christo in Gott – Blumenlese 69.: "Um nach Gottes Sinne zu wirken, sind Dir Verachtung, Armuth, Widerwärtigkeit, Freuz und Feinde unentbehrlich; denn je mehr du leidest, desto mehr wirst du wirken; je mehr du von allem los bist, desto reicher wirst du in Gott."

Münster, den 30. Sept[ember] 1891

Th[eodor] Lutterbeck, Arzt

Obige Angaben, in so weit sie mich betreffen, kann ich erforderlichen Falls eidlich erhärten.

Eigenhändig

Frau Wiltner


[S. 26]

 

Beilage N[ume]ro I

(Rhein[isch] westf[älischer] Anz[eiger] N[ume]ro 53, S. 1043.)

 

Erklärung und Nachricht, die Nonne zu Dülmen betreffend

Der Herr Medizinalrath und Professor B[ernard] Bodde hat sich in Gesellschaften ausgelassen, daß in der Stelle seines kürzlich erschienenen Sendschreibens an H[er]rn Dechant Rensing Seite 11 L[inie] 15-19 ich derjenige sei, der vor der Nonne A.K. Emmerich niedergefallen, sie anzubeten und ihre Maale zu küssen. Ich ging im Jahre 1818 an einem Freitage zu ihr, um diese merkwürdige Erscheinung zu schauen. Ich glaube ruhig beobachtet und richtig gesehen zu haben; ruhiger vielleicht, als Prof. B[odde], der sein mitgebrachtes Vorurteil1) selbst noch in obiger jüngster Schrift gesteht. Von einem Anbeten und Küssen der Maale ist mir auch kein Gedanke eingekommen; ich kann mich in dieser Hinsicht auf das Zeugniß eines wahrhaften Augenzeugen, des Münsterischen Dompredigers Kanonikus Koch berufen. – Der Katholik, Gott allein anbetend, verehrt in den vollendeten, von der Kirche anerkannten Heiligen – die Lieblinge Gottes; religiöse Anbetung noch lebender Personen kann ihm nicht einfallen.

 

Das ist aber der Hergang meiner damaligen bei diesem bis jetzt einzigen Besuche gemachten Beobachtung, so wie ich sie gleich nach meiner Rückkehr dem Her[r]n Prof. B[odde] nebst vielen andern mündlich mitgeteilt habe. Das Maal der rechten offen vor mir liegenden Hand stellte einen runden, mir der Haut gleiche, schön rothen Flecken dar, der so wie

 

1) In unserer alten Münsterischen Physik entlehnt Bruchhausen von Muschenbrock die den künftigen Geschlechtern überlieferte Hauptregel des Beobachtens, non praeoccupato animo zu sein.


[S. 27] die übrige Haut ganz sauber, und dem Ansehen nach trocken war. Ich gestehe, dieß erregte in mir die Ahnung, daß ich jetzt Gelegenheit haben würde, (und zwar bei Verreisung des franz[ösischen] Geistlichen, H[er]rn Lambert), das Entstehen des Blutes der Maale unter meinen Augen, und bei hellem Lichte zu schauen. Ich stellte deßhalb mit voller Ueberlegung mich mit dem H[er]rn Kreisph[ysikus] Wesener an den Fuß ihres Bettes u[nd] schaute beinahe nicht weg von dem Maale der in ungeänderter Lage vor mir ruhenden Hand. Nach etwa ¾ Stunde, die wir in freundschaftlichem ruhigen Gespräche1) verbrachten, bemerkte ich auf der runden, rothen, vorher trocknen u. ebenen Stelle – feine Pünktchen, die nach und nach zunahmen. Es schien mir über eine Viertelstunde zu dauern, als die Tröpfchen unterhalb des Maales in einen Tropfen sich vereinigten. Jetzt nahm ich den Tropfen zwischen meinen Fingern, und zeigte dem H[er]rn Koch wie H[er]rn Wesener die wässerigte blutige Feuchtigkeit. Darauf wurden uns die übrigen, bis jetzt verdeckten obern und untern Maale der Hände wie der Füße vom H[er]rn Kreisphysikus Wesener offen gedeckt, und ich fand sie alle im selbigen Grade mit einem blutigen Tropfen versehen. Reiner kann doch niemand das Entstehen der Blutung dieser Maale unter seinen Augen zu schauen verlangen, als H[er]r Wesener und ich bei dieser Gelegenheit! – Ich bin mirs bestimmt bewußt, daß ich bei meinem Besuche keine Rührung empfand, die mich im ruhigen Beobachten hätte stören können; auch hat mir Herr Koch noch nachher versichert, daß er an mir solche nicht bemerkt, sondern vielmehr eine auffallende Ruhe und Kälte während dieser ganzen Zeit der Beobachtung.

 

Christtag 1818 hörte das Bluten der Maale in den Händen u[nd] Füßen der Jungfer E[mmerich] auf; seit Charfreitag 1819 aber

 

1) Aus diesem erinnere ich mich dieser Aeusserung, der A K. Emmerich. Da der Prof. B[odde] wegen seines Verfahrens getadelt wurde, sagte diese, "in so weit Bodde seine Ueberzeugung ausspricht, muß man ihn ehren. Das Einzige, was mich tief kränkt, ist, daß meine Umgebung auf solche Art angegriffen wird."


[S. 28] bluten auch sie wieder jeden Freitag, und seitdem kann die Jungfer E[mmerich], wie sonst während vier ununterbrochener Jahre, nur Wasser genießen und vertragen, obgleich sie Anderes zu sich zu nehmen zuweilen versucht.

 

Möchte doch eine hochpreisliche weltliche Regierung, in Verbindung mit der dazu erbietigen geistlichen Behörde, eine hinreichend fortgesetzte, zu Resultaten führende, legitime Untersuchung über die – die gegenwärtige, wie künftige Menschheit interessirende – Welt-Seltenheit in Betreff dieser Nonne, nicht länger verschieben!

 

Uebrigens ist es mir ernstlich um Wahrheit zu thun, und ich gestehe unumwunden, ich bin eben so weit entfernt davon, jede Begebenheit, wozu nicht sofort der Schlüssel unter den bekannten Naturerscheinungen zu finden ist, für ein Wunder zu halten, als von der Wunderscheu unsers Zeitalter, das da wähnt, daß die Hand des Herrn jetzt verkürzter sei, als zu der Väter Zeiten.

 

Averbeck
bei Münster den 15. Mai 1819


Theodor Lutterbeck, Arzt

 

Berichtigung

(Rhein[isch] westf[älischer] Anz[eiger] N[ume]ro 61, Seite 1198.)

 

Die in Nro. 53. eingerückte Nachricht die Nonne zu Dülmen betreffend

 

Nach einem Schreiben des H[er]rn Kreisphys[ikus] Wesener zu Dülmen, vom 18. d[es Monats] ist es zwar wahr, daß die Maale um Weihnachten 1818 zu bluten aufhörten, und daß sie am Charfreitag 1819 wieder bluteten; aber seit der Zeit bluten weder die Hand noch die Fußmaale mehr, wohl aber, blutet das, der Schau weniger ausgesetzte Maal auf rechten Brust des Freitags; ja es sind fast alle Spuren jener Maale verschwunden.

 

Ich eile, diese Berichtigung meiner Nachricht dem Publikum mitzutheilen.

 

Averbeck. Dr. Lutterbeck.


[S. 29]

 

Beilage N[ume]ro II

(Beil[age] zu N[ume]ro 72 des Rh[einisch] westf[älischen] Anzeiger[s])

 

Tagesgegenstände

 

Die Nonne zu Dülmen1)

An den Herausgeber des Rhein[isch] westf[älischen] Anzeigers

(Auf Verlangen eingerückt.)

 

Gewiß ist ihnen über einen sich unter dem 7. d[es Monats] in hiesiger Stadt ereigneten Vorfall, der viel Aufsehen gemacht hat, nämlich die gewaltsame Transportation der ehemaligen Chorjungfrau Anne Katharina Emmerich, aus ihrer bisherigen Wohnung in das Haus des Herrn Amtsratsmeister Mersmann, um da eine neue Untersuchung in Hinsicht ihres körperlichen Zustandes zu bestehen, eins oder andere zu Ohren gekommen. Wenn es aber schon bei gleichgültigen Dingen so schwer ist, das Geschehene oder Gehörte so ganz unbefangen, wo ohne doch jedes Faktum nicht mehr das nämliche bleibt, andern hinzugeben, so befürchte ich wohl mit Recht, daß in diesem Fall, der eine Person betrifft, die Gelehrte und Richtgelehrte, Priester und Laien, den Mann wie das Weib, selbst Kinder, die über ein ihnen erzähltes Faktum ein Urtheil fällen können, pro oder Contra

 

1) Für diejenigen unsrer Leser, denen vielleicht der Gegenstand unbekannt, bemerken wir; daß schon seit einer Reihe von Jahren eine ehemalige Nonne zu Dülmen A.K. Emmerich durch die Wundmaale Christi, welche Sie an ihrem Leibe haben, und welche alle Freitage bluten sollen, im ganzen Münsterlande und selbst in einem Theil des entfernten Deutschlands außerordentliches Aufsehen erregt, und selbst einen lebhaften literarischen Kampf zwischen Hrn. Prof. Bodde und H[er]rn Dechant Rensing veranlaßt hat. Die Sache wird jetzt von einer eignen, dazu auf höhern Befehl ernannten Kommission, an deren Spitze der in jeder Hinsicht ausgezeichnete Landrath, H[er]r v[on] Bönninghausen steht, untersucht, u[nd] wie wir hoffen, werden wir unsern Lesern über die Resultate dieser Untersuchung bald authentische Nachrichten mittheilen können.

Um daß hier erzählte Verfahren der Untersuchungskommission übrigens näher zu beurtheilen, bemerken wir noch, daß die Gegner die Erscheinung an der J[ungfer] E[mmerich] hauptsächlich den Einwirkungen ihrer Umgebung zuschreiben, und daß es daher durchaus nothwendig erschien, sie aus dieser zu entfernen, um zu reinen Resultaten gelangen zu können. d[er] H[erausgeber]


[S. 30] hinreißt, Uebertreibung oder Beschönigung statt finden könne. Diesem zuvorzukommen, auch meine Mitbürger denen man hier Aufruhr, Unruhe, oder sogenannten tumultuarischen Geist zur Last legen wollte, zu vertreten, ist mein Wunsche; und wenn ich mich nicht scheue, diese faktische Erzählung geradezu unter meinem Namen dem Publiko zu übergeben, so sei das wenigstens ein Beweis, daß ich Wahrheit sagen wolle. – Ich übergebe Alles, was bereits in Hinsicht dieser merkwürdigen Person von geist- und weltlichen Obrigkeiten unter der franz[ösischen] und preuß[ischen] Landesherrschaft zur nähern Beleuchtung der auffallendsten Umstände ihrer Krankheit u[nd] s[o] w[eiter] veranstaltet worden ist, was auch mehr und weniger aus den deshalb erschienenen Schriften eines H[er]rn Prof. v[on] Druffel und Bodde in Münster, Dr. Ennmoser u[nd] Kluge in Berlin, Pastor Behrens in der Gemark, unseres H[er]rn Dechanten Rensing und mehrerer anderer, die mir nicht zu Gesichte gekommen sind, bekannt ist: und könnte ich gleich meine Erzählung anfangen, wenn ich nicht des Zusammenhanges wegen, den ich wenigstens glaube annehmen zu können, einer früheren Erscheinung erwähnen mußte.

Ich nehme nämlich an, daß das was jetzt geschehen ist und weiter geschehen wird, unmittelbare Folge dieser früheren Erscheinung ist. – Gegen das Ende v[ergangenen] J[ahres] 1818 soll von Berlin aus eine nähere Untersuchung der J[ungfer] Emmerich decretirt, auch deshalb das Nöthige dem H[er]rn Oberpräsidenten v[on] Vincke in Münster mitgetheilt worden sein, derselbe auch das Nöthige deshalb schon beordnet haben dieses ist mir zwar nur aus desfalsigen allgemeinen Gerüchten bekannt, aber sehr wahrscheinlich, indem aus einem Schreiben des Herrn Oberpräsidenten v[on] Vincke an unsern H[er]rn Amtsrentmeister Mersmann, welches, ich weiß nicht durch welchen Zufall gleich nach dem ersten Besuch des H. Kreisphysici Rave u[nd] des H[errn] Roseri zu einiger Publicität gekommen, und aus des H[errn] Mersmann eigenen Aeußerungen erhellet, daß das Quartier bestellt war, eine Kommission hier eintreffen, u[nd] gesagte E[mmerich] zwischen 12 u[nd] 1 Uhr Nachts, wo


[S. 31] nöthig mit Gewalt aus ihrem zugesagten neuen Lokale sollte geführt u[nd] von ihrer ganzen Umgebung losgerissen werden. –

 

Als plötzlich ein Paar Tage nach dem Feste der Geburt unseres Heilandes bei der Kranken die Blutungen an Händen, Füßen und in der Seite aufhörten, und keine regelmäßige Verblutung mehr eintrat; – und die Untersuchungskommission traf wahrscheinlich aus Mangel eines Gegenstandes der Untersuchung nicht zu der bestimmten Zeit ein.

 

In Münster entstanden deshalb mancherlei alberne Gerüchte, und man wollte jetzt von dem schon mehrmal schrift- und mündlich behaupteten Betrug, und von diesem Machwerk vollkommen überzeugt sein, welches nach erhaltener Nachricht einer neuen bevorstehenden Untersuchung sofort solle geheilet sein. – Ich bin nicht Arzt, begreife wohl, wie man durch scharfe Instrumente u[nd] ätzende Mittel Wunden machen, auch solche, wenn man will, durch Kunst geschwind wieder heilen kann, aber nicht die Möglichkeit, Wunden, die seit 6 und mehreren Jahren offen sind, die keine Verwundung zum Grunde haben, und wobei das erscheinende Bluten ein wahres örtliches Blutschwitzen sein soll, so ex abrupto, wenn man glaubt, daß die Umstände es nöthig machen, in einer Stunde oder Nacht heilen zu können. –

 

Der höhere Befehl war aber einmal da, und es sollte etwas geschehen, u[nd] so erschienen der H[er]r Kreisph[ysikus] Rave aus Ramsdorf u[nd] ein gewisser Priester Roseri, Curatvikar aus Legden mit gehöriger Instruktion an unsern H[er]rn Bürgermeister. –

 

Freilich wurde der erste Versuch einer Untersuchung oder Beobachtung von Seiten des H[er]rn Rave, da er nicht in gehöriger Form vorgetragen wurde, von der Kranken abgewiesen; nachdem aber unser H[er]r Bürgermeister, diese näher mit seinem Kommissario bekannt gemacht hatte, ließ sie sich in dieser Rücksicht alle Nachfrage gefallen, und unterzeichnete ohne allen Scheu das über alle Fragen und Antworten ausgestellte Protokoll. – Das Schreiben, womit der Herr Rave diese Protokoll an die Regierung selbst, oder den H[er]r R[egierungs] R[ath] Borries, u[nd] wiederum an den H[er]rn Prof. Bodde beglei-


[S 32] tete, und seine desfalsigen mündlichen Aeußerungen gaben zu machen abendtheuerlichen Behauptungen u[nd] Raisonnements Veranlassung, die ich übergehe; indeß erfolgte ungeachtet derselben nichts gegen die E[mmerich] und 6 bis 7 Monate gingen ruhig dahin, als es auf einmal hieß, daß eine neuere organisirte Kommission, mit höheren Vollmachten unterstützet, hier eintreffen sollte. – Mich rührte dies so wenig, daß nur gelegentlich etwa in einem Gelage, daß sich nähernde vernahm, und konnte ich mich nicht einmal entschließen, deshalb die Beabsichtigte oder einen ihrer Umgebung zu befragen, indem ich von dem Grundsatz ausging, daß wo kein objectum litis wäre, auch kein Prozeß statt finden könne; als am 3. d[es Monats] unser Herr Landrath v[on] Bönninghausen, der H[er]r Pastor Roling aus Münster, der H[er]r Kreisph[ysikus] Rave aus Ramsdorf und der H[er]r Medicin[al] Doktor Busch aus Münster hier wirklich eintrafen. – Erst jetzt und wie ich hörte, daß wenn alle gütlichen Versuche bei der Emmerich scheitern sollten, sie mit Gewalt aus ihrer bisherigen Wohnung sollte transportirt werden, wurde ich aufmerksamer, und gab mir von nun an Mühe mich mit dem Gange der Geschichte, die da kommen sollte und könnte, bekannt zu halten. – Als ein einfacher hier auf Zimmern zurückgezogener Mann, in keiner Bransche des großen Staates angestellt, konnte ich offiziell wenig erfahren; was ich demnach sage, beruhet bloß auf eigenes hören und sehen, und combination der einzelnen Umstände. – Nun weiter zur Geschichte. Noch am nämlichen Abend am 3. erhielt die Kranke einen Besuch von dem H[er]rn Landrath und H[er]rn Roseri, wo ihr der Antrag gemacht wurde, entweder den H[er]rn Lambert (ein französischer Priester, der seit 10 und mehrere Jahre sich ihrer schon in ihrem klösterlichen Leben als Freund angenommen hatte, und seitdem zu ihrer Umgebung gehört) und ihre Schwester, die sie zu ihrer Bedienung schon mehrere Jahre um sich hat, zu beseitigen, oder ihr Lokale zu verlassen, und sich einer Transportation zu


[S. 33] unterwerfen; am Mittwoch Morgen wiederum einen Besuch vom H[er]rn Landrath, Prof. Roling u[nd] H[er]rn Vic[ar] Roseri, wahrscheinlich von Seiten des Ersteren mit dem nämlichen Antrage; am Donnerstag war sie sich allein überlassen. – Diese Besuche hatten übrigens zu wenig Auffallendes für die Kranke, wie sie Interesse für den Leser haben können, um einer besondern Auseinandersetzung zu bedürfen, die wichtigsten waren die des H[er]rn Landrathes, der, wie obgemeldeter Antrag sofort von der Kranken verworfen wurde, sich jetzt alle mögliche Mühe gab sie dahin zu bereden, sich der folgenden Transportation u. einer neuen Untersuchung freiwillig zu unterwerfen; erstere wurde mit dürren Worten abgelehnt, indem sie sich auf ihren bisherigen Arzt, H[er]r Kreisph[ysikus] Wesener berief, der schon mehrmalen behauptet hatte, daß die Kranke nicht ohne Lebensgefahr transportirt werden könne, auch dieses auf eine ihm jetzt vom H[er]rn Landrath zugehende Aufforderung über eine solche Transportation seine Meinung einzuschicken, bestimmt wiederholte. – Am Freitag, circa 11 ½ Uhr Vormittags kamen der H[er]r R[egierungs] R[ath] Borries u[nd] der H[er]r Hofrath Münstermann von Münster, und traten am Posthause ab. Ersterer kam wahrscheinlich mit strengeren Befehlen auf Veranlassung der nach Münster berichteten Erklärung der Kranken u[nd] ihres Arztes. – Der Herr R[egierungs] R[ath] hat bei der Regierung das medicinische Fach. Letzerer ist praktischer Arzt und Magnetiseur.

 

Nach dem ersten Empfange im Posthaus wurde ersterer ungefähr dahin angeredet; Sie H[err] Reg[ierungs]-Rath kommen wahrscheinlich auch um unserer geistl[iche] Jungfer E[mmerich] hier, es heißt, sie soll transportirt werden, aber unser H[er]r Kreisphysikus glaubt nicht, daß sie im Stande sei, solches zu überstehen: – Dabei habe ich kein Bedenken, antwortete der H[er]r R[egierungs] R[ath], ich würde mit dem Mädchen schon fertig werden, und nicht spassen, ich brächte sie, wenn ich


[S. 34] wollte, mit Gendarmen nach Berlin, ohne daß sie davon den geringsten Schaden leiden sollte. – Beide Herren gingen kurz Vormittag zu der E[mmerich] um sie auch dahin zu bereden, sich freiwillig in das Haus des H[er]rn Mersmann transportiren zu lassen. Die Unterhaltung selbst übergehe ich, gewiß aber ist es, daß sie dem R[egierungs] R[ath] (der H[er]r Hofrath hat sich sehr passiv benommen) auf alle seine Fragen mit Anstand und Freimüthigkeit geantwortet hat, seine Antwort schuldig geblieben ist, und da ihr der Besuch und das viele Reden zu lange dauerte, u[nd] am Ende lästig war, ihn mit Höflichkeit gebeten hat, still zu schweigen, und sie zu verlassen. –

Dieser Besuch und die gleich ruchbar gewordenen Aeußerungen des H[er]rn R[egierungs] R[ath] Borries am Posthaus machten die Besorgniß der gedroheten Transportation, und daß selbe auch mit Gewalt würde versucht werden, von Stunde zu Stunde sich vermehren, und die wahren Freunde und Anhänger der Emmerich, wie der Ordnung und Ruhe traten und des einen wie des andern Willen nun zusammen, um zu überlegen, ob nichts zu thun und zu versuchen wäre; das Resultat war durch eine Protestation und Anrufung des Gesetzes der Gewalt zuvorzukommen, und wurde der hiesige königl[iche] Justiz-Kommissar Reuß ersucht, solche auszufertigen, die dem H[er]rn Landrath von Bönninghausen als Präses der Kommission sollte übergeben werden.

 

Bis solche fertig, und das desfalls Erforderliche besorgt war, wurde es Abend, da gesagtem H[er]rn Landrath zwei gleichlautende Abschriften der Protestation etc[etera] überreicht wurden; er nahm solche an und versprach feierlich die Präsentation derselben, da er in dem Augenblicke nicht die Zeit habe, beide Copien zu collationiren, baldmöglichst nachzutragen, was wie ich glaube auch geschehen ist. Ich und alle redlich gesinnte benuzten diese Protestation und Annahme derselben, als Mittel alle und jede, die aus Neugier und Theilnahme für


[S. 35] die Sache sich am Abend sehen ließen, zu beruhigen, indem wir von dem Grundsatz ausgingen, daß nach eingelegter dieser Protestation aller Gedanke von Gewaltthätigkeit, den der Gelehrte nach dem Gesetze, der natürliche Menschenverstand nach Recht, Billigkeit u[nd] Menschenrechten sich unmöglich dachte, verschwinden würde. – Ich selbst ganz davon überzeugt, legte mich ruhig hin, als zwischen 11 und 12 Uhr des Nachts von einem Gensd’armen, der einen seiner Kammeraden, der in dem Hause, welches ich mitbewohne, einquartiert war, gewecket, aufstand u[nd] von diesem erfuhr, daß er die Ordre habe sämmtliche seiner Mitbrüder zum Sammelplatz zu beordern. Ich staunte, da ich so die Gewalt sich nähern sah, kleidete mich und ging zum Hause der Kranken, neugierig, den Gang der Geschichte zu beobachten, und wenn ich nichts anders thun könnte, ihr ein Lebewohl auf der Reise mitzugeben. – Ich fand viele Menschen da versammelt, den Ausgang der Sache abzuwarten. – Die Gensd’armerie war in voller Bewegung, und wenn gleich nur in einer Entfernung von 20-30 Schritt vom Hause der Kranken, doch sehr beschäftiget. Einzeln kamen sie dahin, um mit unserm Stadtpolizeidiener, der allda stationirt war, Rücksprache zu nehmen, aber keinem wurde die wahre Empfindung des Publikums bemerkbar, wenn er nicht gleiche Empfindungen theilte.

 

Um Mitternacht erschien der Herr Landrath, der Herr R[egierungs] R[ath] Borries und der H[er]r Dr. Busch, sie gingen geradewegs herauf zur Thüre, die zum Quartier der Kranken führt, pochten an, um eingelassen zu werden, kehrten aber, nachdem sie eine geraume Zeit gepocht hatten, ohne Eingang zu finden, zurück. – Wie sie unten in die Küche der Wirthes kamen, ersuchten sie selben, ihnen die Zimmer nach der Straße hin zu zeigen, fanden solche zu einer neuen Beobachtung und


[S. 36] Untersuchung sehr passend, und gingen, nachdem der H[er]r Landrath den Wirth gefragt hatte, ob er solche wohl zu gesagtem Zwecke auf eine Zeitlang hergeben wollte, auf erhaltene bejahende Antwort wieder von dannen. – Die Besichtigung dieser Zimmer hatte den günstigen Erfolg, daß jeder wähnte, die Transportation solle doch nur von einem Lokale im andern, unter dem nämlichen Dache statt finden und war sehr beruhigend. – Indessen blieben immer noch viele Menschen versammelt, welche die folgenden, sich widersprechenden Gerüchte über die Stunde, da man zugreifen wollte, noch beieinander hielten, bis der Tagesanbruch jedem zu seiner Arbeit abrief. – Ich legte mich 1½ Uhr nieder; früh am anderen Morgen hörte ich, daß 8 Uhr bestimmt die Transportation auch mit Gewalt vor sich gehen sollte. Ich suchte hierüber von allen Seiten mehrere Nachrichten einzuziehen, und da alles auf die 8te, dazu festgesetzte Uhr überein kam, zauderte ich nicht, zu der Verlassenen zu gehen, um mich wenigstens im Stande zu setzen, einstens vor dem kompetenten Richter Rechenschaft ablegen zu können von dem, was sich zugetragen hätte. Es war 7 ½ Uhr, als ich da kam. Nach dem ersten Gruße frug ich die Kranke, was sie denn beschlossen habe? Sie sagte: Ich bin in der äußersten Verlegenheit, der H[er]r Landrath ist bei unsern H[er]rn Dechanten gewesen, daß er mich bereden möge, mich freiwilllig der Transportation und einer neuen Untersuchung zu unterwerfen, er ist deshalb auch bei mir gewesen, ich weiß nicht, was ich thun soll. – Zu wenig Beruf in mir fühlend, ihren Entschluß zu bestimmen, erwiederte ich: aber die Zeit ist kurz, es muß doch ein Entschluß gefaßt werden.– Nein sagte sie darauf, nie gebe ich mich freiwillig, ich beharre bei meiner Protestation (in dieser hatte sie sich freiwillig allem unterworfen, aber unter gewissen Bedingungen, so der Beibehaltung ihres Beichtvaters und Arztes der recusation des R[egierungs] R[aths]


[S. 37] Borries, H[er]rn Rave u[nd] s[o] w[eiter]) bat mich bei ihr zu bleiben, u[nd] den H[er]rn Justiz-Kommissär Reuß zu ersuchen, doch ferner Alles, was er für sie thun könne, zu bewerkstelligen. Ich bleibe in jedem Fall bei ihnen, erwiederte ich, bis sie weggeführt werden, und werde in dem Augenblick ihre Aeußerungen wahrnehmen, um, wo nöthig ein Zeugniß darüber ablegen zu können. Darauf trat der H[er]r Landrath ein, der sich, aber vergebens, wieder alle Mühe gab, sie zu einer gutwilligen Einwilligung zu dem bevorstehenden Schritt, zu bewegen. Die Kranke wiederholte jetzt, wie vorher ihre Gesinnungen gegen mich und drei andere, die mit mir zu gleichem Zweck zugegen waren. Worauf der Herr Landrath sich wieder entfernte. – Jetzt kam die Frage vor, ob man, wenn selber wiedergekommen wäre, allen denen, welche um die gedrohte Gewalt zu gebrauchen, erscheinen würden, Thüren und Fenster verschließen und das wirkliche Einbrechen derselben und die weitere Gewalt an die Person selbst abwarten, oder ob man sich mit der, dem H[er]rn Landrath am vorigen Abend eingelegten u. diesen Morgen von der Kranken wiederholten Protestation begnügen sollte? Die Meinungen waren darüber geteilt; mehrere von uns auf dem Krankenzimmer u[nd] der größte Theil der auswärtigen Zuschauer und Theilnehmer waren für erstere Meinung, indem sie glaubten, daß das durch ein größeres Recht die obere Justizbehörde anzurufen, begründet werde; ich und noch ein anderer stimmten dagegen, in der Meinung, daß Gewalt an einer wehrlosen elenden Person verübet, schrecklicher sey, als die an Thüren und Fenster ausgeübet werden könne, indem wir auch berechneten, welche nachtheilige Stimmung ein solches Verfahren auf die Gemüther des von allen Seiten des Hauses versammelten Publikums machen könne; und Thüren und Festern blieben offen. – Der Herr Landrath kam zurück, und nachdem er zuerst mit der Kranken gesprochen, wandte er sich zu uns, in-


[S. 38] dem er sagte: der noch etwas zu protestiren habe, möge es thun, da er keine Zeit zu verlieren habe, u[nd] vermöge seines Auftrages voranschreiten müßte. Ich nahm das Wort, indem ich mich die ihm gestern Abend eingereichte Protestation bezog, diese wiederholte, und auf die Kranke weisend, ihre noch so eben wiederholte Protestation anführte, und demselben schließlich ersuchte, wenn keine Abänderung mehr getroffen werden könne, so geschwind als möglich vorzuschreiten, da jede Verzögerung nachtheilig wäre für das Leiden der Kranken, für die Stimmung des versammelten Publikums, u. die Empfindung ihrer wahren Freunde und Theilnehmer.

 

Man wickelte sie nun in Bettücher ein, da sie nicht wohl umgekleidet werden konnte, die Zeit auch solches nicht erlaubte, und der H[er]r Landrath faßte mit eigenen Händen die Kranke um die Schultern; eine Frau, welche die Kommission zur künftigen Bedienung der Kranken mit von Münster gebracht hatte, ihre Füße, und so wurde sie die Windeltreppe hinunter nach die Scheune getragen auf ein für sie bereit stehendes Bett; ich folgte nach, legte ihr noch auf dem Bett den Kopf in einer mir passend erscheinenden Richtung, u[nd] ging, nachdem der Stadtpolizeidiener mit drei andere das Bett zum weitern Fortbringen aufgehoben hatten, ab. – ich bemerkte mit Vergnügen, daß die Kranke in dem Augenblicke, da man anfing sie einzuwickeln, in dem sogenannten cataleptischen Zustand geriet, der sie von Allem, was mit ihr vorging, und von der Reise, welche Sie machen sollte, nichts empfinden ließ. – Der Zug schritt nun in der schönsten Ordnung voran, ihn schloß der Gensd’armerie-Lieutenant mit seinen Leuten, aber gewiß mehr dem Ganzen ein noch ernsteres Ansehen zu geben, als um gedrohete Ruhe zu sichern, die nicht durch ein Wort des Unwillens oder empörten Gefühls, wohl aber durch das Weinen und Schluchzen hunderter Zuschauer, die ihre Empfindung nicht unterdrücken wollten, unterbrochen wurde.


[S. 39] Was nun weiter mit ihr geschieht und geschehen soll, wird die Zeit uns lehren, ich befasse mich damit um so weniger, da wir wohl nicht eher, als bis die Kranke sich selbst wiedergegeben, was wirklich geschehen ist, erfahren werden. – Wenn ich hier, wo, um das Geschehene richtig zu fassen und zu beurtheilen, es gewiß auf die kleinsten Umstände ankommt, weitläufiger gewesen bin, als es mancher meiner Leser nöthig erachtet, so bitte ich ihn, dies meinem einseitigenen Gefühle und meiner Ansicht der Sache zu entschuldigen, und dabei in Anschlag zu bringen, daß ich kein Gelehrter bin, dem das Schreiben und das öffentliche Auftreten vor das Publikum gewöhnt, die strengste Auswahl der Worte und Umstände zu Gebote steht. – Ich schließe mit der Bemerkung, daß der Herr Kreisphysikus Wesener, der seit 7 Jahren und länger die Kranke täglich und mehrmalen besucht, und als Arzt allein behandelt hat, von der Kommission bei Allem, was bis jetzt geschehen, nicht zu Rhathe gezogen, und ihm nur noch am nämlichen Abend der Transportation ein Besuch bei der Kranken zugestanden, solche Besuche aber für die Folge verbeten wurden: daß auch vom 10. d[es] M[onats] an ihrem bisherigen Beichtvater aller Zutritt zu ihr untersagt, ihrer ehemaligen Mitschwester der Jungfer Neuhaus, die noch mehrere Tage sie besucht, und sie kleiden und umbetten geholfen hatte, wie ihrer leiblichen Schwester, welche sie seit ihrer Wegführung einmal besucht hatte, an die Hand gegeben wurde, nicht ferner zu kommen; und alles dieses gegen das ausdrückliche Versprechen des H[er]rn Landraths v[on] Bönninghausen. – Auch kann ich für faktische Berichtigung der Umstände noch hinzufügen, daß die 3 oben erwähnten Herren Priester wenig Theil an der Untersuchung genommen haben, die Sie einige Tage, nachdem diese angehoben war, auf Veranlassung des Generalvikariats einer nach dem andern davon gingen – und das von den Vollmachten der nun agirenden Kommission weder der


[S. 40] Kranken, noch einem ihrer Umgebung etwas vorgewiesen ist; solche müssen indessen sehr ausgedehnt gewesen seyn, wenn man den im Umlauf gekommenen Aeußerungen des H[er]rn Landrathes gegen unsern H[er]rn Dechanten, bei Gelegenheit, da er ihn ersuchte, die Emmerich dahin zu bereden, daß sie sich allem gutwillig unterwerfen möchte, einigen Glauben beimessen will.

 

Dülmen den 14. August 1819

A[lbert] v[on] Schilgen.

 

Die Einsendung obiger Gesichtserzählung wurde einzig durch einen Freund von mir und der Emmerich veranlaßt, der befürchtete, daß die frühere Erscheinung derselben der Kranken auf irgend eine Art nachtheilig sein könne, und glaubte, daß die Kommission früher schließen würde; da dieses nun geschehen, erfolgt sie allen Anstand – heute morgen nach 10½ wurde die Kranke wohl  eingwickelt und mit einem Mantel bedeckt während des hohen Amtes durch die Magd des Herrn Mersmann in ihre alte Wohnung an ihr gewöhnliches Bett zurückgetragen. – Der H[er]r Landrath begleitete sie, ihr folgten zwei H[er]rn Aerzte – auch hier geschahe alles in der schönsten Ordnung und Ruhe – den Antheil, den jeder Unbefangene hieran nahm und die allgemeine Freude vermag ich nicht zu schildern, jeder rasonnirte, daß wenn aus dieser 3 Wochen und 24 Stunden fortgesetzten Untersuchung und den abgehaltenen Verhören irgend etwas zum Nachtheil der Emmerich, was sie zu einer Betrügerin, oder zu einer Betrogenen machen könne, hervorgegangen wäre, man sie nicht wieder auf freiem Fuße gesetzt haben.

 

Dülmen den 29. August 1819.

A[lbert] v[on] Schilgen


[S. 41]

 

Beilage N[ume]ro III

 

Veranlassung, die den Verfasser bewog, mit der Herausgabe obigen Schriftchens zu eilen, zugleich Rüge und Berichtigung

 

Der Aufsatz N[ume]ro 79, S. 1540 im Rh[einisch] westf[älischen] Anzeiger, angeblich von einem herumreisenden Juwelier, verräth einen Verfasser von der tiefsten Versunkenheit, und ich gehe ungern daran, den Unrath, womit er eine für den Denker wichtige Erscheinung auf die verworrenste Art darstellt, näher zu rühren. Wer des Verfassers Aufsatz unbefangen prüfet, wird irre, ob er in demselben den verschrobenen Kopf oder den verächtlichen Charakter mehr bedauern soll; denn der erste Eindruck wird unwillkührlich durch einige gelehrte Allegata und Floskeln veranlaßt, und der zweite dringt sich eben so unmittelbar auf, wenn die Tyraden selbstgefälliger Eitelkeit, durch die Kernsprüche eines Luzindischen Bootsmanns gesteigert erscheinen: beides in der irrigen Voraussetzung, als ließ sich durch dergleichen mit der Terminologie des Magnetismus und der neuesten Zeitphilosophie verbrämten Zoten der Beifall des Publikums erbuhlen. – Solche arme Wichte versetzen den in ihrem eigenen Auge befindlichen Balken vermittelst einer optischen Täuschung in das Auge des letztern der allenfalsige Splitter (in diesem Fall eine geringe aus freundschaftlicher Liebe begangene, möglichst die Kleinern ärgernde Unschicklichkeit) gänzlich verdeckt werden muß. Nämlich die schlichte Thatsache, die der schnöden und schamlos ausgemalten Verläumdung zum Grunde liegt, ist diese: der im obigen Blatte genug bezeichnete reine Freund leistet seit 7 Jahren täglich


[S. 42] bei der Umbettung der leidenden Dulderin hülfreiche Hand, und zwar läßt er während dem – ihren von Schwäche zusammenfallenden, wahrlich nicht fleischvollen, die Sinnlichkeit des unverdorbenen Mannes schlechterdings nicht ansprechenden, zarten Körper (der E[mmerich]) auf den Knieen ruhen, um ihren durch 24stündiges Liegen erhitzen Rücken einigermaßen abzukühlen und zur Verhütung des Aufliegens mit Spiritus zu waschen. Dieselbe Hülfsleistung ließ gedachter Arzt ihr auch am Abend ihrer Aufhebung im Mersmannschen Hause angedeihen; und äußerte sich in einem vertraulichen Schreiben an Einen der Kommissarien von der Nothwendigkeit einer derartigen Rückenlüftung. – Wer eine so schuldlose Handlung bis zum Sitten beleidigenden Schandbild verzerren kann, verräth sehr angegriffene Säfte, und ein so verdorbenes Gemüth, das man in seiner Nähe keinen heitern Humor, kein Gefühl für Menschenwürde behaupten kann, mithin nichts mehr davon: nur um der besser gesinnten Leser wegen annoch folgende Berichtigung:

 

Seite 1542 Lin[ie] 10  heißt es: "So sei im Anzeiger selbst von einem Arzte (Verf. zielt auf Th[eodor] Lutterbeck. S[iehe] Beil[age] N[ume]ro I) angekündigt worden: die Wunden bluten wieder, und als bald darauf das Gerücht einer wiederholten Untersuchung sich verbreitet, habe der nämliche ankündigende Arzt über Hals und Kopf geeilt, dem Publikum bekannt zu machen: die Wunden bluten nicht mehr."

 

Der wahre Verlauf der Sache ist folgender: wie nach Ostern 1819 die Mitnonne, Klara Söntgen von Münster einen Besuch zu Dülmen machte, sagte die E[mmerich] zu ihrer innigsten Freundin: "So wie jetzt das Blut hervorströmmt, (sie selbst meinte das auf ihrer Stirn) so wische ich es gleich mit einem Tuche ab." Da entgegnete die Söntgen (die wegen des ihr bewußten Vorgangs am Char-


[S. 43] freitage das Wegwischen des Bluts auch auf die zur Schau liegenden Hand- und Fußmaale in ihren Gedanken ausdehnte) folgende Worte: "das Verbergen ist vergebens; man weiß in Münster doch wohl, daß du blutest." Auf diese unschuldige Art entstand der Irrthum bei der Klara Söntgen, daß die Emmerich seit Charfreitag wieder an allen Maalen, auch an denen der Hände und Füße blute, was die Leidende aber aus Furcht vor den Quaalen einer neuen, bloß weltlichen Untersuchung zu verbergen suche. – Diesen so auch mir mitgetheilten Irrthum hatte ich in meinem Aufsatz, der am 3. Juli l[aufenden] J[ahres] im Rh[einisch] westf[älischen] Anz[eiger] erschien, einfließen lassen, welchen Irrthum ich aber, sobald der eben in jenem Blatte so garstig angegriffene, redliche Mann mich eines andern belehrte, sofort im Anzeiger zu berichten eilte, ohne damals von der Organisirung einer neuen Untersuchung (ich betheure es auf mein Wort) auch nur die entfernteste Ahnung gehabt zu haben. S[iehe] Beil[age] N[ume]ro I am Ende. Ich halte es nämlich für Pflicht, eben sowohl den anerkannten Irrthum offen und sofort einzugestehen, als der gekränkten Unschuld möglichst beizuspringen.

 

Haben die Gegner, ihre Sache zu vertheidigen, keine gründlichere Waffen, als wie die Buben mit Gassenkoth zu werfen, Geister zu speien; so dürfte der billige Leser leicht merken, auf wessen Seite die Schaale der Wahrheit siegend sinke.

 

O. A. M. D. G.

 


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