Seligsprechungsprozess

Die katholische Kirche verehrt solche Personen als Selige oder Heilige, die im Rufe eines besonders vorbildlichen Lebens stehen. Für die Seligsprechung ist ein langwieriges, mehrstufiges, kirchenrechtlich geregeltes Verfahren zu durchlaufen, in dem heroische Tugenden und bewirkte Wunder nachzuweisen sind.

Den ersten Schritt bildet ein Prozess, den der Diözesanbischof durchzuführen hat. Ziel ist es durch Zeugenaussagen und schriftliche Beweise einerseits Tugenden und bekannt gewordene Wunder, andererseits aber auch die bisher noch nicht praktizierte - weil verbotene - öffentliche Verehrung einer Person nachzuweisen. Eine Beratung an der Kurie war, vor der Reform von 1983, erst 50 Jahre nach dem Tod des Seligzusprechenden erlaubt. Im Falle Anna Katharina Emmericks (gest. 1824) tobte zu dieser Zeit der Kulturkampf in Preußen und der Bischof lebte im Exil, weshalb der Informationsprozess erst 1891 begann.

Nach dessen erfolgreichem Abschluss sandte Bischof Dingelstad 1899 die Akten an die für das weitere Verfahren zuständige Ritenkongregation in Rom. Als erstes waren Anna Katharinas Schriften, wie sie Brentano überliefert hatte, auf ihre Konformität mit der Glaubenslehre zu prüfen. Dafür sieht das Kirchenrecht eine Dauer von mindestens 10 Jahren vor. Erst dann werden die einsandten Akten auf ihre Glaubwürdigkeit, anschließend deren Aussagen inhaltlich bewertet. Hierzu kam es aber nicht mehr, weil der Prozess 1928 zu den Akten gelegt wurde.

Im sogenannten Tugendprozess geht es um den Nachweis, dass die Person am Ort ihres Todes im Ruf eines Heiligen gleichen Lebenswandels steht, sich dieser Ruf erhalten und noch vermehrt hat. Im Wunderprozess ist u.a. durch ärztliche Atteste das Bewirken von Wunderheilungen zu beweisen. 

Nach dem Bischof Tenhumberg um die Wiederaufnahme nachgesucht hatte (1973), verkündete die Ritenkongregation 2001 den positiven Abschluss des Tugendprozesses und 2002 des Wunderprozesses. Papst Johannes Paul II. sprach Anna Katharina Emmerick darauf am 3. Oktober 2004 selig.

 

Pater Thomas a Villanova Wegener (1831-1918)

Ein Augustiner regte als Präfekt der Ritenkongregation die Einleitung eines Seligsprechungsverfahrens für Anna Katharina in seinem Orden an. In ihrem 50. Sterbejahr (1874) trugen Dülmener Geistliche Gegenstände aus dem Nachlass zusammen und stellten sie im angemieteten Sterbehaus aus. 

Pater Thomas Wegener, ein Neffe Domdechant Krabbes, trat 1886 in den Augustinerorden ein, nachdem er sich bei Bischof Johann Bernhard für die Einleitung des Informationsprozesses eingesetzt hatte. Gemeinsam mit dem Provinzial Pater Pius Keller war er 1892 Postulator in dem in Münster geführten Prozess. Zuvor hatte er eine populäre Lebensbeschreibung Anna Katharinas verfasst und sorgte maßgeblich für die Errichtung des Emmerick-Hauses zur Pflege ihrer Verehrung.

Hermann Dingelstad, Bischof von Münster (1889-1911)

Hermann Dingelstad fiel als Bischof der Diözese, in der Anna Katharina gestorben war, die Aufgabe zu, den Seligsprechungsprozess aufzunehmen. Seine Amtszeit ist gekennzeichnet durch die Neuorientierung des Katholizismus in der Zeit nach dem Ende des Kulturkampfes. 

Prägend für Dingelstad war eine konservative Grundeinstellung. Neben zahlreichen Kirchenneubauten förderte er das katholische Vereinswesen, Volksmissionen und Wallfahrten. Daher rührt auch sein Interesse und sein Einsatz für die Seligsprechung Anna Katharinas, die als vorbildliche Gläubige die Frömmigkeit befruchten sollte. Denn die Anerkennung ihrer Visionen eignete sich als Gegenposition zur Moderne, die dem Offenbarungsglauben kritisch gegenüberstand.

Bericht über den Besuch der bischöflichen Kommission am Grabe Anna Katharina Emmericks

(Dülmener Anzeiger vom 23. Januar 1897)
Abschluss des Informationsprozesses durch den Bischof von Münster

(Dülmener Anzeiger vom 24. September 1898)

Übersendung der Prozessakten an die Ritenkongregation in Rom 

(Dülmener Anzeiger vom 20. Mai 1899)


Pater Winfried Hümpfner 

Bevor die Ritenkongregation den eigentlichen Seligsprechungsprozess eröffnen konnte, musste die schriftliche´ Überlieferung Anna Katharinas geprüft werden, die gerade einen wesentlichen Anteil ihrer Verehrung ausmachte. Dabei waren nicht nur die durch Brentano und Schmöger publizierten Werke zu untersuchen, sondern auch die Manuskripte ihrer Visionen, wie sie Brentano auf über 16.000 Blatt seinen Tagebüchern anvertraut hatte. Allein die Lektüre erforderte viel Zeit. 

Erschwerend wirkte sich aus, dass bald Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Überlieferung Brentanos auftauchten. Es galt die Frage zu klären, ob Brentano nur der selbst stilisierte Protokollant der Visionen war oder ob diese von ihm inhaltlich überarbeitet worden waren. Drei Gutachter kamen 1917 zu dem Schluss, dass sich die Schriften nicht eindeutig Anna Katharina zuordnen ließen, weshalb ihnen für den Prozess keine Beweiskraft zugemessen wurde. Trotzdem verlangte man weitere kritische Studien.

Der Augustinerorden, der ein Interesse an der Seligsprechung Anna Katharinas hatte, beauftragte daraufhin sein Mitglied Pater Winfried Hümpfner mit einer Durchsicht von Brentanos Papieren. Das Ergebnis seiner Studien erschien 1923 im ordenseigenen St. Rita-Verlag in Würzburg unter dem Titel Clemens Brentanos Glaubwürdigkeit in seinen Emmerick-Schriften. Hümpfners Urteil bestand in dem Nachweis, dass die Emmerick-Schriften Brentanos und seine Tagebücher weitgehend das Produkt seiner Phantasie seien und nicht die genuinen Visionen Anna Katharinas wiedergäben.

Nach dem Zusammenbruch eines wesentlichen Pfeilers der Beweisführung galt es neben den 160 Zeugenaussagen, die im Informationsprozess gesammelt worden waren, weitere schriftliche Zeugnisse für den Tugendprozess zusammenzustellen. Hümpfner als bester Kenner der Quellenlage publizierte 1925 das Tagebuch des Arztes Dr. Wesener mit ergänzenden Akten der staatlichen Untersuchung von 1819. 

Eine weitere Aktenedition erschien 1929, ein Jahr nach dem das Heilige Offizium 1928 die Ablage der Prozessunterlagen im Archiv angeordnet hatte. Sie enthielt die Protokolle der kirchlichen Untersuchung von 1813 und weitere schriftliche Aussagen zum Leben Anna Katharina Emmericks.